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Schule:"Ich habe das Gefühl, dass ich hier wirklich etwas bewirken kann"

Jonas Akaou hat mit seiner Klasse im Fach "Weltbürgerkunde" gerade das Projekt "Jugendkriminalität". Sie haben sich den Film "Knallhart" angeschaut, der die Geschichte des 15-jährigen Michael erzählt, der mit seiner Mutter nach Neukölln zieht, Drogenkurier wird und am Ende ein Gang-Mitglied erschießt. Immer wenn es zu laut wird, stellt Akaou an seinem Laptop die Stoppuhr ein, die Zahlen flimmern über den Beamer, und wenn am Ende der Stunde mehr als drei Minuten draufstehen, kriegt die ganze Klasse kein Plus. Das gleiche gilt, wenn mehr als zwei Schüler zum Schluss bei der Verhaltensampel auf "Rot" stehen: kein Plus, für die ganze Klasse.

Es sind Regeln, die den Schülern in allen Fächern wiederbegegnen und die ihren Ehrgeiz anstacheln: Wenn einer zu viel quatscht, wird er vom Banknachbarn ermahnt. Wenn die Schüler gut mitarbeiten, gibt es Lobpunkte. Bei 40 Punkten erhalten die Eltern einen Lobanruf. "Normalerweise wird zu Hause angerufen, wenn es mal wieder Ärger gab", sagt Schulleiterin Schäfer. "Bei uns sollen die Eltern auch wissen, wenn sie Grund haben, stolz auf ihre Kinder zu sein."

Jonas Akaou, dessen Vater aus Marokko eingewandert ist, hat selbst nie Lehramt studiert, sondern Politik- und Islamwissenschaften. Er kam über die Ehrenamtlichen-Organisation Teach First an die Schule, erst mal nur für zwei Jahre, dann blieb er. "Ich habe das Gefühl, dass ich hier wirklich etwas für die Schülerinnen und Schüler bewirken kann", sagt Akaou, dunkelbraune Haare, kurz geschnittener Vollbart, kariertes Hemd. Als Student hat er in Neukölln bei einem politischen Bildungsprojekt für Jugendliche mitgearbeitet, da hat es ihn gepackt.

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Nach den ersten drei Stunden versammelt sich die ganze Schule unten im großen Saal, der Aula, Kantine und manchmal auch Turnhalle ist. Über 100 Schüler auf Hockern, ihre Lehrer mittendrin. Am Rand steht Schulleiterin Schäfer und lässt den Blick schweifen zu den Sesseln auf dem Podium. Quinoa hat sechs Bundestagskandidaten eingeladen, von SPD bis AfD, und womöglich denken die Politiker da oben anfangs, sie hätten leichtes Spiel, solange sie sich bei den Jugendlichen anbiedern und versprechen, den Privatschulen das Leben leichter zu machen. Doch dann stürmen die Fragen auf sie ein vom Klimaschutz über die Zukunft des Flughafens Tegel bis zu ihren Konzepten für zusätzliche Kitaplätze. Besonders der AfD-Kandidat, ein Studienrat von einem benachbarten Gymnasium, wird gegrillt, was denn dieses Plakat solle, auf dem zu lesen steht: "Neue Deutsche? Machen wir selber!" Nein, nein, beteuert er, das sei nicht gegen Jugendliche wie sie gerichtet. Da johlt der Saal.

"Die Quinoa-Schule hat das Ziel, dass all ihre Schüler*innen die Chance auf eine selbstbestimmte Zukunft wahrnehmen", so steht es auf ihrer Website, und an diesem Morgen in September bekommt man eine Idee, was das heißen könnte. Aber warum an einer Privatschule? Ginge das nicht auch unter staatlicher Hoheit? "Wir haben die Möglichkeit, ein ganz neues, ein eigenes Konzept zu entwickeln", sagt Quinoa-Geschäftsführerin Ulrike Senff. "Dazu nutzen wir die inhaltlichen Freiheiten, die eine private Schule uns bietet."

Und die ökonomischen dazu: Die Schule hat mehrere Großspender und bereitet gerade eine Kleinspender-Kampagne vor. Als sogenannte Ersatzschule, die grundsätzlich die gleichen Unterrichtsinhalte anbieten muss wie staatliche Institutionen, erhält sie rund zwei Drittel ihres Budgets vom Land Berlin, den Rest muss sie selbst decken - was anderen Privatschulen oft als Rechtfertigung dient für ihre zum Teil exorbitanten Elternbeiträge. Bei lediglich 17 Prozent Zahlern muss Quinoa jedoch einen Weg gehen, der für andere Privatschulen der Image-Super-GAU wäre: Sie bezieht Zuschüsse aus dem sogenannten Bonusprogramm "für Schulen in schwieriger Lage", sprich: mit hohem Anteil benachteiligter Schüler.

Kann diese kleine Schule Blaupause werden für ähnliche Projekte anderswo in Berlin und in Deutschland? Oder funktioniert das Geschäftsmodell Quinoa nur, solange es nicht zu viel Konkurrenz um das bisschen gesellschaftliche Unterstützung bekommt? Diese Fragen sind offen, noch ist Quinoa ein prekäres Projekt. Die Lehrer erhalten nur zwei Drittel des staatlichen Gehalts. Die Fluktuation ist hoch, gerade die jungen Lehrer hängen sich rein, einige können irgendwann nicht mehr. Hier kann man wie Juliane Schäfer mit 30 Jahren Schulleiterin werden.

Nach dem Auftritt der Politiker sitzt Schäfer in einem Besprechungsraum mit schlechtem Licht und erzählt von ihrem Referendariat. Sie hat es an einem bayerischen Gymnasium absolviert - an einer Schulform also, die vielen als Beweis dafür gilt, dass sich auch staatliche Schulen abschotten, ganz ohne Schulgeld. Jetzt leitet sie eine Schule, die als Beleg dafür herhalten könnte, dass ausgerechnet an einer Privatschule das Gegenteil möglich ist: Offenheit, Integration, Chancengleichheit. Doch Schäfer will sich nicht abgrenzen, von niemandem, auch nicht vom bayerischen Gymnasium. "Das war eine harte Zeit", sagt sie nur. Und erzählt dann, was sie noch alles im Wedding vorhaben.