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Projekt für junge Geflüchtete:"Wir füllen die Lücke"

Petra Becker, Gründerin des Lernprojekts "Back on Track“ für syrische Flüchtlingskinder

Petra Becker, Gründerin des Lernprojekts "Back on Track" für syrische Flüchtlingskinder.

(Foto: Christoph Mack)

Immer samstags versammelt Petra Becker Kinder aus Syrien in einem Klassenzimmer in Berlin. Und lernt mit ihnen - ganz ohne Druck.

"Marhaba!", ruft Petra Becker, als sie den Lernraum betritt, das arabische Wort für "Hallo". Einige Mädchen und Jungs antworten "Marhaba!", einige sagen "Guten Tag". Und wieder andere sind so vertieft in ihre Aufgaben, dass sie gar nicht mitbekommen, dass Petra Becker neben ihnen steht. Eine Deutsche, die sich in ­Berlin mit ihren Schülerinnen und Schülern auf Arabisch unterhält - diese Szene sagt alles über den Unterricht, den Petra Becker organisiert.

Der findet nicht in einem Klassenzimmer statt, sondern am Samstagnachmittag in einem Gemeinschaftszentrum in Berlin-Lichtenberg. Überall sitzen Kinder über ihre Hefte gebeugt, in den Räumen, auf den Fluren und im Café. Dazwischen wuseln Lehrkräfte herum, Petra Becker selbst geht von Tisch zu Tisch, guckt einem Mädchen über die Schultern, das mit einem Stift den Buchstaben B nachzieht, lässt sich von einem Jungen eine Rechenaufgabe mit einem Hubschrauber zeigen. Die Mädchen und Jungen sind hier, weil sie lernen wollen, dies aber lange nicht konnten. Sie haben Krieg und Verwüstung erlebt oder waren in Flüchtlingslagern im ­Libanon und in der Türkei. Viele von ihnen waren jahrelang nicht auf einer Schule, müssen in ihrer neuen Heimat Berlin aber nun in Grund- oder Sekundarschulen mithalten. In einer Sprache, die sie erst lernen müssen.

Petra Becker, 56, lebt mit ihren beiden Töchtern in Berlin.

Beruflicher Werdegang: Beckers Leben ist eng mit Syrien ver­woben, sie hat dort in den 80er-Jahren studiert und geheiratet. Von 2003 bis 2012 leitete sie den Sprachendienst der deutschen Botschaft in Damaskus. Als der Krieg begann, verließ sie Syrien und musste sich in Deutschland etwas Neues aufbauen. Sie forschte erst an der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) zum Syrienkonflikt, 2016 grün­dete sie den Verein "Back on Track", ­der in Berlin Unterricht für ­syrische Flüchtlingskinder organisiert.

Als Schülerin war ich selbst: eine unerträgliche Besserwisserin, den Lehrern oft zu vorlaut - aber dafür Klassensprecherin. Mein Schulleiter am Gymnasium stand politisch ganz woanders als ich, aber er hat uns dazu erzogen, Rückgrat zu zeigen. Dafür bin ich noch heute dankbar.

Im Umgang mit Schülern hilft mir: dass ich fließend und akzentfrei Arabisch spreche. Das verblüfft sie so, dass ich viel Vorschuss-Kredit genieße.

Ein Satz, den ich von Eltern und (manchmal Lehrern) nicht mehr hören kann: "Das Kind gibt sich keine Mühe." Jedes Kind lernt gern, wenn es sich ­angenommen fühlt.

Deswegen hat Petra Becker das Lernprojekt "Back on Track" für syrische Flüchtlingskinder gegründet, zusammen mit Lehrkräften, die selbst aus Syrien flüchten mussten. Die sitzen jetzt mit den Kindern zusammen, Frauen mit Kopftuch und junge Männer, ein Lehrer hat seine Tochter auf dem Schoß, die er lange nicht gesehen hat, er durfte erst vor Kurzem seine Familie aus Syrien nachholen. Was er heute machen wolle, fragt er einen elfjährigen Jungen auf Arabisch. "Mathe", sagt der und greift nach einem Lineal.

Die Kinder dürfen sich aussuchen, was sie durchnehmen wollen, "wir sind keine Schule und keine Nachhilfestunde, sondern ein Ort, an dem man selbstbestimmt Wissenslücken auffüllen kann", sagt Becker. Sie ist ­eigentlich Politologin, sie hat lange in Damaskus gelebt und gearbeitet, ihr inzwischen verstorbener Mann war Syrer. Die Pädagogik hat sie für sich entdeckt, als sie ihren heute erwachsenen Kindern und deren Freunden in Damaskus Französisch-Unterricht gab, "da habe ich gemerkt, dass die Schule den Wissensdurst von Kindern gar nicht stillen kann."

Das sagen die Schüler*innen:

"In Syrien sind die Lehrer oft sehr streng. Hier geht es darum, dass die Schüler alles verstehen sollen."

"Es macht Spaß, dass wir auch ­mal ­rausrennen und Fußball spielen ­dürfen."

"Petra ist sehr nett und weiß viel, und als ein Lehrer an ­meiner Schule mich und meine ­Eltern sprechen wollte, ist sie ­mit­gekommen."

Sie geht in einen Raum, in dem Teenager zusammensitzen. Die Älteren helfen hier den Jüngeren, die 14-jährige Mahsa lässt sich auf Arabisch ihre Hausaufgaben ­erklären. Sie geht auf ein Berliner Gymnasium und will Abitur machen, "hier kann ich lernen, was ich in der Schule nicht verstanden habe." Wie sie würden viele Flüchtlingskinder ihr Pensum sonst kaum schaffen. Die Berliner Schulen haben nicht genügend Lehrer und Mittel, um auf die syrischen Schüler einzugehen, sagt Becker, "da heißt es dann schnell: Wieso willst du unbedingt den Zugang zur Oberstufe schaffen, mach doch eine Ausbildung."

Das Gemeinschaftszentrum wird immer voller, an allen Tischen arbeiten nun Kinder. Manche sind sehr still, anderen fällt es schwer, sich zu konzentrieren, man merkt, dass sie Schlimmes erlebt haben. Ein kleiner Junge hat Monate lang nicht gesprochen. Sie könne die Kinder nicht therapieren, sondern ihnen nur einen Ort bieten, sagt Petra Becker, einen Ort, "an dem kein Druck ausgeübt wird und niemand fragt, warum kommst du hierher."