Antisemitismus an Schulen Das Verhältnis zwischen Israelis und Deutschen ist noch immer belastet

Eine Referentin der Gedenkstätte lotst die Gruppe durch die Touristen, die sich zwischen Vitrinen und Schaukästen zusammendrängen. Sie bleibt vor einem nachgebildeten Wohnzimmer stehen, mit vielen Büchern, einem Klavier und einem Telefon, die typische Wohnung einer großbürgerlichen jüdischen Familie in Mitteleuropa. Die Referentin erzählt dazu einen Zeitzeugenbericht aus den Dreißigerjahren: Ein jüdischer Arzt mit einem großen Freundeskreis brauchte eines Tages Hilfe, um Deutschland verlassen zu können. Er rief alle seine Freunde und Bekannten an. Keiner von ihnen ging ans Telefon.

Es gehe darum, Geschichte am Beispiel von Personen zu erzählen, sagt die Referentin. An ihrem Alltag, den Entscheidungen, die sie zu treffen hatten. Wie der Berliner Vater, der seinen sechsjährigen Sohn mit einem Kindertransport nach England schickte. Er selbst musste zurückbleiben und wurde später ermordet. Sein Sohn litt so sehr unter der Trennung, dass er nicht mit dem Vater sprechen wollte, wenn er anrief. Also schrieb der Vater Postkarten. Eine liegt in einer Vitrine: mit einem Hasen darauf, weil der Junge Ostern liebte. Frau S. hört aufmerksam zu, später kauft sie im Shop der Gedenkstätte eine Reproduktion der Karte. Sie ist 34 und strahlt mit jeder Geste aus, dass sie für ihren Beruf brennt. Vielleicht könne sie ihren Schülern damit etwas erklären, sagt sie. Wie Familien zerrissen wurden, Kinder plötzlich allein waren. Wie nah einem die Vergangenheit sein kann, wenn sie den Alltag berührt.

Antisemitismus "Antisemitisch - was heißt das überhaupt?"
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"Antisemitisch - was heißt das überhaupt?"

Religiöses Mobbing an Schulen ist ein Problem. Saba-Nur Cheema gibt deshalb Workshops gegen Antisemitismus - auch wenn einige Schüler den Begriff gar nicht kennen.

Die Lehrkräfte sehen sich die Halle der Namen an, jenen berühmten kegelförmigen Raum mit den vielen Fotos der Ermordeten. Sie legen einen Kranz in der Halle der Erinnerung nieder, unter deren dunklen Steinplatten sich Asche aus den Konzentrationslagern befindet. Und sie sitzen über Stunden in einem der vielen Seminarräume; die Gedenkstätte ist weltweit für ihre Schulungen bekannt. Draußen liegen die grünen Hügel von Jerusalem, drinnen hängen Lagerpläne des Konzentrationslagers Auschwitz. Die Lehrkräfte hören Vorträge, wie sich der Antisemitismus über die Jahrhunderte verändert hat oder lernen, was man unter "Arisierung der Erinnerung" versteht. Dass sich das Wissen über den Holocaust nämlich vor allem aus dem zusammensetzt, was die Täter überliefert haben. Und dass man im Unterricht so genannte Ego-Dokumente verwenden solle, Fotos, Aussagen oder Texte, die von den Opfern selbst stammen.

Es ist alles sehr dicht, für Fragen bleibt wenig Zeit, auch nicht für die Beklemmung, die sich einstellt. Wie weit man hier, mitten in den Hügeln von Jerusalem, von Deutschland entfernt ist und wie eng verwoben man mit diesem Ort doch ist. Und wie belastet das Verhältnis zwischen Israelis und Deutschen immer noch ist. Als sich ein junger Gymnasiallehrer in einem Ausstellungsraum mit einer Kollegin unterhält, wird er plötzlich von einem israelischen Soldaten angesprochen, der mit seiner Einheit Yad Vashem besucht. Was ihm einfalle, hier Deutsch zu sprechen, sagt er.

Es sind Begegnungen, die Eindruck hinterlassen, der komplizierte Alltag in Israel, einmal kreist ein Hubschrauber über der Gedenkstätte und ein Security-Mann scheucht die Gruppe im Laufschritt vom Gelände, offenbar ist irgendwo etwas passiert. Und man sieht mit eigenen Augen, wie nahe von hier oben das Westjordanland ist und damit der Nahostkonflikt, der ganz neue Formen der Judenfeindlichkeit hervorgebracht hat, vor allem bei den arabischstämmigen Schülern. "Eigentlich müsste man es den Schülern ermöglichen, hierherzukommen", sagt Frau S.

Erst aber kommt die Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres zu Besuch. Sie stößt am Abend im Hotelrestaurant zur Gruppe, geht von Tisch zu Tisch, hört sich alles an. Über die Schüler eines Oberstufenzentrums im bürgerlichen Berliner Westen etwa, die im Geschichtsunterricht eine Fernsehdokumentation über das 20. Jahrhundert sahen. Kaum ging es dabei um die Staatsgründung Israels 1948, wurde laut aufgestöhnt. Eine Lehrerin aus Kreuzberg erzählt, dass ihre türkischen Schüler beim Thema Holocaust gerne sagten: Was geht uns das an, das ist doch eure Geschichte.

Frau S. kennt Sandra Scheeres schon, die Senatorin war an ihrer Schule, nachdem dort die Decke eingestürzt war, auch das ist Alltag an Berliner Schulen. Scheeres sagt, dass Demokratie nichts Selbstverständliches sei und jede Generation sich das erarbeiten müsse. "Wir als Deutsche haben eine Verantwortung, daran zu erinnern." Sätze, die man nicht oft genug sagen kann. Und die doch etwas offenlassen: Wie man sie in Berlin umsetzen soll, an Schulen, an denen so viel an den Lehrern hängen bleibt. Bei Frau S. etwa. Eines Tages wandte sie sich wegen eines Schülers ans Jugendamt, mehrere Hundert Mal hat sie angerufen. Niemand reagierte, Frau S. alarmierte die Polizei, wo man ihr sagte: Macht ihr Lehrer doch mal. Denn wer könnte sonst etwas bewirken?

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