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Chancengleichheit:Fünf schädliche Bildungsmythen

Ministerin sieht keinen Handlungsbedarf bei Einschulungs-Stichtag

Erstklässler warten auf ihre Einschulung in eine Düsseldorfer Grundschule.

(Foto: dpa)

Haben wir nicht alles erreicht? Bildung ist Allgemeingut. Der Akademikeranteil steigt, der Anteil der Hochschulzugangs­berechtigten liegt so hoch wie noch nie, alles ist gut! Wirklich? Höchste Zeit, einige Mythen zu korrigieren.

Auf dem Tisch liegen die Daten der Vermächtnisstudie, immer mit dem gleichen Ergebnis: Bildungsarmut ist Vertrauensarmut. Bildungsarme Menschen sehen ihr Vertrauen enttäuscht, ihre Leistungen nicht honoriert, den Gesellschaftsvertrag gebrochen. Sie fühlen sich ausgeschlossen, bleiben unter sich, müssen es bleiben. Denn während in Wissenschaft und Forschung eine Art Aufbruchsstimmung herrscht, ergeht sich die Bildungspolitik in zu vielen zu kleinteiligen Reformen - über 500 waren es in Deutschland in den vergangenen 50 Jahren.

Nachhaltig verbessert hat sich dadurch nichts. Die Bildungsarmut ist geblieben. Was auch an vielen Fehlannahmen liegt, die eine klare Akzentsetzung verhindern. Ich greife fünf Behauptungen zur Bildungsrepublik Deutschland auf und entgegne: Diese Überzeugungen sind empirisch nicht zu halten. Es sind Mythen. Und sie sind schädlich.

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Mythos 1: "Bildungsarmut ist unvermeidbar." In Deutschland haben 13 Prozent der heute 25- bis 34-Jährigen keinen Sekundarabschluss. Oft heißt es: Es braucht dieses Zehnt Bildungsarmer. Ein bestimmter Anteil der Gesellschaft könne nicht ge- und ausgebildet werden. Doch anderen europäischen Ländern gelingt es, Bildungsarmut zu vermeiden. In 16 von 28 Mitgliedstaaten der EU ist der Anteil von Jugendlichen ohne Schulabschluss niedriger als in Deutschland, obwohl die Qualität von Bildung gleichwertig ist.

Mythos 2: "Soziale Selektivität muss sein." In Deutschland hängen Bildungschancen und -erfolge von Kindern stark von sozialer Lage und Bildungsstand ihrer Eltern ab. Kinder gering gebildeter Eltern haben auch bei gleichen kognitiven Leistungen schlechte Aussichten. Die Chancen von Kindern aus Akademikerfamilien auf einen Gymnasialbesuch sind fast viermal so hoch wie für Facharbeiterkinder und fast sechsmal so hoch wie für Kinder von Un- und Angelernten. Dieser enge Zusammenhang ist nicht zwingend. In Dänemark, Estland und Finnland beispielsweise beeinflusst die soziale Herkunft den Bildungserfolg weit weniger stark.

Mythos 3: "Die Bildungsexpansion senkt die Bildungsrendite." Was wenige haben, ist auf dem Arbeitsmarkt ein besonders wertvolles Gut: Mit diesem Argument wird gern davor gewarnt, zu vielen Menschen das Abitur oder ein Hochschulstudium zu ermöglichen. Aber die Lohnspreizung zugunsten von Akademikern ist heute größer denn je. Entscheidend ist, wie sich der Arbeitsmarkt entwickelt. Eine Sättigung des Bedarfs an Hochqualifizierten ist nicht in Sicht.

Mythos 4: "Die Systeme beruflicher und akademischer Bildung sind durchlässig." Diese Aussage ist falsch. Im Schuljahr 2016/17 lagen die Anteile der Studienanfänger über den dritten Bildungsweg bei mageren drei Prozent.

Mythos 5: "Die Ausgaben für Bildung liegen auf einem hohen Niveau." Richtig ist: Die Ausgaben des Bundeshaushalts für Bildung, Forschung und Wissenschaft im Jahr 2017 betrugen 9,0 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Betrachtet man allerdings nur das Budget für Bildungseinrichtungen in öffentlicher und privater Trägerschaft, reduziert sich der Wert auf 5,1 Prozent des BIP. Um diesen Wert schwanken die Bildungsausgaben bereits seit über zehn Jahren und liegen damit im europäischen Durchschnitt (2015: 5,0 Prozent). Die skandinavischen Länder geben 2016 mit bis zu sieben Prozent am meisten für Bildung aus.

Baufällige Schulen, stinkende Toiletten - das ist schlecht für Kinder

Wir wissen: Gut gebildete Menschen leben länger und gesünder, sie sind politisch und sozial engagierter, haben eine größere Teilhabe an der Gesellschaft und setzen größeres Vertrauen in sie. Bildungsarmut ist Vertrauensarmut. Denn Bildung ist mehr denn je der maßgebliche Kitt für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und auch der zentrale Faktor für den Erfolg auf dem Arbeitsmarkt. Die Arbeit geht uns in absehbarer Zeit nicht aus, Tätigkeiten verändern sich, uns fehlen eher gut ausgebildete Menschen. Was also wäre zu tun?

Zuallererst müssten wir eine nationale Allianz zum Abbau von Bildungsarmut schmieden. Länderübergreifend wäre die Zuweisung staatlicher Mittel stärker an den Bedarfen der Schulen auszurichten. Hamburg verfolgt diesen Ansatz mit großem Erfolg. Für Kitas gilt im Prinzip das Gleiche. Auf- und auszubauen wäre eine aufsuchende Bildung, durch die Kinder aus Elternhäusern, denen es weniger gut geht, von früh an auch zu Hause unterstützt werden. Wir brauchen also für die sogenannten Brennpunktschulen und Kinder aus sozial schwierigen Lagen mehr Geld und mehr Personal.

Hinzu kommt, dass die für Bildungseinrichtungen schon bereitgestellten Gelder unbedingt genutzt werden müssen. Dies gilt insbesondere für die Renovierung von Schulen. Baufällige Einrichtungen, stinkende Toiletten, klebrige Unterlagen sind ein schlechtes Umfeld für Kinder. Ungern geht man in solche Kitas und Schulen, vernünftig kann man da nicht lernen. Der Investitionsstau ist extrem.

Dazu wird die Segregation unserer Schulen immer größer. Für Kinder ist es aber nicht gut, wenn sie nur zusammen mit Kindern unterrichtet werden, die aus der gleichen sozialen Schicht kommen - denn dies fördert Teufels- und Tugendkreise. Wir brauchen deshalb eine reflektierte Zuweisung von Kindern zu Schulen. Auch das machen uns andere Länder vor. Die Lehrerinnen und Lehrer dürfen wir bei all dem nicht alleinlassen. Sie brauchen Hilfe und Schutz vor Anfeindungen und Bedrohungen. Sonst können sie nichts ausrichten und verlieren ihre Motivation. Es ist erstaunlich, mit welcher Verve wir über das Zentralabitur reden, wie viele sich zu Wort melden und sich engagieren. Wann nehmen wir das Problem der Bildungsarmut ähnlich ernst? Gewinnen würden wir sehr viel.

Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, schreibt im Wechsel mit Nikolaus Piper jeden Freitag eine Kolumne im Wirtschaftsressort der Süddeutschen Zeitung. Vor zwei Wochen erschien:
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