Süddeutsche Zeitung

Bildungspolitik:"Akademikerschwemme, so ein Quatsch"

Wie viele Studenten passen in einen Hörsaal? Was ist der Bachelor-Abschluss wert? Horst Hippler, Chef der Hochschulrektoren, gibt Antwort.

Interview von Ulrike Nimz und Johann Osel

SZ: Herr Hippler, wir haben jetzt mehr als 2,7 Millionen Studenten in Deutschland. Der Campus hier in Karlsruhe ist so voll wie jeder andere. Als Sie Physik in Göttingen studierten, hatten Sie noch deutlich mehr Platz.

Horst Hippler: In den 60er-Jahren hat man auch heiter neue Universitäten gegründet, weil man dachte: Wir brauchen noch ein paar Akademiker zusätzlich. Studieren war eine exklusive Sache. Dass die Gesellschaft sich im Wahnsinns-Tempo zu einer Wissensgesellschaft entwickelt, war damals gar nicht absehbar. Unser Hochschulsystem hat sich dadurch nachhaltig verändert.

Heute gibt es praxisorientierte Fachhochschulen, Berufsakademien und Universitäten, die sich trotz der vielen Alternativen kaum vor Studienbewerbern retten können. Warum ist das so?

Wir haben in der Vergangenheit einen Fehler gemacht. Wir haben die Universitäten zu stark ausgebaut - und die Fachhochschulen nicht stark genug. Sodass wir jetzt die Situation haben, dass die meisten jungen Menschen an die Universitäten gehen, weil dort eben die meisten Studienplätze sind. Es ist natürlich auch einfacher, an großen Universitäten Plätze zu schaffen. Bei kleineren Einrichtungen braucht man plötzlich mehr Fläche, mehr Räume - das ist teurer. In einen Hörsaal, in den 200 Menschen passen, bekommt man auch 300 unter, wenn man sich ein bisschen Mühe gibt. Genau das ist passiert: Eine Universität wie Karlsruhe, konzipiert für 10 000 Studierende, hat jetzt 25 000. Das ist auch irgendwie machbar. Allerdings auf Kosten der Studienbedingungen und Betreuung.

Professoren haben den "Akademisierungswahn" ausgerufen, Betriebe klagen über Lehrlingsmangel, mitunter ist von einer "Akademikerschwemme" die Rede. Wann ist die Grenze erreicht?

Akademikerschwemme, so ein Quatsch. Studierende sind doch kein Treibgut. Das klingt, als würden wir massenhaft arbeitslose Akademiker produzieren, die nicht wissen, was sie tun sollen. Dem ist nicht so. Was wahr ist: Man hat sich jahrelang von der OECD aufschwatzen lassen, dass wir mehr Akademiker brauchen - und dabei ignoriert, dass es bei uns das System der dualen Ausbildung gibt. Aber jetzt Grenzen zu ziehen, davor warne ich. Das ist Planwirtschaft, man muss immer auch an das Individuum denken. Generell soll jeder junge Mensch das Recht haben, seinen Fähigkeiten entsprechend die bestmögliche Qualifizierung zu erhalten. Klar ist aber: Die Hochschulen brauchen eine nachhaltige Finanzierung. Wir sind nicht bereit, die Qualität des Studiums aufs Spiel zu setzen.

Wie viel ist ein Studienabschluss wie der Bachelor wert, wenn die Mehrheit eines Jahrgangs ihn hat?

Ich weiß nicht, ob man das so vergleichen kann. Ich glaube, dass jeder seinen Weg mit Bedacht wählt. Wie und mit welcher Ausrichtung ein Abiturient am Ende lernt, was Elektrotechnik ist - ob mit Bachelor-Studium, einer Ausbildung oder beidem - muss ihm überlassen bleiben. Hauptsache, das System ist transparent und in alle Richtungen durchlässig. Ich halte gar nichts davon, Ausbildung und Studium gegeneinander auszuspielen, wie es gerade von vielen Leuten gemacht wird.

Aber Schulabgänger heute suchen doch an der Universität quasi eine Berufsausbildung.

Das stimmt nicht. Vielleicht suchen manche eine, aber sie finden sie nicht. Hochschulen bilden nicht direkt für ein klar umrissenes Berufsfeld aus, außer im Fall von Lehrern, Juristen und Ärzten. Das Training on the Job können die Hochschulen der Wirtschaft nicht abnehmen.

Wer zum Beispiel BWL studiert, der will doch nicht Wirtschaftstheoretiker werden - sondern eine Art "Kaufmann plus".

Noch einmal: Wir bilden nicht für den Beruf aus. Es geht vielleicht nicht immer um eine wissenschaftliche Karriere danach - aber um wissenschaftliches Denkvermögen. Und das Wichtigste an den Hochschulen: das Formen der Persönlichkeit. Durchlässigkeit heißt auch: mehr Studenten mit Berufserfahrung - aber dann auch ohne Abitur als Eintrittskarte... Für mich geht es vor allem darum, dass man Leute zum Studium zulässt, bei denen man auch überzeugt ist, dass sie es schaffen können. Dafür kann das Abitur nicht mehr das alleinige Kriterium sein.

Was raten Sie einem Physik-Bachelor? "Weitermachen."

Warum?

Wenn heute 50 Prozent der Schulabgänger oder mehr Abitur haben, heißt das nicht, dass genauso viele auch ein Studium schaffen. Jeder soll sich ausprobieren dürfen, mit einer gut gestalteten Studieneingangsphase können wir helfen. Aber wir müssen auch ein frühes Signal geben, wenn es nicht reicht.

"Ein Physiker nach sechs Semestern ist nie im Leben ein Physiker", lautete vor einigen Jahren Ihre Feststellung, demnach reicht das Fachwissen eines Bachelors noch nicht, um einen Beruf auszuüben. Wann haben Sie sich zum ersten Mal als Physiker gefühlt?

Sicher nicht nach dem Vordiplom.

Die Bologna-Reform mit dem Bachelor sollte aber nach sechs Semestern einen berufsbefähigenden Abschluss liefern.

Man muss nach Fächern differenzieren. In Ingenieur- und Technikberufen kann man mit dem Bachelor von der Uni wenig anfangen, ein Arbeitsmarkt ist kaum vorhanden. Aber viele Geisteswissenschaftler finden schon mit dem Bachelor einen Berufseinstieg. Und von Fachhochschulen, die Wissenschaft anwendungsnah vermitteln, gehen tatsächlich ganz viele Bachelors auch aus den technischen Studiengängen gleich in den Job.

Was raten Sie einem Physik-Bachelor?

Weitermachen.

Und wenn seine Bachelor-Noten nicht für die Zulassung zum Master reichen?

Zumindest in den naturwissenschaftlichen und technischen Fächern an den Universitäten, aber beispielsweise auch bei den Lehramtsstudierenden, sollte jeder Bachelor die Möglichkeit haben, seinen Master zu machen. Hier braucht man genauso viele Master- wie Bachelorplätze. Das heißt nicht, dass ein Durchstudieren garantiert sein muss. Ein Hochschulwechsel kann sinnvoll und auch notwendig sein. Bei der Zulassung zum Master allein auf die Note zu setzen, halte ich allerdings für schwierig.

Wäre es dann nicht klüger, dass Fachhochschulen nur bis zum Bachelor ausbilden und die Universitäten grundsätzlich bis zum Master?

So ein amerikanisiertes System - die Colleges bereiten vor, dann übernehmen die Unis - ergibt wenig Sinn. Dafür ist unsere Hochschullandschaft zu vielfältig. Einige Fachhochschulen versuchen, sich durch starke Forschungsleistungen zu profilieren, und machen das ganz gut. Umgekehrt gibt es Unis, die sich stark auf eine gute, innovative Lehre konzentrieren. Dass die Grenzen fließend sind, macht uns stark. Die Welt schaut auf unser System, wir stehen gut da.

Stichwort Welt: Der Datenreport des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) zeigt, dass deutsche Studenten immer noch selten ein Auslandssemester machen. Wie erklären Sie sich das?

Auslandsaufenthalte kosten Geld. Die Unterstützung vom DAAD oder bei Erasmus ist wichtig, aber nicht immer hinreichend. Viele Studenten haben auch Angst, Zeit zu verlieren. Dabei will die Wirtschaft gar nicht die ganz Jungen. Es geht an Hochschulen um Bildung und Reife, das braucht Zeit. Dass Tempo um jeden Preis nichts bringt, hat die Wirtschaft mittlerweile erkannt. Nur Konzerne können es sich leisten, sozusagen unfertigen Absolventen die nötige Entwicklungszeit zu geben. In Deutschland leben wir aber ganz wesentlich von kleineren, mittelständischen Unternehmen. Die können das nicht und wollen Leute mit mehr Lebenserfahrung. Das hat sich nur noch nicht bei allen Studenten herumgesprochen.

Würde ein Pflichtaufenthalt im Ausland für alle Studenten Sinn ergeben?

Durchaus, dafür müsste man aber zum Beispiel die Bafög-Regeln verändern. Im Grundsatz gilt: Wenn wir nun fast überall beim achtjährigen Gymnasium sind, kann man auch ein bisschen länger studieren. Immer älter werden wir auch, und länger arbeiten wir sowieso. Warum sich also nicht fürs Studieren mehr Zeit nehmen?

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Quelle:
SZ vom 10.08.2015
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