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Bildungspolitik:Was raten Sie einem Physik-Bachelor? "Weitermachen."

Warum?

Wenn heute 50 Prozent der Schulabgänger oder mehr Abitur haben, heißt das nicht, dass genauso viele auch ein Studium schaffen. Jeder soll sich ausprobieren dürfen, mit einer gut gestalteten Studieneingangsphase können wir helfen. Aber wir müssen auch ein frühes Signal geben, wenn es nicht reicht.

"Ein Physiker nach sechs Semestern ist nie im Leben ein Physiker", lautete vor einigen Jahren Ihre Feststellung, demnach reicht das Fachwissen eines Bachelors noch nicht, um einen Beruf auszuüben. Wann haben Sie sich zum ersten Mal als Physiker gefühlt?

Sicher nicht nach dem Vordiplom.

Die Bologna-Reform mit dem Bachelor sollte aber nach sechs Semestern einen berufsbefähigenden Abschluss liefern.

Man muss nach Fächern differenzieren. In Ingenieur- und Technikberufen kann man mit dem Bachelor von der Uni wenig anfangen, ein Arbeitsmarkt ist kaum vorhanden. Aber viele Geisteswissenschaftler finden schon mit dem Bachelor einen Berufseinstieg. Und von Fachhochschulen, die Wissenschaft anwendungsnah vermitteln, gehen tatsächlich ganz viele Bachelors auch aus den technischen Studiengängen gleich in den Job.

Was raten Sie einem Physik-Bachelor?

Weitermachen.

Und wenn seine Bachelor-Noten nicht für die Zulassung zum Master reichen?

Zumindest in den naturwissenschaftlichen und technischen Fächern an den Universitäten, aber beispielsweise auch bei den Lehramtsstudierenden, sollte jeder Bachelor die Möglichkeit haben, seinen Master zu machen. Hier braucht man genauso viele Master- wie Bachelorplätze. Das heißt nicht, dass ein Durchstudieren garantiert sein muss. Ein Hochschulwechsel kann sinnvoll und auch notwendig sein. Bei der Zulassung zum Master allein auf die Note zu setzen, halte ich allerdings für schwierig.

Wäre es dann nicht klüger, dass Fachhochschulen nur bis zum Bachelor ausbilden und die Universitäten grundsätzlich bis zum Master?

So ein amerikanisiertes System - die Colleges bereiten vor, dann übernehmen die Unis - ergibt wenig Sinn. Dafür ist unsere Hochschullandschaft zu vielfältig. Einige Fachhochschulen versuchen, sich durch starke Forschungsleistungen zu profilieren, und machen das ganz gut. Umgekehrt gibt es Unis, die sich stark auf eine gute, innovative Lehre konzentrieren. Dass die Grenzen fließend sind, macht uns stark. Die Welt schaut auf unser System, wir stehen gut da.

Stichwort Welt: Der Datenreport des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) zeigt, dass deutsche Studenten immer noch selten ein Auslandssemester machen. Wie erklären Sie sich das?

Auslandsaufenthalte kosten Geld. Die Unterstützung vom DAAD oder bei Erasmus ist wichtig, aber nicht immer hinreichend. Viele Studenten haben auch Angst, Zeit zu verlieren. Dabei will die Wirtschaft gar nicht die ganz Jungen. Es geht an Hochschulen um Bildung und Reife, das braucht Zeit. Dass Tempo um jeden Preis nichts bringt, hat die Wirtschaft mittlerweile erkannt. Nur Konzerne können es sich leisten, sozusagen unfertigen Absolventen die nötige Entwicklungszeit zu geben. In Deutschland leben wir aber ganz wesentlich von kleineren, mittelständischen Unternehmen. Die können das nicht und wollen Leute mit mehr Lebenserfahrung. Das hat sich nur noch nicht bei allen Studenten herumgesprochen.

Würde ein Pflichtaufenthalt im Ausland für alle Studenten Sinn ergeben?

Durchaus, dafür müsste man aber zum Beispiel die Bafög-Regeln verändern. Im Grundsatz gilt: Wenn wir nun fast überall beim achtjährigen Gymnasium sind, kann man auch ein bisschen länger studieren. Immer älter werden wir auch, und länger arbeiten wir sowieso. Warum sich also nicht fürs Studieren mehr Zeit nehmen?

Uni-Städte in Deutschland

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© SZ vom 10.08.2015

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