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Abitur in Pandemie-Zeiten:"Corona hat meine ganzen Pläne über den Haufen geworfen"

Jorge, Laura und Alina, Kombo zu Abitur in Pandemie-Zeiten, 1.5220929

Bloß nicht zu sehr auf etwas freuen: Jorge Pfeiffer, Laura Trefzger und Alina Thiele merken, wie schnell in der Pandemie Träume platzen können.

(Foto: privat)

Was wird aus all den schönen Vorhaben für die Zeit nach dem Abitur? Drei Gymnasiasten erzählen, was sie planen und wie es sich anfühlt, ständig ausgebremst zu werden.

Protokolle von Christiane Bertelsmann

Wenn Jugendliche, die in diesem Jahr ihr Abitur machen, eines gelernt haben, dann das: flexibel bleiben. Das haben sie wegen der Pandemie schon in den Monaten vorher üben müssen: Unterricht in Präsenz oder auch nicht, ohne und mit Maske, in größeren und kleineren Lerngruppen, in letzter Minute abgesagte Jahrgangsreisen, verschobene Prüfungstermine.

Auch für die Zeit nach dem Abitur kann keiner richtig und zuverlässig planen. Klappt es mit dem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ)? Mit der Ausbildung? Dem Studium? Kann ich zu Hause ausziehen, in einer neuen Stadt studieren? Ein junger Mann und zwei junge Frauen, die in dieser Saison Abitur machen werden, berichten, was sie danach vorhaben und wie sie mit der besonderen Situation umgehen:

In New York modeln: Lässt sich das realisieren?

Alina Thiele, 17, aus Berlin:

"New York ist mein absoluter Nummer-eins-Ort. Es wäre mein Traum, dort ein Jahr lang zu leben. Um die Stadt kennenzulernen, wollte ich eigentlich im Mai nach dem Abi mit meiner Mutter nach New York fliegen. Das war jedenfalls vor Corona die Idee, wir planen das seit drei Jahren. Nach der Reise mit meiner Mutter würde ich ein Jahr in Berlin jobben und dann nach New York ziehen, um dort weiter zu modeln. Schon seit ich 15 bin, jobbe ich als Model. Das macht mir mega viel Spaß, weil man neue Orte sieht und viele Leute kennenlernt. Und man kann damit ganz gut Geld verdienen.

Alina Thiele kann sich vorstellen, Immobilienmaklerin zu werden.

(Foto: privat)

In der Schulzeit konnte ich nicht jeden Job annehmen, den mir die Agentur vermittelt hat. Deshalb wollte ich nach dem Abi so viel wie möglich als Model arbeiten, um Geld zu verdienen, damit ich für die Anfangszeit in New York einen Puffer habe. Die Miete ist dort ja wahnsinnig teuer, und ich weiß auch noch nicht, wie schnell ich dort Jobs finden würde. Ob das so klappt, wie ich mir das wünschen würde, ist natürlich nicht klar. Im letzten Jahr hatte ich wegen Corona viel weniger Jobangebote. Ich muss sehen, wie das weitergeht. Die Arbeit als Model ist ja nichts für die Ewigkeit. Man braucht eine Perspektive für danach.

Ich habe mir im vergangenen Jahr immer wieder überlegt, wohin es jobtechnisch gehen soll. Ob ich studiere oder doch lieber eine Ausbildung mache. Noch vor ein paar Jahren habe ich gedacht, dass ich unbedingt Psychologie studieren möchte. Ich finde es interessant zu verstehen, wie Menschen funktionieren und Leuten auf einer mentalen Ebene helfen zu können. Wahrscheinlich reicht mein Abi-Notendurchschnitt dafür nicht. Ich habe aber gehört, dass das Studium in Holland keinen Numerus clausus hat. In Amsterdam zu leben, könnte ich mir auch gut vorstellen - und dort zu jobben, um damit mein Studium zu finanzieren, wenn ich das geschaukelt bekomme. Oder ich mache ein Fernstudium, da wäre ich flexibler.

Eine andere Idee wäre eine Ausbildung als Immobilienmaklerin, alles, was mit Wohnen und Inneneinrichtung zu tun hat, interessiert mich schon immer sehr. Eine Ausbildung in dem Bereich könnte ich auch mit einem dualen Studium kombinieren. Eine Freundin meiner Mutter arbeitet als Immobilienmaklerin, mit ihr spreche ich demnächst mal darüber. In jedem Fall muss ich improvisieren und abwarten, wie sich die Situation entwickelt."

An die Ostsee statt nach Südamerika

Jorge Pfeiffer, 19, aus Schwerin:

"Mein Plan ist in den letzten Monaten gereift. Da habe ich mich intensiv damit beschäftigt, was ich nach der Schule machen möchte. Ich hatte schon immer Interesse an allem, was mit Kriminalitätsbekämpfung zu tun hat. Eine andere Sache, die ich mir auch hätte vorstellen können, wäre etwas mit Zahlen und Finanzen gewesen. Aber das wäre mir auf Dauer doch zu eintönig. Ich habe viel über die Arbeit bei der Polizei gelesen, habe mir Reportagen, Videos und Dokumentationen angeschaut.

Jorge Pfeiffer strebt ein Studium im Bereich Kriminologie an.

(Foto: privat)

Am liebsten würde ich ein duales Studium machen, das wäre beim Bundeskriminalamt oder bei der Bundespolizei möglich. Für einen Ausbildungsplatz beworben habe ich mich schon, und ich bin bereits im Auswahlverfahren. Ich musste dafür einen psychodiagnostischen Test machen. Dabei werden allgemeines Denkvermögen und Konzentrationsfähigkeit geprüft und Aufgaben zur Rechtschreibung, Grammatik und Wortbedeutung gestellt. Den habe ich schon mal bestanden. Danach wird man zum persönlichen Gespräch eingeladen, aber das wurde wegen Corona verschoben. Ich war da schon ziemlich hinterher, dass ich die Bewerbung rechtzeitig abgebe. Das ist eigentlich gar nicht so typisch für mich, dass ich mich so intensiv kümmere, aber in dem Fall war das anders. Es ist mir einfach sehr wichtig.

Das Studium würde am 1. Oktober losgehen. Die Zeit dazwischen hätte ich gerne im Ausland verbracht; zwei, drei Monate Südamerika, das hätte ich toll gefunden, vielleicht Work and Travel. Dass das jetzt nicht möglich sein wird, ist nicht so schlimm, das war nicht meine oberste Priorität. Dafür würde ich jetzt in der Zwischenzeit nach dem Abi versuchen, meinen Führerschein fertig zu machen. Der war wegen Corona erst mal auf Eis gelegt, ich konnte keine Fahrstunden nehmen. Statt eine Reise weiter weg zu machen, würde ich mir ein gebrauchtes Auto kaufen und mit meiner Freundin an die Ostsee fahren, nach Polen oder in die Niederlande, für ein oder zwei Wochen. Geld habe ich noch auf dem Sparbuch, das ist mein Jugendweihegeld.

Die Zeit nach dem Abi wird nicht so frei und sorglos sein. Ohne Corona hätte ich in dem Bewusstsein gelebt: Ich kann überall hingehen, auf Festivals, auf Konzerte, das Leben genießen. Jetzt noch mal sechs Monate zu Hause zu sitzen, dazu habe ich eigentlich keine Lust. Das ist ja eigentlich gerade die Zeit, wo man die Möglichkeit hat, etwas zu machen."

Vielleicht klappt das FSJ beim Roten Kreuz

Laura Trefzger, 18, aus Baden-Baden:

"Ich bin eigentlich sehr engagiert, und jetzt merke ich, wie furchtbar es ist, den ganzen Tag zu Hause zu sitzen. Es gibt in der Schule keine AGs, der Chor darf nicht proben, die Schülerzeitung, bei der ich Chefredakteurin bin, habe ich ins Netz verlegt. Im letzten Sommer ist die Sommerakademie ausgefallen, auf die ich mich besonders gefreut hatte.

Laura Trefzger möchte auf alle Fälle Jura studieren.

(Foto: privat)

Nach dem Abi hätte ich gern ein Praktikum in einer Anwaltskanzlei gemacht, das kann auch nicht stattfinden. Meinem Job als Kellnerin kann ich ebenfalls nicht mehr nachgehen, der Führerschein zieht sich, weil die Prüfungen abgesagt wurden. Man kann keine Freunde treffen, sieht niemanden in der Schule. Es wird wahrscheinlich keinen Abistreich und keinen Abiball geben. Unsere Studienfahrt nach Italien konnte auch nicht stattfinden.

Ursprünglich wollte ich nach dem Abi einen internationalen Jugendfreiwilligendienst in einer Klinik in Belgien machen, weil ich in Frankreich studieren möchte. Aber jetzt mit Corona ist mir das Ganze nicht sicher genug - wer weiß, ob ein Auslandsaufenthalt dann überhaupt möglich ist. Für viele meiner Mitschüler ist es noch schwieriger, gerade für diejenigen, die schon vor Corona keinen Plan hatten, was sie nach dem Abi machen wollen. Weil die Berufs- und Studienberatungsveranstaltungen nicht stattfinden können, gibt es kaum Anlaufstellen, wo man hinkönnte, um sich beraten zu lassen. Es gibt natürlich Online-Angebote, aber das passt zeitlich oft nicht. Ich habe zum Glück die Möglichkeit zu sagen, ich habe andere Optionen. Aber für die Abiturienten, die nicht wissen, was sie machen wollen, ist es ein Riesenproblem, dass die Orientierungstage wegfallen.

Was für mich definitiv feststeht: Ich möchte Jura studieren. Gerade weil das sehr lernintensiv ist - ich suche die Herausforderung. Und ich liebe es, Gesetzestexte durchzulesen und mag die Vorstellung, Menschen aktiv helfen zu können. Ich wollte mich für Jura mit Schwerpunkt deutsch-französisches Recht an einer deutschen und einer französischen Uni einschreiben - aber auch da weiß ich nicht, ob das möglich ist. Ich habe mich sehr aufs Studium gefreut; endlich rauskommen, in eine andere Stadt ziehen. Aber wenn das Studium nur online stattfindet, wird auch das nichts, und ich werde weiter zu Hause wohnen.

Corona hat meine ganzen Pläne über den Haufen geworfen. Jetzt muss ich umdenken. Wahrscheinlich bewerbe ich mich vor dem Studium um ein FSJ in Deutschland, am liebsten beim Roten Kreuz oder in einer Klinik."

© SZ vom 05.03.2021
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