50 Jahre "Jugend forscht" Ungeduld mit dem Fortschritt

Theodor Hildebrand, erster Bundessieger Mathematik, 1966

Die Zukunft kann Theodor Hildebrand nicht mehr überraschen, jedenfalls nicht, wenn es um Computer geht. "Das hatten wir doch alles schon", sagt er. Erst nach und nach werde umgesetzt, was er aus jahrzehntelanger Arbeit mit Netzwerken bereits kenne. "Und manches ist immer noch nicht da", sagt er.

Schon auf dem Gymnasium ging es ihm mit dem Schulrechner viel zu langsam. Also beschloss er, selbst einen Computer zu bauen, als Jahresarbeit für das Abitur. Es sollte ein Rechner sein, der sich nicht durch Relaisschaltungen quälen musste, sondern mit Transistoren die Informationen zügig weitergab. Weil die Halbleiter für einen Schüler zu teuer waren, durchsuchte Hildebrand die aussortierte Technik von Labors nach noch funktionsfähigen Transistoren. Etwa zwei Monate brauchte er, bis er das Material zusammenhatte und insgesamt neun Monate Nacht- und Sonntagsarbeit, um den Computer in Gang zu bringen. Als er fast fertig war, machte ihn ein Freund auf den neuen Jugend-forscht-Wettbewerb aufmerksam.

Der Computer war ein Erfolg. Er sei etwa hundert Mal schneller gewesen als der gemütlich vor sich hintickernde Relaisrechner an der Schule: "Der hat sich angehört wie eine Telefonzentrale, während man bei mir einen Knopf gedrückt hat, und das Ergebnis war da." Zwar konnte sein Computer noch nicht viel, nur die Grundrechenarten - aber das reichte, um anhand von Schaukarten die Funktionsweise zu erklären. Klein war der Apparat damals nicht: In einem ein Meter langen Kasten hatte Hildebrand etwa 50 Lochkarten angeordnet. Sehr anschaulich, und es funktioniert auch noch, fand die Jugend-forscht-Jury. Sie schickte Hildebrand in die USA, um den Rechner bei der Dallas Science Fair zu präsentieren - dort erreichte er den dritten Platz.

Anders als geplant

Der junge Tüftler war sehr beeindruckt von den USA, nicht nur weil dort gerade der Wettlauf um den Flug zum Mond die Nation elektrisierte: Ihn faszinierten die großzügigen Möglichkeiten für Forscher, das wollte er auch einmal haben. Zunächst aber studierte er in Bonn und Berlin Mathematik, und als endlich der Fachbereich Informatik eingerichtet werden sollte, half er dabei mit. Dann kam alles ganz anders.

Die Frau, die er kennenlernte und heiratete, war keine Amerikanerin, sondern Französin - er folgte ihr in die Heimat. Hier arbeitete er 35 Jahre lang für den IT-Dienstleister Atos, der elektronische Zahlung und Bankautomaten in Frankreich publik machte. Hildebrand baute eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung auf - und wurde als einziger Deutscher unter 800 Mitarbeitern gleich auf Geschäftsreise in die USA geschickt: Seine französischen Kollegen taten sich mit Englisch etwas schwerer als er. So landete Hildebrand doch noch zumindest als Gast im Silicon Valley, am Puls der Computerentwicklung.

Nebenbei wurde er als Experte in die Europäische Kommission geholt, wo er wissenschaftliche Projekte begutachtete und kontrollierte: Dafür habe er schon mal 400 Seiten in einer Stunde lesen müssen. Langweilig wurde ihm auch sonst nicht, er fühlte sich weiterhin wie ein Pionier. Mit seinen Kollegen im Silicon Valley habe er bereits 1979 in einem Netzwerk wie dem Internet gearbeitet und Rechner benutzt, deren Anwendungen nicht auf Servern liefen, sondern direkt im Netz: "Das gibt es heute noch nicht, alles schreitet sehr langsam voran", sagt Hildebrand. Er hat seine Neugier nicht verloren - und auch nicht seine Ungeduld.