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100 Jahre Waldorfschule:Rudolf ... wer?

Waldorfschule Japan

Schrift und Bild: bunte Schülerhefte an der ältesten japanische Waldorfschule in Fujino bei Tokio.

(Foto: Thomas Hahn)

Waldorfschulen gibt es kaum in Japan. Die Verfechter sind aber überzeugt: Gerade ihrem Land täte mehr Bildung nach den Ideen Rudolf Steiners gut - als Alternative zum Leistungsdruck an den Staatsschulen.

Das Festkomitee zum 100. Geburtstag der Waldorfpädagogik ist vollzählig versammelt. Es kann losgehen am großen Tisch einer kleinen Wohnung im Tokioter Stadtteil Shibuya, nachdem man kurz zuvor eine Podiumsdiskussion zu den Segnungen der Eurythmie an der nahegelegenen Aoyama-Gakuin-Universität erfolgreich über die Bühne gebracht hat. Aber die Runde nimmt sich noch etwas Zeit für ein paar Fragen zu ihrem Leben neben dem japanischen Mainstream.

Lauter vergnügte Mütter von Waldorfschulkindern sitzen im Kreis. Shiori Ando, Lehrerin für Musik, Musikgeschichte und Literatur an der Steiner-Schule in Kyoto, übersetzt ins Englische. Und ohne in einen Ton verachtender Kritik abzugleiten, erzählen sie, wie froh sie darüber sind, dass ihrem Nachwuchs erspart geblieben ist, was an öffentlichen Schulen in Japan die Regel sei: bedingungsloser Frontalunterricht, Leistungsdruck, starre Lehrpläne.

"Ich habe das Gefühl, meine Kinder haben ein gesundes Selbstbewusstsein", sagt eine Mutter. Eine andere berichtet: "Meine Tochter ist in der Lage, für sich zu entscheiden, was sie mag und was nicht." Sie fügt hinzu: "In Japan gibt es eine klare Vorstellung davon, was ein normaler Lebensweg ist. Waldorfschüler sind davon frei."

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Das Jubiläum der Waldorfpädagogik mobilisiert in diesem Jahr Anhänger auf der ganzen Welt. Man besucht sich, hält Symposien ab, erzählt von den Erfahrungen mit jener Alternativschule, die der österreichische Ur-Anthroposoph Rudolf Steiner 1919 im Auftrag der deutschen Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart einführte. Besonders in Japan hofft die Geburtstagsgesellschaft, dabei mehr Aufmerksamkeit zu wecken für den Steinerschen Anspruch, Bildung nicht von oben herab in die Kinder hineinzutrichtern, sondern sie im Einklang mit den Talenten und Bedürfnissen jedes einzelnen zu entwickeln. Denn in Japan ist die Steiner-Bewegung klein. 126 Millionen Menschen gibt es dort, Zehntausende Bildungseinrichtungen - und sieben Waldorfschulen. Dabei gilt Japan als Hotspot der Einheitserziehung mit großen Klassen, Schuluniformen und wenig individueller Förderung. Die Waldorf-Vertreter sind sich einig: Mehr Steiner bräuchte das Land.

Die Kritik am japanischen Schulsystem ist alt und klar: Es funktioniere nach dem Bauplan einer konservativen Konsensgesellschaft, in der weder Querdenken noch Selbstverwirklichung vorgesehen seien. Dass die öffentlichen Schulen nur urteilsschwache Herdenmenschen hervorbringen, kann man nicht sagen. Die japanische Gesellschaft ist lebendig, und man spricht durchaus über einen Bedarf an Schulreformen. "Die Empfehlung, Druck rauszunehmen, gibt es seit über 20 Jahren", sagt Shiori Ando. Aber: "Es ist nicht genug passiert."

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Aquarelle malen, Theater spielen und Noten gibt es erst am Schluss: Die Waldorfschule will den Schülern die Freude am Lernen lassen. Doch bereitet sie auch auf die Arbeitswelt vor? Unsere Autorin erinnert sich.

Japans Staat scheint zu fürchten, dass eine meinungsstarke Jugend eines Tages die Ordnung und Arbeitsethik im Land infrage stellen könnte. Im Weißbuch des Bildungsministeriums von 2017 steht der Satz: "Der Zweck von Erziehung ist es, den Charakter jedes Kindes zu perfektionieren." Was heißt das?

Colin P. A. Jones, Professor an der Doshisha Law School in Kyoto, hat kürzlich in der Japan Times Textbücher für Grund- und Mittelschulen auf ihren moralischen Inhalt hin geprüft. Sein Eindruck: "Rechte geltend zu machen, scheint ausschließlich negativ besetzt zu sein: Jemand pocht auf sein Recht und vernachlässigt dadurch seine Pflichten, oder jemand nutzt seine Freiheiten exzessiv zum Nachteil von anderen. Die Idee, dass Rechte etwas Individuelles sind, das jedes Kind einfordern könnte gegen jene anderen drumherum, wird nie vorgestellt." Und wer das kleine Reich der japanischen Waldorf-Bewegung bereist, hört viele ernsthafte Gedanken. Rieko Hata zum Beispiel sagt: "In den öffentlichen Schulen gibt es ganz wenig Raum, um sich frei auszudrücken. Die Kinder müssen sehr schnell wachsen. Sie können ihre Kindheit nicht genießen."

Waldorfschule Japan

Mit acht Kindern hat es 1987 angefangen. Heute lernen 233 Schülerinnen und Schüler an der ältesten Waldorfschule Japans.

(Foto: Thomas Hahn)

Rieko Hata, 62, zierlich, willensstark, ist eine Pionierin der Waldorfpädagogik und Expertin für die Bewegungskunst in der Schulerziehung. Sie war dabei, als eine Gruppe von Querdenkerinnen und Querdenkern in einem kleinen Raum in Tokio-Shinjuku die erste Waldorfschule Japans gründete. 1987 war das, wie sie in bedächtigem Deutsch erzählt. Rieko Hata hatte damals ein wenig erfüllendes Philosophiestudium in Tokio hinter sich und vier Jahre als Eurythmie-Lernende in München. Nach der Rückkehr nach Japan traf sie auf lauter Seelenverwandte, die erstens das herkömmliche Schulsystem satthatten, zweitens inspiriert waren von den Bestsellern der Tokioter Germanistik-Professorin und Waldorf-Verfechterin Michiko Koyasu. Nach langen Debatten wagten sie das Abenteuer. "Mit acht Kindern hat es angefangen", sagt Rieko Hata. "Ohne Geld, ohne Erfahrung, ohne staatliche Erlaubnis."

Die Schule ist in den Jahrzehnten danach vier Mal umgezogen und stetig gewachsen. Heute ist sie eine gestandene Einrichtung, mit 233 Schülerinnen und Schülern sowie 44 Lehrerinnen und Lehrern in Fujino, Präfektur Kanagawa, vor den Toren Tokios. Sie bekommt mittlerweile Zuschüsse vom Staat. Kann sein, dass sie für Rieko Hatas Geschmack jetzt sogar etwas zu gestanden ist. Sie lächelt. Sie erinnert sich an Leute, die genau zu wissen glaubten, wie die Waldorf-Erziehung funktioniert, und an überflüssige Regeln, die mit der staatlichen Förderung nach Fujino kamen. Rieko Hata findet, Steinerschulen sollten nie so tun, als seien sie fertig. "Waldorf-Pädagogik ist kein System, sie ist wie eine Saat, die Wurzeln schlagen muss in unserem Land", sagt sie, "wir müssen sehr flexibel sein." Bis vor zwei Jahren hat Rieko Hata in Fujino gearbeitet, dann machte sie sich selbständig als Erzieherin und eine Art Missionarin der Eurythmie.

Waldorfschule Japan

Yoshihito Kimura leitet die Waldorfschule in Fujino bei Tokio.

(Foto: Thomas Hahn)

Die Zugfahrt nach Fujino ist lang. Sie führt aus dem Häusermeer Tokios hinaus in eine schroffe Landschaft aus dicht bewachsenen Bergen. Vom Bahnhof geht ein Bus. Noch mal 20 Minuten auf kurviger Strecke, ehe rechter Hand das orangefarbene Schulhaus auftaucht. Auf dem sandigen Schulhof herrscht Betrieb, weil die Schule einen Tag der offenen Tür abhält, vor allem für Eltern. Schulleiter Yoshihito Kimura empfängt in einem Raum der ersten Klasse. Die Erwachsenen sitzen auf niedrigen Stühlen und blicken auf ein Bild mit Sonne und Bäumen, das jemand mit bunter Kreide an die Tafel gemalt hat.

Kimuras Vortrag ist ruhig und freundlich. Keine Show, kein Geschwätz. Er will die Eltern mit den Ideen Steiners gewinnen. Die anderen Lehrkräfte, die auf der Tour durch die Etagen der Klassenstufen eins bis zwölf zu Wort kommen, strahlen eine gewachsene Freude an ihrer Arbeit aus. Und auch ein paar Schülerinnen und Schüler sind da, lauter gelöste Jugendliche aus der elften Klasse, die ein Lob anstimmen auf Praxisnähe und Konfliktkultur an ihrer Schule. "Wir müssen selber lernen", sagt ein Mädchen mit einer Blume in der Hand, "nicht von den Lehrbüchern."

Später sitzt Yoshihito Kimura in der Bibliothek des Nebengebäudes, das etwas weiter unten am Hügel nahe den schuleigenen Gemüsebeeten liegt, und erzählt von den Kindern. Manche sind hier, weil die Eltern ihnen nicht zumuten wollten, was sie einst selbst an öffentlichen Schulen mitmachen mussten. Für andere Kinder war schon der Druck im öffentlichen Kindergarten zu groß. Wieder andere haben Lernschwächen. "Hier wird langsamer gelernt, und uns ist wichtig, das Interesse zu wecken", sagt Kimura.

Waldorfschule Japan

Zum praxisnahen Unterrichtskonzept zählt ein Gemüsegarten.

(Foto: Thomas Hahn)

Früher arbeitete er in der Verwaltung einer Universität in Hokkaido und sah, wie wenig der Lehrbetrieb auf die Studierenden einging. Der Vortrag eines amerikanischen Waldorfschuldirektors machte ihn aufmerksam. Er stieg aus, zog nach Sacramento, um sich dort zum Waldorf-Klassenlehrer ausbilden zu lassen. Dass die Regierung seine Schule mittlerweile anerkennt, ist für ihn ein Zeichen: Weil die Zahl der Schulverweigerer groß sei, suche der Staat nach Alternativen zur herkömmlichen Strenge. "Vielleicht waren wir für sie auch eine Möglichkeit."

Trotzdem, Fujino ist weit weg von der großen Stadt, zu weit für viele Familien. "Wir sind nicht Mainstream, wir werden ein neuer Sidestream", sagt Kimura. Rieko Hata stimmt zu. Sieben Waldorfschulen - das ist nicht viel. Der Staat unterstützt nur zwei davon, die in Fujino und die auf Hokkaido, alle anderen sind Non-Profit-Organisationen, leben von Eltern-Engagement und Schulgebühren; die in Aichi und Fukuoka sind mit bis zu 50 Schülerinnen und Schülern außerdem noch sehr klein.

"Wir bräuchten mindestens mehr als zehn Waldorfschulen in Japan", sagt Rieko Hata, "oder zwanzig. Oder besser dreißig." Auch deshalb findet sie die Arbeit des vergnügten Festkomitees zum Waldorf-Jubiläum so wichtig. Damit mehr Leute verstehen, was es einer Gesellschaft bringt, wenn Kinder Freude am Lernen haben.

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