bedeckt München 26°

100 Jahre Waldorfschulen:Erfolg in Pastell

100 Jahre Waldorf: ´Mehr als nur seinen Namen tanzen"

Ein Blick ins Klassenzimmer der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe, der ersten Waldorfschule überhaupt.

(Foto: dpa)

Irgendwie anders und doch bürgerlich: Diese Schulen passen bestens in das wachsende schwarz-grüne Milieu. Ihre Beliebtheit ist auch eine Absage an das staatliche Bildungssystem.

Am Anfang stand der Zigarettenfabrikant. Emil Molt, Besitzer der Waldorf-Astoria GmbH, wünschte eine Schule für die Kinder seiner Arbeiter. Er war ein Anhänger von Rudolf Steiners Anthroposophie, er fragte den Meister, ob er diese Schule gründen wolle. Und so begann am 7. September 1919 auf der Stuttgarter Uhlandshöhe der Unterricht in der ersten Waldorfschule, als Keimzelle einer "Erziehungskunst", welche "das Lebendige im Menschen wieder erweckt", wie Steiner sagte. 191 Arbeiterkindern bezahlte Molt das Schulgeld; 65 Schüler kamen aus bürgerlich-antroposophischen Familien.

Löbliche pädagogische Initiativen gab es viele zu dieser Zeit - erstaunlich ist, dass ausgerechnet Rudolf Steiners Waldorfschulen die Brüche des 20. Jahrhunderts überstanden haben und in Blüte stehen wie nie zuvor. Steiner war ein philosophischer Außenseiter, seine Anthroposophie verband christliche und fernöstliche Spiritualität, Esoterik, Goethes Farbenlehre und Evolutionstheorien. Vieles, was er schrieb, klingt heute skurril. Was er über höher- und minderwertige "Wurzelrassen" dachte, ist rassistisch, was immer man zu seiner Entlastung vorbringen mag.

Schule "Die Waldorfschule ist stark weltanschaulich bestimmt"
100 Jahre Waldorf

"Die Waldorfschule ist stark weltanschaulich bestimmt"

Warum in der Waldorfpädagogik mehr Esoterik steckt, als viele Eltern vermuten, erklärt der Erziehungswissenschaftler Heiner Ullrich.   Interview von Bernd Kramer

Den Schulen hat das nicht geschadet. Rund 1150 gibt es weltweit, in Deutschland ist der Bund der Freien Waldorfschulen mit fast 250 Einrichtungen der größte freie Schulträger nach den Kirchen. Und irgendein Bild von der Waldorfschule hat jeder: Bauten ohne Kanten, Pastellfarben im Innern, Lehrer in Sandalen, Schüler, die ihren Namen tanzen. So ist das mit Klischees: Ein bisschen was stimmt schon. Dieser Erfolg in Pastell liegt zunächst schlicht darin, dass die Waldorfschule eine funktionierende Alternative zu den staatlichen Schulen ist. Statt Stoffverdichtung, Leistungsdruck und starren Unterrichtsvorgaben haben die Kinder Projektunterricht ohne Noten und Sitzenbleiben, statt Wissensbulimie (viel rein, viel raus) gibt es Lern- und Praxisphasen. Vielen Schülern tut das gut. Die Pisa-Testergebnisse sind ordentlich, die Abiturientenquote ist hoch. Der Run auf die Waldorfschulen ist eine Abstimmung über das real existierende staatliche Schulsystem samt der durch die Klassenräume wabernden Angst, ohne Paukerei bald nicht mehr mit den Chinesen mithalten zu können.

Das Bewusstsein bestimmt das Sein

Nicht weniger wichtig aber ist, dass die Waldorfschulen ins postmaterialistische schwarz-grüne Milieu passen wie kaum eine andere Bildungseinrichtung. Kein Zufall, dass in Stuttgart jeder fünfte Schüler ein Waldorfschüler ist. Die Steiner'sche Annahme, dass das Geistige das Materielle formt, passt bestens in die Maxime des gut abgesicherten Bürgertums: Das Bewusstsein bestimmt das Sein; Individualität und kulturelles Kapital sind für den gesellschaftlichen Status wichtiger als das schnöde Geld allein. Auf der Waldorfschule lässt sich dies auf angenehme Weise umsetzen. Das Schulgeld ist erträglich, man kann ein bisschen alternativ sein, ohne auf den Biohof ziehen zu müssen, man trifft auf gleichgesinnte Eltern und auf wenige Migranten. Die Häme, mit der Waldorfschüler manchmal überzogen werden, nährt sich aus der Wahrnehmung, dass sich hier eine Elite, die sich nicht so nennen mag, eine eigene Welt schafft.

Der Erfolg der Waldorfschulen liegt zudem an ihrer hohen Ambiguitätstoleranz: Lehre und Praxis stehen oft wenig verbunden nebeneinander. Überzeugte Steiner-Jünger unterrichten neben Lehrern, die nichts mit der Idee anfangen können, dass Kinder in Siebenjahresschritten den physischen Leib, den Ätherleib und dann den Astralleib ausbilden. Längst ist der einst verpönte Fußball erlaubt, erntet man bei Schülern spöttisches Lächeln, spricht man sie aufs Namentanzen an.

Strenge Antroposophen mögen dies beklagen - ohne die Entideologisierung aber wäre die gegenwärtige Durchsickerung des Bürgertums mit Produkten der Antroposophie kaum möglich, ob mit Demeter-Gemüse oder Weleda-Cremes, den Ethik-Fonds der GLS-Bank oder eben der Waldorfpädagogik. So kann sich jeder aus der Anthroposophie filtern, was ihm passt. Für die meisten Eltern ist die Waldorfschule ein attraktives Angebot auf einem wachsenden Privatschulmarkt, nicht mehr der Ort eines neuen Geistes, wie Steiner es wünschte. Sie ist Projektionsfläche für alle, die eine irgendwie andere und doch verlässliche Schule suchen.

Das verdrängt manchmal die Fragen, die es an die Schulen gibt. Da ist die Lehrerfortbildung, die oft nur im anthroposophischen Milieu stattfindet. Da ist Steiners Idee vom Lehrer als Priester - ein ziemlich autoritäres Modell, das zunehmend auch Waldorf-Pädagogen ablehnen. Vor allem aber müssen die Schulen ihr Verhältnis zur Philosophie ihres Gründers klären. Es hat einige weichgespülte Distanzierungen zu Steiners Aussagen über Schwarze, Juden, Asiaten gegeben; sie genügen nicht. Zu zentral ist die Rolle der angeblichen Wurzelrassen in seiner Lehre.

Gerade weil die Schulen blühen wie nie, braucht es die fundamentale Distanz. Die Waldorfschule der Zukunft sollte in diesem Punkt eine Schule ohne Steiner sein.

Schule Ich war Waldorfschülerin

Schule und Erziehung

Ich war Waldorfschülerin

Aquarelle malen, Theater spielen und Noten gibt es erst am Schluss: Die Waldorfschule will den Schülern die Freude am Lernen lassen. Doch bereitet sie auch auf die Arbeitswelt vor? Unsere Autorin erinnert sich.