Zweiter Weltkrieg in Unterfranken Spielkarten verheißen kommendes Unheil

Ein Kamerad hat ihm zuvor im Lazarett Karten gelegt. So eine schlechte Kombination habe er noch nie gehabt, sagt der andere Soldat zu Marx. Marx ist kein abergläubischer Mensch, aber seine Mutter ist krank. Er ist beunruhigt und will zu ihr fahren. Seine Uniformjacke hängt er im Schlafsaal hinters Bett. Die Zimmergenossen bittet er, ihn bei der Arztvisite zu entschuldigen. Er sei auf der Toilette, sollen sie sagen.

Marx geht mit seinen Krücken zum Bahnhof, niemand hält ihn auf. Er nimmt den Zug Richtung Karlstadt, 20 Kilometer mainabwärts. Alliierte Jagdflugzeuge beschießen den Zug, aber er kommt durch. Marx steigt in den Postbus am Abend. Die Fahrt zieht sich hin, denn der Bus fährt aus Sicherheitsgründen ohne Licht. Während der Fahrt sieht Marx plötzlich, wie der Himmel über Würzburg hell wird: Das Bombardement hat begonnen. Anton kommt gerade noch rechtzeitig nach Hause. Eine halbe Stunde später stirbt seine Großmutter. Seine Mutter erholt sich.

Seit 70 Jahren sind die beiden glücklich miteinander.

(Foto: Oliver Das Gupta)

Am nächsten Tag ruft ihn ein Kamerad an, der das Krankenhaus ebenso verlassen hat. Von ihm erfährt er das Ausmaß der Zerstörung in der Stadt. Auch das Lazarett sei völlig kaputt, die anderen Verwundeten wohl alle tot. Marx bleibt bei den Eltern, die Trümmer von Würzburg sieht er erst nach Kriegsende.

Sexuelle Gewalt und Gefangenenmorde an der Ostfront

In Gauaschach, einem Ort von damals etwa 700 Einwohnern, lernt er Evas Mutter kennen und dann Eva. Es war Sympathie auf den ersten Blick. "Mensch ist das ein hübsches Mädchen", sei es ihm durch den Kopf gegangen, sagt Anton und das Mädchen von damals lacht laut. Eva mag ihn und geht mit ihm spazieren. Ein anderer Dorfbewohner schimpft, dass die "Kriegskrüppel die schönsten Mädchen" bekommen würden. "Das fand ich so gemein", sagt Eva Marx, "das hat uns nur noch mehr zusammengeschweißt."

1948 verloben sie sich, vier Jahre später heiraten sie. Eva ist evangelisch und Anton katholisch, dennoch zelebriert der katholische Pfarrer die Vermählung. Der Geistliche lässt ein paar Bestandteile weg und füllt die Zeit mit einer längeren Predigt.

1959 bauen sie in Mühlbach, einem Ortsteil von Karlstadt, ein Haus, zwei Töchter sind da schon auf der Welt. Marx arbeitet als Gemeindeschreiber, später als Zivilangestellter bei der Bundeswehr. Dort eckt er mitunter bei den Kollegen in Uniform an. Wenn er Söhne hätte und diese den Wehrdienst verweigern würden, fände er das in Ordnung, sagt Marx ihnen.

Zweiter Weltkrieg Wie Hitlers Ostfront zusammenbrach Bilder
Aus dem Archiv von SZ Photo
Zweiter Weltkrieg 1945

Wie Hitlers Ostfront zusammenbrach

Eingekesselte Städte, übermächtige Sowjets und ein Diktator, der fatale Befehle gibt: Bilder von der Endphase des Zweiten Weltkriegs im Osten.

Er kann nicht vergessen, was er an der Ostfront 1944 erlebt hat. In seiner Einheit habe es Soldaten gegeben, die nicht mehr kämpfen wollten und deshalb erschossen wurden. Marx erzählt, dass er einmal mitbekam, wie sechs Wehrmachtssoldaten eine Baltin vergewaltigten. Sowjetische Soldaten, die sich ergeben hätten, seien ermordet worden. "Ich bin froh, dass ich das damals nicht machen musste", sagt er, und: "So wie wir uns verhalten haben, konnten wir keine Gnade von denen erwarten."

Selbstkritisch merkt er noch an, dass man damals vor dem Krieg ja davon gesungen habe, dass "uns morgen die ganze Welt" gehöre. "Wir hätten da doch erkennen müssen, worum es denen wirklich geht!" Marx schüttelt den Kopf, als ob er immer noch nicht fassen kann, was damals passiert ist.

Sonst sei er in Frieden mit sich, sagt er. Es sei eine Gnade, dass Eva und er gemeinsam so alt werden können. Jeden Morgen massieren sie sich wach "von den Zehenspitzen bis zur Platte". Angst vor dem Tod haben beide nicht. Nur davor, dass der andere zuerst stirbt. "Wenn du gehst, komme ich bald nach", sagt Eva.

Beim Abschied ist Anton Marx schneller an der Garderobe als der Gast, er hilft ihm in den Mantel. Arm in Arm stehen Eva und Anton Marx vor ihrer Haustüre und winken, zwei Liebende, die der Krieg zusammenbrachte.

Luftangriffe auf Dresden Zerstörung von Dresden rettete Michals Bruder das Leben
Protokoll
Bombennacht vom 13. Februar 1945

Zerstörung von Dresden rettete Michals Bruder das Leben

Für die Nazis musste Michal Salomonovič in einer Dresdner Munitionsfabrik schuften. 70 Jahre später schildert er, wie die Luftangriffe der Alliierten auf Dresden für seine Familie zum Glück wurden.   Von Oliver Das Gupta