bedeckt München 14°

Zweiter Weltkrieg:Als ein 400-Seelen-Dorf 2000 Vertriebene aufnahm

(Foto: Peter Roggenthin; Bearbeitung SZ)

Nach 1945 müssen 2000 Instrumentenbauer aus Schönbach im heutigen Tschechien ihre Heimat verlassen. Sie finden eine neue in Bubenreuth - und verändern diese.

Von Katja Auer

Persönlich war Paul McCartney nie in Bubenreuth, bislang wenigstens, und doch ist der Ex-Beatle irgendwie mit der Gemeinde in Mittelfranken verbunden. Sein Bass kommt nämlich von dort. Wie auch Instrumente von Elvis, den Rolling Stones, von Yehudi Menuhin. Denn aus dem mittelfränkischen Bauerndorf machten nach dem Zweiten Weltkrieg etwa 2000 Flüchtlinge aus dem Egerland ein Zentrum des Instrumentenbaus.

Annähernd zwei Millionen Menschen kamen nach dem Krieg nach Bayern, vertrieben aus ihrer Heimat im Sudetenland, in Ostpreußen, Schlesien und anderen Gegenden im Osten des ehemaligen Deutschen Reiches. Neue Städte wurden gegründet, Geretsried zum Beispiel, Neugablonz, Neutraubling, Waldkraiburg, Traunreut.

100 Jahre Freistaat Bayern

Diese Woche widmen wir uns der Geschichte des Freistaats Bayern, den Kurt Eisner am 8. November 1918 in München ausgerufen hat. Vom 29. April bis zum 6. Mai finden Sie jeden Tag um 19 Uhr eine neue Folge auf SZ.de. Alle Texte finden Sie auf dieser Seite.

Bubenreuth hatte 415 Einwohner, als der Gemeinderat einstimmig beschloss, 2000 Menschen aus Schönbach im Egerland aufzunehmen, heute Luby u Chebu in der Tschechischen Republik. Eine weitreichende Entscheidung, eine mutige dazu. Eine Musikstadt war Schönbach, spätestens seit dem 18. Jahrhundert. Ganze Geigenbauer-Dynastien lebten dort und machten den Ort zum mitteleuropäischen Zentrum des Instrumentenbaus. Dann kam der Zweite Weltkrieg, und als der vorbei war, wurden die Deutschen aus der Tschechoslowakei vertrieben.

Gerhilde Benker war 14 Jahre alt, als sie im September 1946 gehen musste. Mit Mutter und Großmutter, 200 Reichsmark und 70 Kilogramm Handgepäck. "Ein bisschen Wäsche, etwas Hausrat und zwei Federbetten." Der Vater war in Kriegsgefangenschaft. Gerhilde Benker kann sich noch gut erinnern, und sie kann es anscheinend ohne Groll. Längst ist sie in Bubenreuth daheim. Da hat sie ihren Mann Christian kennengelernt, da steht ihr Haus. Nebenan prangt der blaue Schriftzug "Karl Höfner", so hieß ihr Großvater, am alten Firmengebäude, in dem längst keine Instrumente mehr hergestellt werden.

"Wir waren damals so froh, dass wir uns wieder zu Hause gefühlt haben", sagt Gerhilde Benker. Im Oktober 1949 wurde in Bubenreuth der Grundstein für ein neues Viertel gelegt, Anfang 1950 zogen die ersten Schönbacher ein. Dort sind sie zunächst unter sich geblieben, erzählt Gerhilde Benker, haben in ihren Berufen gearbeitet, haben ihren Dialekt gesprochen.

Ihr Vater kam aus der Gefangenschaft heim, mit geliehenen 3000 Mark baute er sein Unternehmen wieder auf. Abends habe er in der Firma oft Gitarre gespielt, erzählt Benker. "Und meine Mutter hat die Angebote auf einer Reiseschreibmaschine getippt." Es hat funktioniert, die Instrumente verkauften sich gut, es ging bergauf mit der Firma Höfner. Walter Höfner erfand den Bass, der es als "Beatles-Bass" zu einer gewissen Berühmtheit brachte unter Musikern, eben weil ihn Paul McCartney spielte.

Das Ortswappen zeigt neben dem Pflug der Bauern nun auch die Geige der Instrumentenbauer

Aus Schönbachern sind bald Bubenreuther geworden, auch deswegen, weil der Ort profitiert hat von den neuen Bürgern. Straßen wurden gebaut, eine Schule, eine Kirche. Heute gehört der Wandel, den Bubenreuth durch seine Siedler erlebt hat, fest zur Ortsgeschichte. Im Wappen der Gemeinde ist nicht nur der Pflug der Bauern zu sehen, sondern auch die Geige der Instrumentenbauer. Ein Geigenbauer-Denkmal, wie es so ähnlich schon in Schönbach stand, zeugt von der langen Tradition, die Geigenbauerkapelle spielt bei Dorffesten auf und immer noch treffen sich die Bubenreuther jedes Jahr an Weihnachten am Christbaum am Eichenplatz. Dort kamen in den ersten Jahren die Schönbacher zusammen, die keinen eigenen Christbaum in den Wohnungen hatten. Eine Tradition entstand.

Die Geschichte soll in einem Museum erzählt werden

Der Dialekt allerdings verfällt. "Das ist einerseits schade", sagt Gerhilde Benker, "aber andererseits 150-prozentige Integration." Ihre Töchter, sagt sie, seien mit Leib und Seele Fränkinnen.

Weil die Geschichte von Bubenreuth einzigartig ist und die Instrumentenfirmen weit über Franken hinaus bekannt sind, will Christian Hoyer, und er ist nicht der Einzige, ein Museum einrichten. Bubenreutheum soll es heißen, ein gleichnamiger Verein wurde 2009 gegründet, noch fehlt allerdings der passende Ort. Nun hat die Gemeinde einen ehemaligen Bauernhof im Ort gekauft, und Hoyer hofft, dass dort auch das Museum eine Heimat finden könnte.

Der Aufstieg des Bauerndorfes zu einem Zentrum des Instrumentenbaus, noch dazu mit einer gelungenen Integrationsgeschichte, das sei doch erzählenswert, sagt Hoyer. Selbst ein amerikanischer Historiker war schon zweimal zu Besuch in Bubenreuth, um die ungewöhnliche Geschichte des Ortes zu erforschen und zu dokumentieren.

Noch muss man in den Keller des Rathauses hinuntersteigen, das einmal Teil von Framus war, der damals modernsten Instrumentenfabrik Europas, um eine kleine Ausstellung zur Geschichte zu finden. Immer sonntags sperren die Vereinsmitglieder auf. Dort stehen die Berühmtheiten. Ein Höfner-Bass "500/1", den Paul McCartney von 1961 an spielte und so die Verkaufszahlen nach jedem Konzert in die Höhe schnellen ließ. Die Peter-Kraus-Schlager-Gitarre, die Framus 1957 für den Sänger baute.

Jüngst ist wieder ein Stück dazugekommen, der Engländer Edward Harvey schickte sie zurück an ihren Entstehungsort. Eine "Zenith No. 17" von Höfner, wie auch Paul McCartney eine spielte. Vor mehr als 60 Jahren hatte sie Harvey in London gekauft, nun sei es ihm "ein Herzensanliegen" gewesen, dass sie nach Bubenreuth zurückkehre.

Es gibt heute noch Geigenbauer in Bubenreuth, wenn auch nicht mehr die großen Fabriken. Bogenmacher und Wirbeldreher sind noch da, ein Kolophoniumgießer und ein Stegschnitzer. Und eine Saitenspinnerei, die für jedes Instrument spezielle Saiten herstellt. Gerhilde Benker und ihr Mann verkauften die Firma Höfner 1994, ihre Töchter wollten sie nicht. Da war der Sitz längst in Hagenau nördlich von Nürnberg, produziert wird außerdem in Peking. Aber zur Geschichte von Bubenreuth gehört sie immer noch. Und umgekehrt.

© SZ vom 26.04.2018/axi
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema