Zuzüge Wenn das Dorf zur Vorstadt wird

Viele Gemeinden vor allem in den Speckgürteln der Großstädte München, Nürnberg und Augsburg wollen expandieren, moderner werden und attraktiver. Gleichzeitig wollen sie ihre Identität bewahren, ländlich bleiben und liebenswert. Beides zusammen ist schwer zu haben.

Von Roman Deininger

Der Kolonialwarenladen Oberhauser und das Landgasthaus Hartmann liegen keine Autominute zurück. Eine Betonschneise führt heraus aus dem Ortskern von Feldkirchen, hinein in die im Jahr 2000 erschlossene Siedlung auf dem Dornacher Feld. Zwischen dem Gewerbegebiet Nord-West und dem Gewerbegebiet Nord-Ost taucht die Aschheimer Straße unter der S-Bahn-Trasse durch. Die Gleise trennen das alte Feldkirchen vom neuen. Manche sagen: Nicht nur die Gleise.

3834 Einwohner hatte die Gemeinde Feldkirchen bei München 1996. Zehn Jahre später waren es 5910. 54,1 Prozent Bevölkerungswachstum, laut Landesamt für Statistik das größte in Bayern in diesem Zeitraum. Die Initialzündung für die Entwicklung der Gemeinde ist auf den 17. Mai 1992 zu datieren - dem Tag, an dem die Schließung des nahen Flughafens Riem bekannt gegeben wurde. "Danach sind wir auf eine rasante Fahrt gegangen", sagt Leonhard Baumann (CSU), dem als Bürgermeister aufgetragen war, unterwegs das Steuerrad festzuhalten. Baumann residiert in einem schicken, von Licht durchfluteten Rathaus. Das Foyer, in helles Holz gekleidet, bietet bei Veranstaltungen bis zu 500 Menschen Platz. "Das brauchen wir jetzt auch", sagt Baumann stolz.

Der Bürgermeister erzählt eine Erfolgsgeschichte in vielen Worten, aber eigentlich genügen zwei: "organisches Wachstum". Der Zuzug neuer Bürger berge nicht nur Chancen, sagt Baumann. Auch der Gefahren müsse man sich bewusst sein: "Die Herausforderung ist, das Gemeinwesen nicht zu überfordern."

Vor dieser Aufgabenstellung standen und stehen viele boomende bayerische Gemeinden, vor allem in den Speckgürteln der Großstädte München, Nürnberg und Augsburg. Alle wollen expandieren, moderner werden und attraktiver. Gleichzeitig wollen sie ihre Identität bewahren, ländlich bleiben und liebenswert. Beides zusammen ist schwer zu haben.

Vielerorts verabschieden sich die Menschen deshalb stillschweigend vom dörflichen Idyll. Anderswo kämpfen sie darum. In Tennach zum Beispiel, einem kleinen Ortsteil der Gemeinde Ködnitz im Landkreis Kulmbach. Den Dorfkern dort bilden Gehöfte, die schon im 14. Jahrhundert urkundlich erwähnt wurden.

Direkt gegenüber sollten Neubauten entstehen. "Warum darf ein wunderschönes Dorf nicht ein Dorf bleiben?", fragt Hannelore Kinzel. Natürlich fällt ihr kein guter Grund ein. Hannelore Kinzel hat den Bürgerprotest organisiert, der das Projekt mit etwas Glück zum Stopp brachte.

Die Einheimischen, sagt sie, hätten auch Ärger mit Zugezogenen befürchtet, die falsche Vorstellungen vom Dorfleben haben: "Hier gibt es Landwirtschaft, da muss der Bauer auch mal abends raus mit den Maschinen. Und es riecht auch mal streng." Aus Nachbarorten höre man, dass sich Neubürger über so was beschweren. "Man ist nicht gleich fremdenfeindlich, wenn man sich Sorgen macht", sagt Hannelore Kinzel noch.

Integration im Sportverein

Leonhard Baumann hat sich von alten Feldkirchnern hin und wieder anhören müssen, wie seltsam es sei, dass sie gar niemand mehr kennen auf der Straße. Der Bürgermeister hat sich dann immer gedacht: "Zwischendrin müssen wir auch mal langsam machen beim Wachstum, nicht gleich das nächste Baugebiet ausweisen."

Wenn man ein wenig herum fragt in Feldkirchen, findet man durchaus Alteingesessene, die von "denen da drüben im Dornacher Feld" reden. Aber man findet viele mehr, für die die S-Bahn-Gleise tatsächlich nur ein räumliches Hindernis sind.

"Es mag sein, dass einige Neubürger Feldkirchen nur als Schlafstadt nutzen", sagt Andreas Mur, Vorsitzender der Freiwilligen Feuerwehr. "Aber es gibt auch welche, die sich am Gemeindeleben beteiligen." Bei der Feuerwehr hätten sie einen Niedersachsen und einen Westfalen. "Und wenn Kinder im Spiel sind wie im Sportverein, geht die Integration eh schnell."

Abseits stehen dagegen die traditionellen Vereine: die Katholische Frauengemeinschaft, der Männergesangsverein, der Burschenverein. "Es ist ein bisschen traurig, dass sich die Neubürger bei uns nicht einbringen", sagt Tobias Gschwendner, der Vorsitzende der Burschen. "So wird es nicht einfacher, das Brauchtum zu erhalten."

Der Zuzug muss aber nicht nur für die Menschen verkraftbar sein, sondern auch für die Infrastruktur. Mit der Bevölkerungszahl steigen die Belastungen. Der Verkehr nimmt zu, gemeindliche Einrichtungen gelangen an die Grenzen ihrer Kapazität. Baumann: "Vor allem für die Familien muss man sorgen, daran wird man gemessen." Und er lässt sich gerne messen: Drei Kindergärten hat Feldkirchen inzwischen, fünf Kinderkrippen und 150 Hortplätze.

Ohne gute Einnahmen aus der Gewerbesteuer, räumt Baumann ein, wäre ein solches Angebot allerdings kaum zu stemmen gewesen. Jürgen Schäpe, der Geschäftsleiter der Gemeinde, hat bis hierhin gelauscht. Jetzt sagt er: "Wachstum muss man sich leisten können."

Wer von Feldkirchen nach Kirchheim fährt, sieht beinahe durchgehend uniforme Reihenhäuser am Straßenrand. Kirchheim ist nicht bloß gewachsen. Kirchheim ist explodiert. 1977 hatte der Ort 4000 Einwohner. Anfang der neunziger Jahre hatte die Bevölkerung sich verdreifacht. Bürgermeister Heinz Hilger steht in seinem Amtszimmer vor einem Luftbild der Gemeinde. Sein Zeigefinger markiert Kreise: "Hier, hier und hier. Neue Siedlungen."

Es gab Jahre, da kamen 1000 Neubürger auf einmal. Heinz Hilger hat 1990 für die Freien Wähler die Bürgermeisterwahl gewonnen, weil er den Zuzug zu drosseln versprach. "Wir mussten erst die Defizite der Infrastruktur beseitigen", sagt der Bürgermeister. "Schulen erweitern, einen Wertstoffhof errichten, Streetworker anstellen." In Kirchheim war die Gewerbesteuer nicht so einträglich wie in Feldkirchen.

Seit nun fast zwei Jahrzehnten diskutieren die Kirchheimer über die Gestaltung der neuen Ortsmitte, die den alten Hauptort und das eingemeindete Heimstetten verbinden soll. Den umfassenden Bebauungsplan, der gerade von einer Zwei-Drittel-Mehrheit im Gemeinderat vorangetrieben wird, lehnt Hilger ab: "Das würde uns wieder 5000 Neubürger in kurzer Zeit bringen." Hilger möchte, dass Kirchheim weiter langsam wächst, er will erst einen Park anlegen mit einer Bühne für Musik und Theater. 1990 hat Hilger die Wahl gewonnen mit dem Argument der Mäßigung. Diesmal, heißt es in Kirchheim, könnte er verlieren damit.

Die Kontrolle des Zuzugs ist in einigen Gemeinden ein politischer Streitpunkt. In den meisten aber herrscht Konsens über die Zielsetzung eines moderaten Wachstums. Überall wird überlegt, wie man die Neubürger für die Lokalpolitik begeistern kann. Denn oft, berichten Bürgermeister aus verschiedenen Teilen Bayerns übereinstimmend, wählen die Neuen erst mal gar nicht. Dass das Gewicht der Zugezogenen das politische Kräftespiel in einer Kommune entscheidend verändert hat - Fehlanzeige.

Leonhard Baumann hat sich genau deshalb sein schlagkräftigstes Argument für die gelungene Integration der Neubürger in Feldkirchen für das Ende des Gesprächs aufgehoben. Das Argument heißt Franz Xaver Stellner. Als einer der ersten kaufte der sich eine Eigentumswohnung auf dem Dornacher Feld. Bei einem Straßenfest ließ er sich für die CSU werben.

Er trat dem Krieger- und Soldatenverein bei, dann auch dem Männergesangsverein, der Nachbarschaftshilfe und den Gartlern. Bald wurde er in den Gemeinderat gewählt. Jetzt will er Baumann, der aus Altersgründen nicht mehr antritt, als Rathauschef nachfolgen. "Der Stellner ist ein Musterbeispiel für Integration", sagt der scheidende Bürgermeister, und sein Lächeln bringt seine buschigen Augenbrauen zum Beben.