Zugunglück Zwei Notrufe und eine Frage: Wer hätte die Katastrophe verhindern können?

Die Spekulationen über ein menschliches Versagen hatten am Montag noch einmal zugenommen, als Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) ein technisches Versagen an den Signalanlagen und den Bremsanlagen der beiden Züge des Schweizer Herstellers Stadler erneut ausgeschlossen hatte. Die dritte Blackbox mit Daten war erst am Freitag aus den verkeilten Triebwaggons geborgen worden. Bei der Auswertung der insgesamt drei Fahrtenschreiber und der Zugfunkgespräche waren keine Anhaltspunkte für ein Fehlverhalten der Zugführer festgestellt worden.

Bei der Auswertung des Funkverkehrs stießen die Ermittler jedoch auf zwei Notrufe, die der Fahrtdienstleiter abgesetzt hatte - offenbar hatte er seinen Fehler erkannt. Doch die Warnung kam zu spät: Der erste Notruf erreichte die Lokführer Sekunden vor dem Zusammenstoß, der zweite erfolgte, nachdem sich die Züge bereits ineinander verkeilt hatten. Zuvor hatte der Fahrdienstleiter mit dem Sondersignal das elektronische Sicherungssystem übersteuert, sodass der Zugführer, der Richtung Kolbermoor unterwegs war, über ein rotes Signal fuhr.

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Der Unfall soll detailliert nachgestellt werden

Was gegen 6.48 Uhr im Stellwerk genau geschah, müsse noch geprüft werden, betonte Oberstaatsanwalt Giese. Deshalb wurden dort bereits am Faschingsdienstag schriftliche Unterlagen beschlagnahmt, mit denen der Fahrdienstleiter seine Arbeit dokumentieren musste: Fernsprechbuch, Zugmeldebuch, Störungsbuch. Auch die Videoüberwachung in den Zügen müsse noch ausgewertet, letzte Zeugen befragt, ein externes Gutachten zum Unfallhergang abgewartet werden, so Giese.

Den Oberstaatsanwalt beschäftigt momentan vor allem eine Frage: "Wer hatte wann noch die Möglichkeit, diese Zugkatastrophe zu verhindern." Deshalb soll der Unfall in den kommenden Tagen mit zwei Zügen des Betreibers, der Bayerischen Oberlandbahn, detailliert nachgestellt werden.

Die Räumungsarbeiten der stark beschädigten Bahnstrecke dauern an. Am Mittwoch soll ein Kran den letzten Zugteil auf einen Güterwagen verladen. Im Anschluss können Techniker beginnen, die Oberleitung zu reparieren. Auf einer Länge von 120 Metern müssen Schienen und Schwellen erneuert werden, ehe spezielle Züge der Bahn die Strecke auf ihre Sicherheit testen. Bis Ende der Woche wird der Abschnitt zwischen Holzkirchen und Rosenheim voraussichtlich gesperrt sein.

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