Zeitgeschichte Die frühe Margaret Thatcher der deutschen Politik

Als Vizepräsidentin leitet Maria Probst in dieser Szene die Bundestagssitzung am 9. März 1966. Es redet der SPD-Abgeordnete Fritz Büttner.

(Foto: Bundesbildstelle)
  • Die CSU-Politikerin und Bundestagsabgeordnete Maria Probst (1902-1967) war eine der ersten Frauen, die in Deutschland ein hohes politisches Amt bekleideten.
  • Ihr selbstbewusstes Auftreten und ihr Tatendrang in der Sozialpolitik brachten ihr den Spitznamen "Maria Heimsuchung" ein.
  • Anlässlich von Probsts 50. Todestag sind zwei Bände mit biografischen Materialien erschienen.
Von Hans Kratzer

Die CSU-Politikerin Maria Probst (1902-1967) ist weitgehend in Vergessenheit geraten, was sehr verwunderlich ist, denn nach allgemeiner Überzeugung hat gerade sie das "teuerste Mittagessen der Weltgeschichte" verursacht. Dabei sah damals, anno 1959, zunächst alles nach Routine aus. Bundesfinanzminister Franz Etzel (CDU) speiste mit der Abgeordneten Probst in der Absicht, ihr zwar zuzuhören, aber auf ihre finanzpolitischen Forderungen keinesfalls einzugehen. Von Probst hieß es, sie hänge sozialpolitischen Utopien nach, nicht einmal das Magazin Der Spiegel konnte ihren Forderungen etwas abgewinnen.

Doch es kam anders: Probst redete Etzel in Grund und Boden, am Ende hatte sie ihm eine Erhöhung des Etats für die Kriegsopfer um eine halbe Milliarde Mark abgerungen - das entsprach in schwierigen haushaltspolitischen Zeiten etwa einer Verdoppelung. Die Historie kennt nur wenige politische Kantersiege von dieser Qualität. Kanzler Konrad Adenauer (CDU) raunzte anschließend über die "teuerste Frau des Bundestags".

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Als Frau im Bundestag aufzufallen, wäre damals generell nicht schwer gefallen, denn es gab kaum welche im Parlament. Frauen waren im Politikbetrieb der frühen Nachkriegszeit noch dünn gesät. Eine Bundeskanzlerin, eine Verteidigungsministerin, eine Bundestagspräsidentin - das alles war in den 50er Jahren undenkbar. Maria Probst zählt zu den ersten Frauen, die im Nachkriegs-Deutschland überhaupt ein hohes politisches Amt bekleideten. Die promovierte Historikerin stieg als erste Frau bis zur Bundestagsvizepräsidentin auf.

Wer das Geheimnis ihres Erfolgs ergründen will, muss sich zunächst mit ihren Spitznamen befassen. Darin verdichtet sich das Programm der Maria Probst wie nirgendwo sonst. Bei den Kriegsopfern und Hinterbliebenen, für die sie sich einsetzte, trug sie den Beinamen "Maria Hilf". In den Bonner Ministerien verpassten die Verantwortlichen der Kollegin Probst angesichts ihres sozialpolitischen Tatendrangs dagegen den Namen "Maria Heimsuchung".

Maria Probst ließ sich dadurch nicht beirren. Mit ihrer Durchsetzungskraft verkörperte sie eine Art frühe Maggie Thatcher der deutschen Politik. Sie trat auf dem parlamentarischen Parkett selbstbewusst und überzeugend auf, bei Bedarf ging sie auch autoritär vor. "Ohne diese Gabe hätte sie als Frau in der damaligen Politik nicht bestehen können", sagt Annelies Amberger, Mitautorin eines anlässlich des 50. Todestags erschienenen Buchs über Probsts Leben und Wirken in der Politik.

Die in München geborene Maria Probst war die Tochter des einstigen Zentrums-Abgeordneten Wilhelm Mayer, der von 1921 bis 1923 Deutscher Botschafter in Paris war. Ihr Elternhaus war quasi ihre politische Schule. Kapp-Putsch, Spartakusbund, Radikalismus, Brandanschlag auf den Berliner Reichstag, all diese Ereignisse erlebte sie in unmittelbarer Nähe mit. Die politische Sozialisierung im Elternhaus, die Erfahrung zweier Weltkriege und das Schicksal ihres von den Nazis schikanierten Ehemanns Alfons Probst prägten sie tief.

"Hau nicht ab!" Als Franz Josef Strauß 1962 als Verteidigungsminister aufgeben wollte, redete ihm Maria Probst scharf ins Gewissen.

(Foto: Nachlass Alfred Biehle)

Probst fiel im Krieg, über seinen Tod blieb sie bis 1949 ohne Nachricht. Nach Kriegsende stand sie ohne eigene Wohnung und ohne Einkünfte da, alleinerziehend mit zwei Kindern. Notdürftig kam sie in der unterfränkischen Heimat ihres Mannes unter, wo sie gleich nach dem Krieg selber politisch aktiv wurde. Freunde ihres Mannes ermunterten sie in Hammelburg, sich in der neugegründeten CSU zu engagieren. Schon 1946 wurde sie Abgeordnete des Bayerischen Landtags, 1949 des Deutschen Bundestags.

Als Kriegerwitwe galt ihr Bemühen vornehmlich den Armen, Schwachen und Kriegsopfern, für die sie bei den Finanzministern aller Legislaturperioden Milliardenbeträge locker machte. Fragen nach dem Grund ihres politischen Engagements beantwortete Maria Probst immer in aller Kürze: "Weil ich so viel Not gesehen und erlebt hatte und sie lindern helfen wollte."

Eine Frau müsse immer doppelt so gut sein wie ihr Partner

Auf Fotografien wirkt sie bescheiden, zurückhaltend und streng zugleich. Man erkennt nicht auf Anhieb, wie energiegeladen diese Frau war und mit welcher Standfestigkeit und Streitlust sie ihre Anliegen durchzusetzen wusste. Etwas eigenwillig interpretierte sie die damalige Rolle der Frauen. In einem Interview sagte sie, eine Frau müsse immer doppelt so gut sein wie der Partner. Sie müsse zugleich robuster und sensibler als ein Mann sein, so könne eine Frau sogar die Saalschlachten eines Wahlkampfes überstehen.

Weitere Schwerpunkte ihrer Arbeit bildete die Europapolitik, vor allem die Aussöhnung mit Frankreich, sowie die Gleichberechtigung der Frau in Gesellschaft und Politik. 1963 wurde sie - als erste Deutsche - zur Präsidentin der europäischen Frauenunion gewählt. Vom 9. Dezember 1965 bis zu ihrem Tode war Maria Probst die erste Frau im Amt eines Bundestagsvizepräsidenten. Die Wähler bestätigten sie bis zum Tod mit überragenden Wahlergebnissen. Gleichwohl lebt ihr Name nur noch in Namen von Straßen und Schulen weiter. Nur noch wenige Zeitzeugen wie Hans Maier sind Maria Probst persönlich begegnet. Aus heutiger Sicht ist eine gründliche Erforschung des Lebens und Wirkens dieser weitsichtigen Politikerin überfällig.

Die Hanns Seidel Stiftung hat quasi als Einstieg soeben zwei Bände mit biografischen Materialien veröffentlicht: Ursula Männle (Hrsg.), "Weil ich so viel Not gesehen ...", Maria Probst 1902-1967 sowie Renate Höpfinger (Hrsg.), Bayerische Lebensbilder 4, Biografien, Erinnerungen, Zeugnisse, Maria Probst.

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