Vor einer Woche erst ist Ludwig Spaenle (CSU) in Israel gewesen und hat mit Dani Dayan, dem Vorsitzenden von Yad Vashem, gesprochen. Spaenle wollte noch einmal persönlich deutlich machen, wie gerne Bayern Standort für das geplante, bundesweite Bildungszentrum wäre.
Nun geht das Projekt wohl bald in die entscheidende Phase. Bereits in der ersten Dezemberhälfte sollen laut einem Bericht der Jüdischen Allgemeinen Delegationen auf Arbeitsebene die möglichen Standorte in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Sachsen besuchen. Die Entscheidung könnte danach zügig fallen.
Noch während der Regierungszeit von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) entstand die Idee für das Projekt. Das Zentrum soll ein Ort für die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Verbrechensherrschaft und dem Holocaust sein. In einer Machbarkeitsstudie wurden Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Bayern als mögliche Standorte ausgewählt. Berücksichtigt wurden bei dieser Entscheidung unter anderem die Erreichbarkeit oder die bestehende Gedenkstättenlandschaft.
„Bayern hat ein grundsätzlich staats- und geschichtspolitisches Interesse an dieser Außenstelle“, sagt Spaenle im Gespräch mit der SZ. Diese Ansicht vertrete die gesamte Staatsregierung. Spaenle sagt, dass sich der Freistaat aus verschiedenen Gründen gut für ein Bildungszentrum eignen würde. Bayern habe nun mal eine große Verantwortung. „Die NSDAP ist in München entstanden, das erste KZ wurde in Dachau errichtet“, sagt Spaenle. Unter anderem durch die Ansiedlung der europäischen Rabbinerkonferenz in München oder der Tatsache, dass die größte jüdische Gemeinde Deutschlands in München sei, würde sich Bayern besonders qualifizieren.
Welche Standorte sich die israelische Delegation in Bayern genau ansehen werde, ist noch unklar. Aus Sicht Spaenles ist auch eine Ansiedlung am Land vorstellbar, jedoch spreche vieles für den Bau in einer Stadt. „Die Erreichbarkeit und Möglichkeiten zur Unterbringung von Besuchern spielen eine große Rolle, da sind die großen Metropolen natürlich im Vorteil“, sagt Spaenle. Es gibt eine entsprechende Arbeitsgruppe der Staatsregierung, die sich mit dem Thema bereits befasst ist. Allerdings ist der Kriterienkatalog, den Yad Vashem für eine Auswahl des Standorts anlegt, bisher nicht bekannt.
Sicher ist, dass der Freistaat laut Spaenle bereit ist, sich finanziell zu engagieren. In welchem Umfang sei allerdings bislang noch unklar. So viel aber scheint sicher zu sein: Für Yad Vashem ist das Zentrum in Deutschland nur der Beginn einer neuen Strategie. Laut Spaenle möchte sich die Gedenkstätte international stärker aufstellen und plant die Eröffnung von Einrichtungen auch in anderen Ländern. Das habe Dani Dayan im Gespräch mit Spaenle vergangene Woche deutlich gemacht.
Deutschland sei da so etwas wie der „Brückenkopf“ in die Welt. Die neue Strategie müsse man auch als Antwort darauf verstehen, dass es nicht mehr viele Zeitzeugen gebe, die von den Grauen des Holocaust erzählen könnten. Ob sich der Anstieg antisemitischer Gewalt in Bayern in den vergangenen zwei Jahren auf die Entscheidung auswirken wird, glaubt Spaenle nicht. „Das ist leider ein Problem, das weltweit zu verzeichnen ist.“



