Bayern fördert technologischen WandelMit VR-Brille in die Zukunft der Kinos

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Sieht virtuell aus, ist aber Realität: In Venedig probt man den Aufbruch in neue Welten. Aber der Löwe bleibt analog fassbar.
Sieht virtuell aus, ist aber Realität: In Venedig probt man den Aufbruch in neue Welten. Aber der Löwe bleibt analog fassbar. (Foto: Claudio Onorati/dpa)
  • Beim Filmfestival in Venedig werden 69 XR-Projekte aus 27 Ländern vorgestellt, darunter sechs bayerisch geförderte Extended Reality-Produktionen.
  • Bayern fördert seit fünf Jahren XR-Technologien mit 700.000 Euro jährlich, um den Anschluss an internationale Entwicklungen nicht zu verlieren.
  • Prominente Regisseure wie Edward Berger und Wim Wenders experimentieren mit XR-Filmen, während die Technologie außerhalb Europas bereits boomt.
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Beim Filmfestival in Venedig werden „Extended Reality“- Produktionen vorgestellt, in denen bayerisches Fördergeld steckt. Regiestars wie Wim Wenders und Edward Berger experimentieren mit den neuen visuellen Welten. Bloß wo kann man sie im Alltag sehen?

Von Susanne Hermanski

Wo genau findet sich denn nun die Zukunft des Kinos auf dem 82. Filmfest in Venedig? Auf dem roten Teppich, oder eher doch auf der der gegenüberliegenden Seite der langgestreckten, aber sehr sehr schmalen Badeinsel, die der Lagunenstadt zum Meer hin vorgelagert ist? Wer dort auf ein kleines Pendelboot steigt, landet binnen einer Minute Überfahrt in vollkommen anderen Welten. Die winzig kleine Insel, die in Venedig  „Lazaretto Vecchio“ genannt wird, ist das Zuhause von „Venice Immersive“. Früher befand sich in den Gebäuden das Auffanglager für Pest und Leprakranke. Heute stehen sie leer.

Eigentlich ist das die perfekte Kulisse für einen Horrorfilm à la „Blair Witch Project“. In diesem Fall aber sind sie der ideale, weil tageslichtarme Rahmen für 69 XR-Projekte aus 27 Ländern. Horror gibt es da auch zu sehen. Etwa in Form von vermeintlich lustigen Kackwurst-Avataren, der hot shit beim jugendlichen japanischen Publikum, das eher aus der Gamer-Szene als aus der altehrwürdigen Kinotradition des Sala Grande stammt.

Wer sich unterdessen fragt, was XR genau ist, der sei beruhigt: nicht zuletzt die vielen Varianten der immer neuen immersiven Techniken befeuern ein gewisses Begriffschaos: XR steht für „Extended Reality“ und ist ein Sammelbegriff für verschiedene Technologien, die reale und virtuelle Welten kombinieren.

Dazu gehört auch die „Augmented Reality“ (AR), die eine reale Umgebung mit computergenerierten Bildern überlagert. Etwa den Parsifal auf der Bühne, im vergangenen Jahr bei den Bayreuther Festspielen. Wer dort eine der AR-Brillen ergattert hatte – sie reichten nicht für jeden im Publikum – der konnte Wagners Helden zusätzlich von Symbolen, Insekten und Bäumen umschwirrt sehen. Ebenso wird XR bei immersiven Ausstellungen angewendet, wie derzeit in München bei „Die Legende der Titanic“, dann ganz ohne Spezialbrille.

Sechs der knapp siebzig aktuell in Venedig zu sehenden Projekte kommen aus Bayern oder sind mithilfe des Film-Fernseh-Fonds Bayern entstanden. Seit gut fünf Jahren hat der Freistaat für den Bereich ein eigenes Förderprogramm. Die Fördersumme lag 2024 bei 700 000 Euro. Das ist, gemessen an den 43 Millionen im Gesamtfördertopf, nicht eben viel. Trotzdem trägt das bayerische Engagement Früchte.

Die beiden FFF-geförderten Kinofilme, die in Venedig laufen, haben es nicht in den Wettbewerb geschafft („Strange River“ der bayerischen Firma Schuldenberg Films, wurde in die Reihe Orizzonti geladen, „Cotton Queen“, erster Langfilm einer sudanesischen Regisseurin, koproduziert von der Münchner Firma Strange Bird, läuft in der Settimana Internazionale della Critica).  Sehr wohl aber drei der sechs bayerischen XR-„Experiences“ in die begehrte XR-Konkurrenz. Und ein weiteres Projekt war ins „Biennale College“ für Newcomer aufgenommen worden.

Die Salzach tritt über die Ufer: Bei „Out of Nowhere“ steht der Zuschauer mitten im Wasser.
Die Salzach tritt über die Ufer: Bei „Out of Nowhere“ steht der Zuschauer mitten im Wasser. (Foto: Hofmann Studio/ spec.studios/ Animate Projects)

„Out of Nowhere“ von der österreichischen Regisseurin Kris Hofmann und ihrem Münchner XR-Produzenten Andreas Wuthe von SpecStudio  macht greifbar, was geschieht, wenn ein Fluss über die Ufer tritt. In der 10-minütigen Kreation ist es die Salzach, die die Stadt Hallein verwüstet. Der Betrachter steht dabei mit beiden Beinen scheinbar mitten im Wasser und kann mit einem Handstreich Bäume wachsen und Häuser untergehen lassen. Großes Kino ist das noch nicht, aber Naturkundemuseen sind heute schon Abnehmer für solche Arbeiten.

Sehr konkret ist auch die geplante Anwendung von „Eddie & I“. Der FFF hat die Israelin Maya Shekel dafür gefördert. Bisher entwickelte sie virtuelle Schulungsprogramme für mentale Gesundheit. „Speziell für den Umgang mit Traumapatienten“, erzählt sie in Venedig. Ihre Figur Eddie wiederum ist taubstumm, und das Projekt soll Interessierte in Gebärdensprache unterrichten. Maya Shekel hat selbst eine taubstumme Schwester.

Für Stars wie George Clooney oder Cate Blanchet wären andere XR-Projekte interessanter. Doch die sind nach wie vor rar, vieles hat immer noch den Charakter von Jahrmarkts-Attraktionen, bei denen die User staunen, was technisch schon machbar ist, während die Inhalte knapp über dem Wurst-Avatar oszillieren. Ausnahmen bestätigen auch diese Regel.

„The Sad Story of The Little Mouse Who Wanted to Become Somebody“ ist eine französische Koproduktion. Sie erzählt von einer Maus, die sich als Künstlerin versteht und all ihrer Ideen von einem Mann namens Nikolaus beraubt wird, den es in der Realität gar nicht gibt. „Wer dabei an ChatGPT und andere Copyright-Räuber denkt, assoziiert für meinen Geschmack ganz richtig“, sagt „Creator“ Nicolas Bourniquel.

Eine Maus als Künstlerin: „The Sad Story of The Little Mouse Who Wanted to Become Somebody“ ist eine französische Koproduktion.
Eine Maus als Künstlerin: „The Sad Story of The Little Mouse Who Wanted to Become Somebody“ ist eine französische Koproduktion. (Foto: Atlas V, Reynard Films, The Pack)

„The Clouds Are Two Thousand Meters Up“ ist eine hochpoetische Arbeit des bereits vielfach für seine XR-Arbeiten ausgezeichneten Taiwanesen Singing Chen. Er war zunächst ein erfolgreicher Kinoregisseur wie viele, die eben mehr wollen, als Jahrmarkts-Attraktionen schaffen. In diesem Jahr stellt auch Edward Berger im Rahmen von Venice Immersive ein neues Projekt vor: „Submerged“. Der in Wolfsburg aufgewachsene Oscar-Preisträger („Im Westen nichts Neues“) versucht sich dabei an einem kleinen Remake von „Das Boot“, die Technik passt. Wim Wenders dreht gerade seinen ersten XR-Film. Auch er wird dabei vom FFF gefördert.

Zumindest in Europa stoßen die fertigen Produkte aber weiterhin auf ein veritables Problem, das auch in Venedigs altem Lazaretto offenkundig ist: Es können immer nur sehr wenige Menschen und oft nur einer nach dem anderen XR-Filme sehen. Die dafür meist nötigen Brillen sind immer noch klobig. Wer eine optische Brille braucht, ist sowieso so gut wie raus. Und auch wenn gelegentlich zusätzliche Sensoren die Handgesten des Betrachters abtasten und deren Bewegungen in die virtuelle Welt spiegeln: mit einem sich frei bewegen auf einer Art „Holodeck“ hat das noch lange nichts gemein.

Außerhalb Europas boomt das XR-Geschäft trotzdem. Und so begründet der FFF sein Engagement auch. „Wir dürfen den Anschluss nicht verlieren“, sagt Max Permantier, der die XR-Abteilung bei den bayerischen Förderern leitet. „Internationale Produktionsfirmen dieser Technologien sollen sich auch in Bayern ansiedeln. Nur so wächst auch das Knowhow.“

Speltakuläres XR-Unternehmen: The Sphere in Las Vegas.
Speltakuläres XR-Unternehmen: The Sphere in Las Vegas. (Foto: L.E. Baskow/AP)

Eine nächste Stufe könnte sich der Förderung von passenden Abspielstätten widmen. Herkömmliche Kinos kämpfen hierzulande ums Überleben. Immersive Ausstellungen aber boomen. Die Menschen scheinen also offen zu sein, für diese Welt der neuen Möglichkeiten. Das spektakulärste Unternehmen, das auf XR zielt, wurde in den USA vor gut einem Jahr eröffnet: die gigantische Hohlkugel „The Sphere“ in Las Vegas. In ihrem Inneren befindet sich eine 360-Grad-LED-Projektionsfläche. Dazu hat sie ein Fassungsvermögen von mehr als 20 000 Menschen. Kostenpunkt: 2,3 Milliarden Dollar, eine gigantische Investition, die davon zeugt, welche Profite man sich in diesem Segment künftig ausrechnet.

Aber es geht auch kleiner: In Asien, etwa in Korea, Japan und China fassen die boomenden „Immersive Hubs“ 200 bis 300 Personen. Das ist eine Größenordnung, bei der ehemalige Kinosäle ins Spiel kommen. Es wäre nicht zum ersten Mal, dass ein solcher Digitalisierungsprozess mithilfe staatlicher Gelder vollzogen wird. Vor gut zehn Jahren wurden sämtliche Kinos in Bayern auf digitale Projektion umgestellt. Seither sind analoge Filmrollen Museumsstücke. In Venedig ist das nicht anders.

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