Unterfranken Nazi-Gräuel gegen Patienten der "Heil- und Pflegeanstalten"

Eine Ausstellung in der Neuen Universität in Würzburg zeigt die Rolle der Psychiatrie in der NS-Zeit in grausamen Details.

Von Olaf Przybilla, Würzburg

Noch bis zum 18. August ist in der Neuen Universität Würzburg am Sanderring die Ausstellung "Erfasst, verfolgt, vernichtet. Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus" zu sehen. Diese Wanderausstellung wurde von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde konzipiert. Für die Station in Würzburg wurde sie mit erschreckenden Details über die Ermordung kranker und behinderter Menschen in Unterfranken ergänzt.

Am Main waren Patienten aus den sogenannten "Heil- und Pflegeanstalten" in Werneck und Lohr von Zwangssterilisationen und dem Programm "Aktion T4" betroffen. Die irritierende Abkürzung T4 steht für die Adresse, wo dieses systematische Mordprogramm entwickelt wurde: die Tiergartenstraße 4 in Berlin, Sitz der damit befassten Zentraldienststelle. Die Direktoren der beiden Kliniken in Mainfranken standen den Zwangssterilisationen positiv gegenüber und setzten sie offenbar kritiklos um. Insgesamt wurden 156 Patienten aus Lohr und 226 Patienten aus Werneck während der NS-Zeit Opfer solcher Eingriffe.

"Wir waren damals lebensunwert"

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Die Ausstellung an der Uni Würzburg dokumentiert jetzt weitere grausame Details: So führte der Würzburger Professor Georges Schaltenbrand im Sommer 1940 Versuche über die Entstehung von Multipler Sklerose durch. In der Annahme, es könnte sich um eine Infektionskrankheit handeln, spritzte er mindestens 18 schwer psychisch kranken Patienten in Werneck Nervenwasser von infizierten Affen in den Rückenmarkskanal.

Exakt in dieser Zeit, Sommer 1940, wurden Patienten in Werneck und Lohr durch Meldebögen der "Aktion T4" systematisch erfasst. Im Oktober desselben Jahres wurde die Klinik in Werneck geräumt, offiziell um Platz zu schaffen für "volksdeutsche Umsiedler". Allerdings wurde nur ein Teil der Patienten, wie ursprünglich angekündigt, ins nahe Lohr verlegt. 370 Patienten wurden stattdessen in Tötungsanstalten deportiert. Insgesamt ermordeten die Nazis - so die Zahlen der Universität Würzburg - 746 Patienten der unterfränkischen Kliniken.

Ähnlich verstörende Fakten haben die Wissenschaftler über die Würzburger Universitäts-Frauenklinik zusammengetragen. Dort wurden ab 1934 insgesamt 994 Frauen im Alter zwischen 13 und 47 Jahren sterilisiert, bei 29 Frauen wurde simultan eine Zwangsabtreibung vorgenommen.

Lakonische Begründungen für schreckliche Taten

Die Dokumentation führt vor Augen, mit welch lakonischen Anmerkungen die Mediziner ihre massiven Eingriffe zu begründen versuchten: Margarete R., 19 Jahre alt, zur "amtlichen Sterilisation" eingewiesen wegen "Epilepsie". Luise S., 33 Jahre alt, zur "amtlichen Sterilisation" eingewiesen wegen "erblicher Blindheit". Der Oberarzt, der die Eingriffe an Frauen "wissenschaftlich" betreute und der sich mit diesem Thema 1941 an der Universität Würzburg habilitierte, nahm sich am 30. Juni 1945 in seiner Dienstwohnung das Leben.

Furchtbar war auch das Schicksal, das polnische Zwangsarbeiter an der Würzburger Universitätsnervenklinik erlitten. So forderte Werner Heyde, der Direktor der Klinik, die lokale Gestapo-Dienststelle im April 1942 auf, einen Zwangsarbeiter aus Polen unverzüglich abzuholen. Seine Begründung: Die Uninervenklinik sei "keine Pflege- und Bewahrungsanstalt für andersstämmige Untermenschen". Man brauche die Betten dringend für "deutsche Volksgenossen".

Die Gestapo reagierte darauf mit einem Gegenvorschlag: Der entsprechende Patient könne doch in der Klinik mit einer Überdosis eines Medikaments getötet werden. Dies lehnte wiederum Heyde ab, er sah angeblich das Ansehen seiner Klinik in Gefahr. Der Direktor zeigt sich aber "jederzeit bereit, außerhalb der Klinik hierzu in jeder Weise behilflich zu sein". Der Zwangsarbeiter wurde schließlich während eines Krankentransportes mit einer Spritze getötet. Offiziell erlag er einer "akuten Herzlähmung".

Als Kliniken zu Mordanstalten mutierten

Die Opfer kamen aus der Mitte der Gesellschaft, die Täter auch. Bis zu 400 000 kranke Menschen wurden zwangssterilisiert, mehr als 200 000 systematisch ermordet. Jetzt erinnert eine Ausstellung an die Verbrechen der Psychiatrie im Nationalsozialismus. Von Christian Weber mehr...