Schaulaufen auf dem roten Teppich: Herren mit Fliege unterm Kinn, Damen in schimmernder Seide, schwere Düfte wehen über den Residenzvorplatz. Die Festivalsaison hat begonnen. Doch das Würzburger Mozartfest ist ein bisschen anders als andere Festivals. Nicht nur, weil sich unter die Gäste des Auftaktkonzerts auch die Fränkische Weinkönigin mischt. Sondern vor allem deshalb, weil bis zum Abschluss am Sonntag, 28. Juni, eine kaum zu überblickende Fülle an musikalischen Begegnungen möglich ist, mal experimentell, mal traditionell. Das erste Konzert deutet schon an: Es geht um Begegnungen auf höchstem künstlerischem Niveau.
Und das an Orten wie dem Kaisersaal der Würzburger Residenz. Das Auge wandert vom rosa Marmor zum aufwendigen Stuck und von dort zu den Deckenfresken Giambattista Tiepolos. So erlebt man vor dem ersten Ton eine Konfrontation mit dem diesjährigen Festivalmotto „Beschworene Schönheit – Idol Mozart“. Um Schönheit in allen Varianten geht es, um diesen schillernden Begriff, der auch gefährlich werden kann, sobald er normativ benutzt wird. Aber bevor man ins Philosophieren gerät, setzt schon das Salzburger Mozarteumorchester ein und zeigt Facetten ausgesucht schönen Musizierens mit Ravels „Le tombeau de Couperin“.

Vier fließende, fein artikulierte Sätze mit farbigem Streicherklang und lebendig sprudelnden Holzbläsern präsentiert Antonello Manacorda. Die Akustik des Saals mit der hoch gewölbten Decke ist wie gemacht für diese Besetzung. Der leichte Hall gibt den Stücken den attraktiv verschwommenen Charakter von Aquarellbildern. Am Ende spielt das Orchester noch Musik seines Leib- und Magen-Komponisten. Nur dass hier die so oft gehörte 40. Symphonie eben keine klingende Mozartkugel wird, sondern ein vitales, nervös pulsierendes Gewebe.
Ein anderes Orchester, das sich beim Mozartfest beweisen darf, sind die Bamberger Symphoniker in Konzerten am 3. und 4. Juni. Wobei die wenigsten allein wegen Mozarts „Prager“ Symphonie (KV 504) in den Kaisersaal strömen dürften. Im Zentrum steht hier Tianwa Yang, die Violinkonzerte von Mozart, Strawinsky und Beethoven kombiniert. Wenige Tage später wird die aus Peking stammende, seit 2018 in Würzburg als Professorin lehrende Geigerin einen Zyklus der Beethoven-Sonaten aufführen (6. und 7. Juni). In einer Nachtmusik am 19. Juni wird sie im Hofgarten der Residenz auch noch Tschaikowskis Violinkonzert spielen. Von einer Reihe mit Mittagsmusiken, die Bach- mit Ysaÿe-Sonaten in Kontakt bringen, ganz zu schweigen. Tianwa Yang ist als „Artiste étoile“ des Fests ständig präsent. Auf den ersten Blick wirkt das Pensum fast erdrückend.
Doch wer Yang einmal im Konzert erlebt hat, kennt die vielseitige musikalische Intelligenz und das unerschöpfliche spieltechnische Vermögen der Ausnahmemusikerin. Wie aus dem Nichts klingt am ersten Festabend die einleitende Melodie von Prokofjews zweitem Violinkonzert in den Kaisersaal, eine Erinnerung, die Yang langsam mit Leben füllt. Die Kontrolle über ihren Geigenton ist stupend, sie verleiht ihm Substanz und Fülle im einen Moment und beweist kratzigen Witz im andern. Der langsame Satz, diese hoch geschwungene Kantilene, wirkt in der weitsichtigen Gestaltung wie ein immer breiter werdender Lichtstrahl. Das ringt nicht nur der Solistin ein Lächeln ab. Im Finale dreht sie blitzende Pirouetten, zeigt daneben auch robuste Stampftanz-Gesten in den vollen, nie über Gebühr aufgerauten Geigenakkorden des Satzes. Einhellige Begeisterung im inzwischen eifrig fächelnden Publikum.

Doch Yang ist nicht der einzige Stern im musikalischen Kosmos des Mozartfests. Zu den weiteren prominenten Festgästen gehören die Weltpianisten Pierre-Laurent Aimard (2. Juni), Lucas Debargue (mit dem Geiger Florian Willeitner, 14. Juni) und Severin von Eckardstein (20. Juni) beleuchten das Festprogramm. Mit Reinhard Goebel, der das WDR-Sinfonieorchester dirigiert (6. Juni), sowie dem diesjährigen Siemens-Preisträger Jordi Savall, der Musiker seines „Concert des Nations“ mitbringt (20. Juni), sind zwei gewichtige Namen der historisch informierten Aufführungspraxis vertreten. Ein dritter lautet Christophe Rousset. Am 12. und 13. Juni werden er und sein Ensemble „Les Talens Lyriques“ eine konzertante Version von Mozarts Oper „La clemenza di Tito“ spielen.
Begleitet und ergänzt werden diese und weitere, auch kammermusikalisch besetzte Konzerte durch Vorträge, Gespräche oder spannungsreich kombinierte Formate. Und nicht zuletzt bietet das Mozartfest auch jüngeren Künstlern ein Podium. Zum Beispiel der „Artiste d’avenir“ Leonie Klein, die zum Dialog mit ihrem Instrument einlädt, das sonst weniger mit Mozart in Verbindung gebracht wird: dem Schlagzeug.
Aber letztlich unterstreicht all das nur den umfassenden Anspruch, den das Motto dem Fest gibt: Hier wird die Schönheit beschworen, in all ihrer Ambivalenz, ihrer Vielgestaltigkeit und ihrem Potenzial zur Herausforderung, wenn sie nicht rein dekorativ verstanden wird. Der erste Abend illustriert das auf eindrückliche Weise.

