KommunalpolitikWie sich der erste Grünen-OB in Bayern schlägt

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18.Mai 2025, kurz vor 20 Uhr in Würzburg: Martin Heilig ist zum ersten Grünen-Oberbürgermeister in Bayern gewählt – und lässt sich zu einer Jubelpose überreden.
18.Mai 2025, kurz vor 20 Uhr in Würzburg: Martin Heilig ist zum ersten Grünen-Oberbürgermeister in Bayern gewählt – und lässt sich zu einer Jubelpose überreden. (Foto: Heiko Becker/dpa)

In Bayern gab es das bis 2025 nicht: einen Oberbürgermeister von Markus Söders Lieblingsgegner, den Grünen.  Mit denen kommt die CSU in Würzburg erstaunlich gut klar.

Von Olaf Przybilla, Würzburg

Die Grünen und Würzburg, das war nicht zuletzt eine Geschichte über Melancholie. Man kann das gerne ausprobieren am Würzburger Waldfriedhof. Abteilung vier, Feld vier, Reihe 20, dort hat Petra Kelly, Gründungsmitglied der Grünen, ihre letzte Ruhestätte gefunden. Welche biografischen Pfade dazu geführt haben, dass sie dort begraben liegt, das schaut man sich am besten in der Arte-Mediathek an, die Dokumentation „Act now!“ dürfte nur Wesen mit steinernem Herzen ungerührt lassen.

Vor allem aber zeigt sie: Es gab in der Geschichte dieser Republik nur ein paar Groß-Charismatiker, Petra Kelly gehörte dazu. Leider ist sie nur 44 Jahre alt geworden, ums Leben gekommen unter bis heute nicht restlos geklärten Umständen. Erst diese Doku schauen, danach zum Waldfriedhof hinauf wandern. Ohne einen Anflug von Schwermut dürfte das kaum zu machen sein.

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So war die Beziehung der Grünen zu Würzburg aus überregionaler Perspektive, bislang. Und dann also der 18. Mai 2025. Etwa 30 Minuten, bevor die Hauptausgabe der „Tagesschau“ beginnt, betritt Martin Heilig den Ratssaal. In der Kommune, die früher häufig als „Domstadt“ umschrieben wurde, zutreffend, und die heute meist „Unistadt“ genannt wird, mindestens so zutreffend, in Würzburg also musste vorzeitig ein neuer OB gewählt werden, weil der bisherige, der Unions-Politiker Christian Schuchardt, zum Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags befördert worden ist.

Ein tief katholisch geprägtes Gemeinwesen, Ort der Fürstbischöfe, die weltliche und geistliche Macht in sich vereinigten, eine Stadt des tradierten Konservativismus, in der man Wert legt aufs Überlieferte und viel davon zu zeigen hat, Festung, Weinberge, Residenz, das ist Würzburg. Und dann öffnet da also Martin Heilig die Türe, kurz nach Ende der Stichwahl, in der ein Grüner gegen eine lokal etablierte CSU-Frau angetreten ist.

Ergebnis: Knapp zwei Drittel für den Grünen. Heilig ist damit gewählt zum ersten Grünen-Oberbürgermeister in Bayern.

In solchen Momenten bleibt ja immer etwas hängen, ein Bild. Im Fall Heilig ist es die Szene, als der Neue den Saal betritt und offenkundig mit einem passenden Befehl für seine Gesichtszüge zu ringen hat. Wie viel Genugtuung angesichts des nicht immer sauber geführten Wahlkampfs der Mitbewerber, wie viel Ekstase angesichts des im Wortsinn historischen Wahltriumphs darf’s denn nun sein?

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Martin Heilig, der erste Grünen-Oberbürgermeister in Bayern, war Oberstudienrat. Oberlehrer aber will er definitiv nicht sein. Vegan ernährt er sich nicht. Und das Gendern? Würde er auch keinem vorschreiben – damit sich niemand „die Zunge bricht dabei“.

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Fotoreporter sind es schließlich, die Heilig zu bewegen versuchen, doch auch gestisch ein klein wenig Freude an den Tag zu legen. Also gut, der neue OB, Lehrer außer Dienst, ist einsichtig: Jubel!

Und danach gehen gleich die Fragen los, auf die sich Heilig hat einstellen können, auf die es aber kaum elegante Antworten gibt. Die vor allem: Wie sehr er den Zorn des Markus Söder fürchtet, der in den Grünen seinen Lieblingsgegner gefunden zu haben scheint, der aber ja nicht nur CSU-Boss ist, sondern auch Landesvater – und damit zuständig auch für die Schöne am Main.

Sieben Monate später: Wie ist es jetzt, Herr Heilig? „Großartig“, antwortet der 50-Jährige, und kommt gleich auf eine Abstimmung im Stadtrat zu sprechen. Um den Haushalt ging’s da und tatsächlich war Erstaunliches zu beobachten. Nahezu alle Parteien, auch die CSU, verzichteten auf Anträge, den Entwurf der Verwaltung zu ändern. Der ganz große Konsens am Main, „das ist der neue Geist in der Stadt“, sagt Heilig. Diesmal wirkt sein Jubel nicht wie angeknipst.

Gut, hört man sich in der CSU um, klingt das weniger euphorisch. Die permanent großen OB-Worte nervten, die Einheitsabstimmung sei lediglich der Angst vor einem nicht genehmigten Haushalt geschuldet und überhaupt: Die Grünen wollten so ziemlich alle Autos aus der City heraushalten – Ideologie!

Also doch schon die Mühen der Ebene? Bei den Grünen gibt man sich gelassen. Ach je, heißt es, die Stadtratswahlen stünden vor der Türe. Was solle die CSU denn machen? Offiziell den Übertritt zur Heilig-Partei erklären? Nein, durch ein wenig CSU-Rumor lasse man sich die Stimmung nicht vermiesen. 2025 bleibe – ein Jahr des Jubels.

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