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Würzburg:Dieser Mann ist der letzte Magisterstudent seines Fachs

Die letzten Magisterstudenten

Christian Gruß hat im November seine Magisterarbeit abgegeben, im nächsten Sommer will er sein Geschichtsstudium an der Universität Würzburg abschließen. Danach würde der 47-Jährige am liebsten promovieren.

(Foto: Daniel Peter)

Christian Gruß studiert Neuere und Neueste Geschichte an der Uni Würzburg auf Magister. Er ist der einzige. In Bayern gibt es noch 119 Studenten, die den Abschluss anstreben, der eigentlich abgeschafft ist.

Für ein Fossil ist Christian Gruß mit 47 Jahren noch recht jung und beweglich. Er würde sich auch selbst nie als Fossil bezeichnen, nur an der Uni, da haben das andere über ihn gesagt. "Sogar noch in meinem letzten Seminar, 2016, ist das passiert. Als wir uns alle vorstellen mussten", erzählt Gruß. Reihum nannten alle Studenten ihren angestrebten Abschluss und ihre aktuelle Semesterzahl.

Seine war zweistellig. Und der angestrebte Abschluss lautete: Magister. Damit fällt er auf. Es gibt nur noch wenige Magisterstudenten in Bayern. Gruß hat 2008 mit dem Studium begonnen. Diesen November hat er seine Magisterarbeit abgegeben. Wenn alles gut geht, wird er im Sommer 2018 mit der mündlichen Prüfung sein Studium abschließen.

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Gruß ist der letzte Magisterstudent im Fach Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Würzburg. In anderen Studiengängen wie Politikwissenschaft, Pädagogik oder Indologie sind noch weitere acht Personen in den sogenannten "alten" Magisterstudiengängen eingeschrieben.

Diese wurden im Zuge des Bologna-Reformprozesses deutschlandweit eingestellt und durch Bachelor- und Master-Programme ersetzt. Weil beim Magister oft keine festgelegte Höchststudiendauer gilt oder diese durch Krankheiten und Urlaubssemester weiter verschoben werden kann, gibt es immer noch Studenten wie Gruß. Zunehmend weniger, aber doch.

Genau genommen sind es in ganz Bayern noch 119. Auch dieses Wintersemester werden einige abschließen und damit das Ende des Magisters in Bayern ein Stück näher bringen. An der Universität Erlangen wird es wohl schon 2018 so weit sein, wie Sprecher Wolfgang Henning sagt. Die letzte immatrikulierte Person habe sich bereits an ihrer Fakultät für die Abschlussprüfung in Philosophie angemeldet.

Ähnlich ist die Situation an den Unis in Eichstätt (1 Magisterstudent), Passau (3), Bamberg (4) und Bayreuth (5). Unbeteiligt an diesem Prozess ist die TU München, an der es diesen Abschluss noch nie gab. Trotzdem kommen die meisten übrigen Magisterstudenten Bayerns aus der Landeshauptstadt: An der LMU sind es 53, vornehmlich aus den Geisteswissenschaften. An den Unis in Augsburg und Regensburg sind es 22 beziehungsweise 21.

Gerade weil es nur noch so wenige Studenten sind, kann der Studienalltag für die Magister- neben den Bachelor- und Masterstudenten doch sehr seltsam sein. So erzählt es Gruß. "Die haben einfach einen anderen Zeitplan, andere Prüfungen und weniger Spielraum." So komme man leider wenig in Kontakt, es sei wie eine Parallelwelt. "Ich wurde nicht wirklich zu den Partys eingeladen", sagt Gruß. "Das liegt bestimmt am Alter, aber doch auch an der Studienform." Erst spät in seinem Studium habe er ein wenig Anschluss gefunden. Eine Bekannte studiert dabei Theologie und wird ebenso den Titel Magister tragen.

Eine Krankheit warf ihn öfter zurück

Denn ein paar Ausnahmefächer gibt es noch in Bayern, bei denen der Magisterabschluss weiter möglich sein wird. Allen voran die theologischen Fächer. Diese bereiten die meisten Absolventen auf das Priesteramt vor oder auf den pastoralen Dienst. Nach Ansicht der Kirchen benötige es dafür einfach fünf Jahre Studium. Für Bachelorstudenten gebe es demnach kein fixes Berufsbild. Die Kultusministerkonferenz ist dieser Argumentation 2007 gefolgt.

Sie führte jedoch neue Module ein, um Ortswechsel und die Vergleichbarkeit zwischen den Unis zu erleichtern. Weitere Beispiele sind spezielle Magister, wie in Regensburg. Dort können Juristen aus dem Ausland einen Überblick über deutsches Recht bekommen und mit dem Titel "Legum Magister" abschließen. Alles in allem führten aber bereits im Wintersemester 2016 weit mehr als 90 Prozent der Studiengänge entweder zum Bachelor oder Master. Der Großteil der übrigen Angebote läuft auf ein Staatsexamen hinaus.

Gruß war 2008 einer der letzten Studenten, die sich noch im alten Studiensystem einschreiben durften. Über die weiteren 118 Magisterstudenten sagt er: "Einige davon wollen nicht fertig werden. Andere haben womöglich mehrere Hauptfächer und einfach viel Arbeit. Wieder ein Teil war vielleicht zu Pausen gezwungen, so wie ich." Denn zwischendurch hatte Gruß sogar überlegt, in ein Master-Programm zu wechseln. Doch er ist ein spezieller Fall: Eine Krankheit warf ihn öfter zurück. Wegen ihr schloss er erst mit 31 seine Lehre als Bürokaufmann ab und konnte dann trotzdem nicht in dem Beruf arbeiten.

Der Magister ist durch die flexible Struktur ideal, das Studium für Gruß lange Zeit ein Lebenstraum. Den kann er sich jetzt bald erfüllen. Im Gegensatz zu einem Master, so heißt es, bereite der Magister aber nicht direkt auf einen klaren Beruf vor. Gruß möchte deshalb promovieren. Die Voraussetzung: Er möchte eine bezahlte Promotionsstelle haben. Seine Noten sind bisher gut genug, auf die letzten Prüfungen kommt es an.

© SZ vom 30.11.2017/amm
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