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Würzburg:Cybermobbing am virtuellen Schulhof

Viele Lehrer erleiden Hass im Netz. Einige haben nun Schüler angezeigt

Von Carolin Gißibl, Würzburg

Es tut weh, man fühlt sich verletzt und bloßgestellt - so beschreibt eine Lehrerin das Gefühl, als sie in sozialen Medien ein Profil mit ihrem Namen und Foto sieht. Daneben der Begriff "Hatepage", darunter Beleidigungen. "Das haben Leute aus meinem privaten Umfeld gesehen - das hat auch sie belastet, nicht nur mich", erzählt die Lehrerin aus Unterfranken. Sie erstattete Anzeige bei der Polizei.

"Mir ist es wichtig, dass der Unterschied zwischen einer Straftat und einer Schmiererei auf der Schultoilette deutlich wird", erklärt sie diesen Schritt. Zum Eigenschutz, aber auch um die Täterin oder den Täter nicht in der Öffentlichkeit gebrandmarkt zu sehen, will die Lehrerin unerkannt bleiben. Mit der Entscheidung, Anzeige zu erstatten, steht sie nicht alleine da: Lehrer einer Schule in Mellrichstadt im Landkreis Rhön-Grabfeld haben Ende vergangenen Jahres ebenfalls zwei Schüler wegen Beleidigung angezeigt. Auch ein 17-Jähriger aus der Region kassierte eine Anzeige, da er während des Homeschoolings ein Gespräch mit seinen Lehrer filmte und das Video samt Beleidigung veröffentlichte. In Mellrichstadt hatte das Lehrerkollegium alle Möglichkeiten ausgeschöpft, doch sie waren laut einem Polizisten "fruchtlos". Als die Schüler verunstaltete Fotos der Lehrer ins Netz stellten und verschickten, entschieden sich die Lehrer für eine Anzeige. Das Besondere: Die Schüler sind unter 14 Jahre alt und nicht strafmündig. "Die Ermittlungen wurden dennoch sehr ernst genommen und die Ergebnisse an das Jugendamt und die Staatsanwaltschaft weitergeleitet", sagte ein Polizeibeamter.

Einer Forsa-Studie im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) aus dem Jahr 2020 zufolge gaben 32 Prozent der rund 1300 befragten Schulleiter an, dass es an der eigenen Schule Fälle gab, in denen Lehrkräfte über das Internet diffamiert, belästigt, bedrängt, bedroht oder genötigt worden.

Als "enormer Beschleunigungsfaktor" wird Corona in einer Studie des "Bündnisses gegen Cybermobbing" bezeichnet. Demnach ist auch jeder sechste Schüler von Cybermobbing betroffen - fast zwei Millionen Kinder und Jugendliche zwischen acht bis 21 Jahren. Die Lehrerin aus Unterfranken rät Eltern, Mobbing immer wieder zu thematisieren. "Wirksam kann auch sein, wenn Eltern ihren Kindern über ihr eigenes Fehlverhalten oder über eigene Erfahrungen berichten." Auch um ihren Schülern zu zeigen, wie sie mit solchen Situationen umzugehen haben, habe sie Anzeige erstattet.

© SZ vom 01.02.2021
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