OB-Wahl in WürzburgWürzburg, wo das Private mitunter politisch wird

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Martin Heilig ist der neue OB von Würzburg, Judith Roth-Jörg ist dritte Bürgermeisterin mit komplizierter Familiengeschichte.
Martin Heilig ist der neue OB von Würzburg, Judith Roth-Jörg ist dritte Bürgermeisterin mit komplizierter Familiengeschichte. Heiko Becker/Heiko Becker/dpa

Darf Familiäres eine Rolle spielen in der Betrachtung von Politik, soll es – oder muss es mitunter sogar? Ein inzwischen prominent gewordener Fall aus Würzburg wirft diese höchst diffizilen Fragen auf.

Kolumne von Olaf Przybilla

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Das Private ist politisch, hieß es in den Siebzigerjahren, eine schillernde Parole aus der frühen Frauenbewegung. Schillernd deshalb, weil ja die meisten zu einer eher gegenteiligen Einschätzung kämen: Das Private ist privat, das Politische politisch.

Grenzfälle? Die freilich würden wohl beide Seiten einräumen. Man versetze sich in einen Politikwissenschaftler, der 2125 die Geschichte der Würzburger CSU darstellen will. An einer Stelle sähe er sich – wollend oder nicht – vor die Frage gestellt, ob das Politische in seinem Buch ausschließlich das Politische ist. Oder ob, der anderen Schule folgend, auch das Private politisch ist. Zumindest sein kann.

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Folgendes nähme der Politologe wahr: 2018 unterliegt in Würzburg, als Einziger außerhalb Münchens, ein CSU-Bewerber ums Landtagsdirektmandat dem Grünen-Mitbewerber. Was allgemein als „Sensation“ eingestuft wird. Der Name des CSU-Manns? Oliver Jörg.

Sieben Jahre später träfe der Politologe erneut auf diesen Namen, in anderer Fügung allerdings. 2025 unterliegt die CSU-Bewerberin im Wettstreit ums Würzburger OB-Amt ihrem Grünen-Mitbewerber. Erstmals in der Geschichte Bayerns wird ein Grüner OB. Mindestens die Höhe des Resultats – 65 Prozent für den Grünen – sorgt bundesweit für Erstaunen. Der Name der CSU-Frau? Judith Roth-Jörg.

Der Politologe arbeitet sich weiter durch die Akten, auf den Namen „Roth“ trifft er ein zweites Mal. In besagter Zeit gibt es einen Mann, der seit 2019 CSU-Fraktionschef im Stadtrat ist. Und 2024 zusätzlich den Vorsitz der Würzburg-CSU übernimmt, vorerst kommissarisch. Sein Name: Wolfgang Roth.

Warum die Übernahme? Christine Bötsch verzichtet in der Zeit aufs Chefamt in der Würzburg-CSU. Huch, Bötsch? Der Politologe blättert hektisch zurück ins 20. Jahrhundert. Ah, die Tochter des damaligen CSU-Bundespostministers Wolfgang Bötsch.

Und wie passt jetzt Roth, Jörg und Roth-Jörg zusammen? Der Politologe findet Hinweise, aus denen hervorgeht, dass Judith Jörg bis 2018 mit Oliver Jörg verheiratet war. 2019 wiederum ein Paar in Würzburg öffentlich machte, geheiratet zu haben: Wolfgang Roth und Judith Roth-Jörg.

Soll der Politologe das jetzt aufnehmen in seine Darstellung? Spielt das überhaupt eine Rolle? Nun, der Wissenschaftler findet Zeitungsausschnitte, aus denen hervorgeht, dass das drohende Familienfrühstücks-Zusammentreffen von CSU-Oberbürgermeisterin, CSU-Kreischef und CSU-Fraktionschef über etliche Wahlkampf-Wochen 2025 Stadtgespräch war in Würzburg. Soll er es aufnehmen? Darf er? Muss er nicht sogar?

Dem Ehemann Wolfgang Roth jedenfalls ist heute anzumerken, dass er nicht maximal unglücklich ist, diesen OB-Wettstreit nun endlich hinter sich zu haben. Der kommissarische CSU-Vorsitz? Zwei Tage, nachdem er sich 2024 bereiterklärt habe, diesen zu übernehmen, habe ihm OB Christian Schuchardt mitgeteilt, vorzeitig aus dem Amt zu scheiden. Danach lief alles auf seine Frau als OB-Kandidatin zu. Und dann war da plötzlich: dieses Thema. Privat. Und politisch.

Und nun? Er habe seine Sinne hinreichend zusammen, sagt Roth, um bereits am Wahlsonntag gewusst zu haben, dass den Chefsessel der Würzburg-CSU jetzt jemand anderes übernehmen muss. (In den Akten wird man künftig unter „CSU-Vorsitz“ den Namen Hülya Düber finden.) Am Mittwoch war Vorstandssitzung, da hat Roth das seinen Parteifreunden mitgeteilt.

Würde der Politologe all diese höchst familiären Angelegenheiten in seine Monografie aufnehmen? Weiß man nicht. Wolfgang Roth aber weiß jetzt: Das Private ist - mitunter - politisch. Ob man es will oder nicht.

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