Mit einem neuen Bayerischen Zentrum für präventive Infektionsmedizin (BZI) will sich der Freistaat gegen künftige Pandemien wappnen. Es soll die Infektionsforschung an allen sechs Universitätskliniken in Bayern verbinden. So sollen Forschungsergebnisse schneller Anwendung in der Praxis finden. „Die nächste Pandemie darf uns nicht wieder überraschen“, sagte Bayerns Wissenschaftsminister Markus Blume laut Pressemitteilung bei der offiziellen Eröffnung des Zentrums am Mittwoch in Würzburg. Deshalb baue Bayern ein wissenschaftliches Frühwarnsystem für Infektionsrisiken auf. Der Anspruch sei klar: „Risiken früher erkennen, schneller reagieren und Menschen besser schützen.“
Mit dem BZI reagiere die Staatsregierung auf die Erfahrungen aus der Pandemie, so Blume. Man richte den Blick aber nach vorn auf die Erforschung von neuen Erregern und Resistenzen bis hin zu postviralen Langzeitfolgen. Neue Erreger sollen durch Beobachtung „in nahezu Echtzeit“ schnell erfasst und eingeordnet werden. Derzeit würden insbesondere Erreger von Atemwegserkrankungen wie Pneumokokken, RSV oder Covid beobachtet.
Damit verknüpft sei die Forschung an Impfstoffen gegen Atemwegserkrankungen, die für die Pandemievorsorge besonders relevant seien. Entwickelte Impfstoffe könnten dann schnell an neue Pandemie-Erreger angepasst werden.
Oliver Kurzai, Vorstand des Instituts für Hygiene und Mikrobiologie an der Uni Würzburg, lobte das neue Zentrum. Infektionen zu behandeln, werde aufgrund der zunehmenden Resistenzentwicklung immer schwerer, bei manchen Erregern gebe es gar keine gezielte Therapiemöglichkeit, sagte Kurzai laut Pressemitteilung. Das neue Zentrum nutze aber die gebündelte Expertise aller bayerischen Universitätsklinika und medizinischen Fakultäten. Zusammen mit dem öffentlichen Gesundheitsdienst bildeten sie ein „einzigartiges Netzwerk“, so Kurzai.
Pro Standort sind dafür laut BZI jeweils drei bis fünf neue Stellen geschaffen worden. Koordiniert werde das Zentrum unter anderem durch die Geschäftsstelle an der Universitätsklinik Würzburg. In den nächsten Jahren sei ein weiterer Ausbau geplant. Das Ministerium finanziert das Zentrum zunächst mit drei Millionen Euro jährlich.
Bei der Eröffnungsveranstaltung wurden die wichtigsten Projekte des BZI vorgestellt – darunter das Bayerische Long-Covid-Register. Blume verwies darauf, dass bis heute viele Menschen an postviralen Langzeitfolgen litten. Die öffentlichen Aktionen von Betroffenen machten den Leidensdruck vieler Patientinnen und Patienten sichtbar. Mit dem Long-Covid-Register wolle man nun Forschung, Versorgung und Erkenntnisgewinn in diesem Bereich verbessern.
Von Long Covid, das in Fachkreisen auch Post Covid genannt wird, spricht man, wenn Patienten mehr als zwölf Monate nach einer Infektion noch an Beschwerden leiden, die nicht anders erklärt werden können. Man geht dann davon aus, dass das Virus nachhaltigen Schaden im Körper angerichtet hat. Manchmal sind Organe wie Herz oder Lunge angegriffen, häufig auch das zentrale Nervensystem, das Atmung und Blutdruck kontrolliert. Die Patienten können unter Erschöpfungszuständen, Konzentrationsproblemen, Muskelschwäche und Kreislaufproblemen leiden. Sehr selten treten solche Symptome auch nach der Covid-Impfung auf. Man spricht dann von Post Vac.
Besonders schwer von Long Covid betroffen sind jene Patienten, die an dem Chronischen Fatigue-Syndrom leiden, das in der Sprache der Mediziner das sperrige Kürzel ME/CFS trägt. Es kann durch Covid, aber auch durch andere Virusinfektionen ausgelöst werden. Nach Angaben der Stiftung „ME/CFS Research Foundation“, die die Erforschung der Krankheiten fördert, lebten Ende 2025 in Deutschland mehr als 650 000 Menschen mit ME/CFS und mehr als 750 000 mit Long Covid. Es gibt bislang keine heilende Therapie, wohl aber lassen sich die Symptome gut lindern.
Fokus auf Long Covid und ME/CFS
In dem neuen Zentrum soll nun die Forschung vorangetrieben werden: In einem ersten Sonderprojekt wird ein bayernweit harmonisiertes Register zu Long Covid erstellt, in dem Daten und Proben zu Krankheitsverlauf und der Versorgung der Patienten erfasst werden sollen. Ziel sei eine bessere Diagnostik und neue Therapiestudien für Betroffene von Long Covid und speziell auch für Infektions-Folgeerkrankungen wie ME/CFS.
Vertreter der Post-Vac Initiative Bayern aus Augsburg lobten am Donnerstag die Pläne für ein Long Covid Register: „Es ist nach wie vor schwer, verlässliche Zahlen zu den Betroffenen post-viraler Syndrome zu erhalten, da wird ein zentrales Register sicherlich gute Dienste leisten“, sagte eine Sprecherin der SZ. Sie hoffe allerdings, dass es eine Unterkategorie geben werde, über die auch Post-Vac-Betroffene ausgewertet werden können.


