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SZ-Serie: Urlaub daheim:Auf den Spuren des Parzivaldichters

In Wolframs-Eschenbach kann der Besucher eindrückliches Mittelalter erleben. Der Literat und Minnesänger ist dabei allgegenwärtig.

Von Olaf Przybilla

Kein sanfter, wohl nicht mal ein auffallend ritterlicher Kampf war es, den die bayerischen Eschenbachs da ausgetragen haben. Sogar in Österreich wollten Eschenbacher für sich in Anspruch nehmen, der Dichter des "Parzival" stamme selbstredend aus ihren Breiten. Geschrieben wurde dieser wohl bedeutendeste Versroman des Mittelalters in den ersten Jahren des 13. Jahrhunderts; und was die streitgegenständliche Angelegenheit erheblich erschwerte: Zu Lebzeiten hat Wolfram von Eschenbach kaum Spuren hinterlassen. Was man über ihn weiß, das weiß man in erster Linie aus den selbstreferenziellen Angaben jener fiktionalen Figur, die die Geschichte des Gralssuchers im "Parzival" erzählt. Dass aber literarische Erzähler nicht immer bei der Wahrheit bleiben, auch gar nicht bleiben müssen - das war schon im Mittelalter so.

Aber man muss den Streit um des Dichters Heimat nun nicht wieder aufleben lassen. Als Maximilian II. von Bayern 1857 per Order bekannt gab, dass er beabsichtige, das mittelfränkische Eschenbach südöstlich von Ansbach mit einem steinernen Denkmal des Parzivaldichters zu beehren und dafür 1200 Gulden zu berappen, war zumindest der innerbayerische Wettstreit der verschiedenen Eschenbachs entschieden. And the winner is: Franken. Spätestens seit mitten im I. Weltkrieg auf ein königlich-bayerisches Dekret hin das vormalige Obereschenbach zu Ehren des Dichters in "Wolframs-Eschenbach" umbenannt wurde, darf der Wolfram-Contest als beendet gelten. Jenen Autor, den der Mediävist Werner Schröder schlicht "den Größten" aller Mittelalterdichter nennt, würde man heute einen Franken nennen.

Grund genug, jener Stadt einen Besuch abzustatten, die wie keine andere der Republik mit dem Namen ihres Großdichters verschmolzen ist (Lübeck heißt eben nicht Thomas-Mann-Stadt). Vorab freilich lohnt ein Blick in das Werk, das Richard Wagner zu seinem letzten Musikdrama inspiriert hat. Trotzdem strafen manche vermutlich schon deswegen Wolframs "Parzival" ihr Leben lang mit Ignoranz, weil ihnen nie die Übersetzung von Dieter Kühn ans Herz gelegt worden ist. Kühn war nicht nur ein unerhört charismatischer Geist, er gehörte auch zu den großen Fabulierern der Nachkriegsliteratur. Seine bleibende Tat aber dürfte die Brücke sein, die er vom Mittelalter in die Moderne geschlagen hat. Wer seine Übersetzungen liest, kommt gar nicht auf die Idee, das Hochmittelalter könnte einem im 21. Jahrhundert nichts mehr zu sagen haben. Im Gegenteil: Wolfram darf man erleben als einen Autor, der mit seinen Quellen in der Art eines neuzeitlichen Romanciers umspringt, der erzählerische Haken schlägt, den Leser ironisch auf die Folter spannt, längst vergessene Erzählstränge narrativ zusammenführt, sich einmischt, sich mit seinen Lesern unterhält und sie zu heimlichen Mitspielern macht.

Sein Stoff wiederum tangiert auch 800 Jahre später nicht etwa nur Themen, die längst ausdiskutiert sind: "Zur gleichen Zeit gebar die Edle / einen zwiegefärbten Sohn / Gott vollbrachte hier ein Wunder: / er war schwarz und weiß zugleich!" Die Rede ist hier von Fairefis, Sohn einer Person of Color und Parzivals Halbbruder, den dieser später im Roman nicht erkennen und sich mit ihm duellieren wird - eine ebenso internationale wie aktuelle Geschichte, könnte man sagen. Was aber nicht bedeuten soll, dass in diesem Epos nur die großen Menschheitsfragen verhandelt werden, dafür war Wolfram ein viel zu leidenschaftlicher Humorist. "Was uns Bayern so berühmt macht", pflegt er einmal beiläufig in den Erzählfluss ein, "sprech ich auch den Walisern zu: / die sind noch blöder als die Bayern / und stehn im Kampf doch ihren Mann. / Wer aus diesen Ländern kommt / der ist von allerfeinster Art."

Damit nach Wolframs-Eschenbach, das Georg Dehio "das Bild einer Stadt kleinsten Formats" genannt hat, wie man es in dieser Unberührtheit selten noch finde. Zu sehen ist das am Besten vom Schießweiher aus, wo man einen Blick werfen kann auf die markante Silhouette dieser Stadt mit ihrem Liebfrauenmünster samt buntglasierten Ziegeln. Ums Eck beginnt dann schon der "Literaturweg Franken", der nicht nur Wolfram gewidmet ist, sondern auf klug komprimierenden Tafeln einen Überblick verschafft über die Literaturlandschaft im Norden des Freistaats. Der Weg führt entlang keupersandsteinerner Mauern und Wehrtürme, eindrücklicheres Mittelalter wird man auch in anderen dafür berühmten Kleinstädten kaum erleben können.

Literaturwege

Keine drei Kilometer lang ist der Literaturweg Franken, man soll sich aber nicht täuschen: Wer alle Tafeln lesen und das Museum besuchen will, sollte Zeit einplanen. Wer mehr wandern will, dem sei einer der "Minnesängerwege" empfohlen, die in die Landschaft mäandern. An der Europäischen Wasserscheide entlang führt ein Weg nach Bammersdorf. Zurück in Wolframs-Eschenbach kann man sich stärken in einer von der Kommune selbst betriebenen Bäckerei. Für Kinder bietet sich der Ritterspielplatz an und die Geschichten rund um den Film "Räuber Hotzenplotz", der unter anderem am Gasthaus "Zur Traube" gedreht wurde. Wer mehr Wolfram sehen will: Am südlichen Ortseingang steht eine Plastik nach Vorlage aus der Manessischen Liederhandschrift. Auch ein Besuch der nahen Festung Lichtenau lohnt. Olaf Przybilla

Und natürlich ist die zentrale Tafel gleich Wolfram gewidmet: Stammend aus einem in Eschenbach ansässigen Ministerialengeschlecht, mit eigenem Lehen und fränkischen Ortskenntnissen ausgestattet, irgendwann zwischen 1160 und 1180 in Oberschenbach geboren, exakter weiß man es nicht zu sagen. Ein Literat, der sich selbst als ungebildet und des Lesens unkundig bezeichnet hat - so als habe er den Germanisten neuzeitlicher Unis, Fachbereich Mittelhochdeutsch, einen Streitgegenstand mit möglichst langer Halbwertszeit mitgeben wollen: Wie meint dieser begnadete Kerl das? Ist das ernst - oder veralbert der uns? Wie man übrigens gerne wissen würde, ob in ferner Zukunft doch noch jener vermeintliche Autorenkollege aufgetan wird, von dem Wolfram allerlei Handlungsstränge im "Parzival" übernommen haben will. Gibt's diesen Kollegen überhaupt? Macht er sich über die quellenhörigen Schriftsteller seiner Zeit lustig? Oder will Wolfram einfach heillose Verwirrung stiften, weil er einen Spaß daran hatte?

Das sind so Gedanken, die einen umtreiben könnten auf diesem pittoresken Parcours - wären da nicht all die anderen Literaten mit Frankenbezug, die man sich ebenfalls erwandern kann rund um Wolframs-Eschenbach: den Nürnberger Hans Sachs etwa, den Fürther Jakob Wassermann und natürlich Jean Paul, dieses Genie aus Wunsiedel. Oder auch den Nachkriegslyriker Günter Eich, der in seinem Gedicht "D-Zug München-Frankfurt" nicht nur Gunzenhausen und Ansbach ein kleines Denkmal gesetzt hat, sondern auch den Fröschen im mittelfränkischen Ornbau. Klar gehört im Stadtzentrum dann noch ein Besuch jenes Wolfram-Denkmals dazu, das der bayerische König einst spendiert hat. Auch sollte man sich (in postpandemischen Zeiten) das Wolfram-Museum nicht entgehen lassen und kann im Münster darüber nachsinnen, ob es wohl noch Überreste des großen Dichters aus Eschenbach birgt. So ganz sicher ist das nicht - wie so vieles aus dem Leben Wolframs. Glücklicherweise, könnte man sagen.

© SZ vom 14.05.2021
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