Prozess in Regensburg Wolbergs ganz privat

Am 48. Verhandlungstag geht es für Joachim Wolbergs vor dem Regensburger Landgericht vor allem um seinen persönlichen Werdegang.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Im Korruptionsprozess erzählt der suspendierte Regensburger Oberbürgermeister aus seinem Familienleben - und muss weinen.

Aus dem Gericht von Andreas Glas, Regensburg

Joachim Wolbergs spricht, eine Dreiviertelstunde lang. Dann bricht ihm die Stimme weg. Er weint. "Machen wir eine Pause", sagt Richterin Elke Escher. Wolbergs steht auf, geht hinaus und lässt eine seltsame Stille zurück in Saal 104 des Landgerichts.

An diesem Donnerstag, Tag 48 des Regensburger Korruptionsprozesses, soll der suspendierte Oberbürgermeister Joachim Wolbergs über seine persönlichen Verhältnisse sprechen. Über "meine Erziehung und meinen Charakter, wie ich ihn sehe", sagt der SPD-Politiker. Also spricht er, länger als eine Stunde, die Zuschauer hören gespannt zu. Er redet mal leise, mal laut, mal witzig, mal bitterernst. Seit die Affäre vor bald drei Jahren losbrach, "ist es jeden Tag gefühlt ein Tag meines Lebens, den ich verliere", sagt Wolbergs.

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"Alle tun ja immer so, als wäre ich auf die Welt gekommen und hätte schon auf dem Lätzchen stehen gehabt, dass ich Oberbürgermeister werden muss", sagt er. Dabei habe ihn die Kommunalpolitik bis in die Jugend hinein "null interessiert, null". Wolbergs, 48, sagt, er sei "wohlbehütet" in Regensburg aufgewachsen. Dann erzählt er aus seiner Zeit als Schülersprecher, dass er auf dem Gymnasium mal sitzen geblieben ist und sein Studium abgebrochen hat. Als Schülersprecher habe er Christa Meier kennengelernt, damals SPD-Landtagsabgeordnete. In dieser Zeit habe er angefangen zu verstehen: "Wenn man was verändern will, muss man sich politisch organisieren." Mit 16 Jahren sei er in die SPD eingetreten. "Ich wollte ja was verändern", sagt Wolbergs.

Er erzählt, wie er Wahlkampf machte für Christa Meier, die 1990 die OB-Wahl in Regensburg gewann. Er erzählt, wie er später selbst aufstieg zum "Hoffnungsträger der Bayern-SPD", so sagt er das selbst. Er listet die Parteiämter auf, die er innehatte: Stadtverbandschef, Unterbezirkschef, Mitglied des Landesvorstands. Im Jahr 2008 wurde er Dritter Bürgermeister, 2014 dann Oberbürgermeister. "Nicht mit irgendeinem Ergebnis", sagt Wolbergs, sondern mit 70 Prozent. "Mir hat der Job unglaublich viel Freude gemacht", zweieinhalb Jahre lang. Dann kam der Absturz.

Das Honorar seiner Anwälte habe sein Vermögen aufgefressen

Die Untersuchungshaft, die Suspendierung, "das hat alles kaputt gemacht", sagt Wolbergs. Sechs Wochen saß er im Gefängnis, Anfang 2017 war das. Davon träume er immer noch, "ich schwitze jede Nacht wie verrückt". Dann kommt der Moment, als seine Stimme bricht. Als Wolbergs erzählen will, was das alles mit seiner Familie gemacht hat: die Ermittlungen, die Zeit während und nach der Haft. Er wolle "nicht zu tief gehen", sagt Wolbergs, als er nach der Pause in den Gerichtssaal zurückgekehrt ist. Er sagt, dass es "nicht leicht" gewesen sei für seine Frau und seine Kinder.

Das Honorar seiner Anwälte habe sein Vermögen aufgefressen, sagt Wolbergs. Es folgt ein neuerlicher Angriff auf einzelne Medien und die Staatsanwaltschaft, der er Verfolgungseifer unterstellt. "Ich bin mit 70 Prozent gewählt, ich habe eine ganz andere Legitimation als die Staatsanwaltschaft", sagt Wolbergs. Er betont seine Unschuld und schimpft über zwischenzeitliche Ermittlungen wegen Untreue, weil er einen Roller der SPD privat genutzt haben soll. Absurd, findet Wolbergs, deutet mit dem Kopf zur Staatsanwaltschaft und fragt die Richter: "Und dann darf ich nicht sagen, dass die nicht ganz dicht sind?" Er schiebt ein "Entschuldigung" hinterher. "Kein Problem", sagt die beisitzende Richterin Britta Wankerl.

Seine Wut auf die Ermittler teilt Wolbergs mit dem ebenfalls angeklagten Bauunternehmer Volker Tretzel, der die Politik des Oberbürgermeisters mit mutmaßlich verschleierten Parteispenden beeinflusst haben soll. Vergangenes Jahr hat Tretzel die Staatsanwaltschaft sogar verklagt. Sein Vorwurf: Die Behörde soll bei ihrer Pressearbeit das Recht auf ein faires Verfahren und Persönlichkeitsrechte verletzt haben. Nun gibt es einen Termin für die Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht: den 23. Juli. Der Prozess vor dem Landgericht wird bereits am kommenden Montag fortgesetzt.