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Wohnungsnot:Zwiesel will keine Dauerbewohner in Ferienanlage

Im Chrysantihof in Zwiesel wohnen einige Dauermieter. Doch die Stadt will die Anlage ausschließlich touristisch nutzen.

(Foto: Privat)

Langjährige Mieter sollen Appartements räumen, da sich das nicht mit dem Tourismus vertrage. Doch der läuft schleppend - und Wohnraum ist knapp

Im Sommer 2017 bekam Sonja Forster einen Brief vom Landratsamt. Sie saß in ihrer Wohnung, öffnete das Kuvert und musste schlucken. Weil die Stadt Zwiesel es so will, forderte diese das Landratsamt als zuständige Behörde auf, ihre Wohnung zu räumen. Andernfalls müsse sie Bußgeld zahlen: 300 Euro. Damals, als sie einzog, habe sie keine Arbeit gehabt, sagt Forster, "da war es nicht so, dass ich eine teure Miete hätte zahlen können oder viele Möbel anschaffen". Die kleine, möblierte Wohnung im Aparthotel in Zwiesel kam der 64-Jährigen gerade recht. Fünf Jahre lang lebte sie dort, ganz normal. Bis der Brief des Landratsamts Regen kam. Ein Schreck sei das gewesen, sagt Forster.

Nicht nur Forster bekam Post, auch ihre Nachbarn im Aparthotel. Inzwischen sind fast alle Dauermieter ausgezogen. Doch nebenan, im Chrysantihof, leben immer noch viele Menschen dauerhaft in einer Ferienanlage. Deswegen tobt nun ein Streit in Zwiesel. Etwas zugespitzt geht es um die Frage: Was ist der Stadt wichtiger? Die Menschen, die in Zwiesel wohnen möchten? Oder diejenigen, die kommen, um Urlaub zu machen?

Was man wissen muss: Zwiesel ist kein Urlauber-Hotspot. Seit Jahren tut sich die Stadt schwer, den Tourismus anzuschieben. Nachfrage nach Wohnraum gibt es dagegen schon. Das liegt auch an den Schülern der Glasfachschule, die vor allem kleine, bezahlbare Apartments suchen. Genau solche Wohnungen fehlen in Zwiesel, theoretisch jedenfalls. Praktisch gibt es etliche Apartments in Ferienanlagen, die leer stehen, da Touristen ausbleiben. Doch die Stadt verbietet den Eigentümern, ihre Apartments an Dauerbewohner zu vermieten - und geht gegen diejenigen vor, die das trotzdem tun.

"Mir ist es lieber, wenn die Wohnungen genutzt werden, als wenn sie leer stehen", sagt Grünen-Stadträtin Siegrid Weiß. Zusammen mit ihren Fraktionskollegen hat sie einen entsprechenden Antrag im Bauausschuss eingereicht. Ihr gehe es darum, dass auch diejenigen in Zwiesel eine Wohnung finden, "die finanziell nicht so gut gestellt sind", sagt Weiß. Doch die Mehrheit im Bauausschuss hat den Grünen-Antrag kürzlich abgelehnt.

Warum eigentlich? CSU-Stadtrat Josef Leher sagt, dass die Chrysantihof-Eigentümer ihre Apartments hauptsächlich an Hartz-IV-Empfänger vermietet hätten, an Personen "der untersten Stufe", wie er das ausdrückt. Das vertrage sich nicht mit Tourismus, sagt Leher. Hier Urlauber, die Ruhe haben wollen, nebenan "die asozialen Vermietungen", sagt Leher.

Diese Wortwahl, sagt Grünen-Stadträtin Weiß, "heiße ich nicht gut". Ein Stadtrat habe allen Menschen gegenüber "eine soziale Verpflichtung". Außerdem sei der Anteil an Hartz-IV-Empfängern in der Ferienanlage relativ gering. Sagt auch Johann Braun, dem unter anderem das Schwimmbad im Chrysantihof gehört. Rund die Hälfte der 133 Apartments seien nach wie vor Ferienwohnungen, in den übrigen Apartments wohnten vor allem Glasfachschüler, Soldaten der Bundeswehr und ältere Menschen, sagt Braun. Er fände es gut, wenn die Stadt eine Mischnutzung zulassen würde, also Tourismus und dauerhaftes Wohnen nebeneinander. Falls nicht, fürchtet er, könnten die ungenutzten Apartments verfallen.

Braun erwartet, dass bald auch die Mieter im Chrysantihof ausziehen müssen. Dass die Stadt ihre Meinung noch ändert, daran glaubt er nicht. Darauf deuten auch die Aussagen von Bürgermeister Franz Xaver Steininger (parteilos) hin. Er will die Anlage nur touristisch nutzen, am liebsten mithilfe von Investoren, die "ihr Business richtig verstehen", sagte er dem Bayerischen Rundfunk. Auf SZ-Nachfragen reagierte Steininger dagegen nicht.

Sonja Forster hat derweil eine neue Wohnung gefunden. In Regen, wo sie auch arbeitet. Die neue Wohnung sei noch etwas kleiner als die alte, aber "auch wieder ganz schön". In Zwiesel habe sie sich am Ende unerwünscht gefühlt, "das zermürbt einen". Aber jetzt, sagt Forster, "bin ich ganz glücklich".