Aus Sicht von Naturschützern und Naturfans war es ein freudiges Ereignis: Am 28. Juli 2017 tappten im Nationalpark Bayerischer Wald drei wenige Wochen junge Wolfswelpen in eine Fotofalle. Mit dem Schnappschuss war Wirklichkeit geworden, was Fachleute schon seit geraumer Zeit vorhergesagt hatten: Bayern war wieder Wolfsland. Die beiden Elterntiere der Welpen hatten sich schon vor Monaten in den Wäldern des Nationalparks angesiedelt. Es war nur eine Frage der Zeit, dass sie Junge bekommen. Die Wölfe im Nationalpark waren das erste frei lebende Rudel im Freistaat seit der Ausrottung der Raubtiere in Bayern in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Gute zehn Jahre nach ihrer Rückkehr in den Bayerischen Wald sind die Wölfe in der Region wieder fest etabliert. Und zwar nicht nur auf bayerischer Seite. Sondern auch im Nationalpark Šumava gleich hinter der Grenze zu Tschechien und dem weitläufigen Landschaftsschutzgebiet, in das er integriert ist. Zeit also für eine erste Bilanz. Zumal die Wölfe in den beiden Nationalparks und in dem Landschaftsschutzgebiet so intensiv überwacht und erforscht werden wie sonst wohl eher selten – was ihre zahlenmäßige Entwicklung anbelangt ebenso wie ihre Streifzüge und ihr Jagdverhalten, aber auch Auffälligkeiten und anderes mehr.
Das erste und wohl wichtigste Ergebnis, das freilich wenig überraschend ist: Die Wolfspopulation wächst kontinuierlich an. Das betrifft sowohl die Zahl der Tiere als auch die der Wolfsreviere. „Im Monitoringjahr 2024/2025 haben unsere Mitarbeiter grenzübergreifend 43 Wölfe nachgewiesen“, sagt die Chefin des Nationalparks Bayerischer Wald, Ursula Schuster. „Also alle Elterntiere, Jungwölfe und Welpen zusammen.“ Das waren zehn Wölfe mehr als im Vorjahr. Wobei der Zuwachs von Jahr zu Jahr schwankt und es auch schon Jahre mit weniger Tieren als im Vorjahr gab.
13 der 43 Wölfe von 2024/2025 waren Welpen, die in dem Jahr geboren wurden. Schuster zufolge haben Wolfswelpen, wie viele andere Wildtiere auch, eine hohe Sterblichkeit. „Nur etwa die Hälfte von ihnen überlebt den ersten Winter“, sagt die Nationalpark-Chefin. Auch später drohen den Tieren Gefahren. Erst am Karsamstag wurde am frühen Morgen ein junger Wolfsrüde im Bayerischen Wald bei einer Kollision mit einem Auto so schwer verletzt, dass er wenig später starb.
Zugleich betont Schuster, „dass die Zahl der von uns festgestellten Wölfe immer die Untergrenze der Zahl der Wölfe ist, die hier leben“. Der Grund: „Wir gehen davon aus, dass unsere Fotofallen nicht alle Wölfe in unserem Gebiet erfassen, auch wenn unsere Mitarbeiter die Kameras natürlich dort aufstellen, wo sie es für am Wahrscheinlichsten halten, dass sich welche aufhalten.“ Ähnlich sei das mit Kot, Urin, Haaren und anderen Hinterlassenschaften, nach denen die Mitarbeiter der Nationalparks die Region systematisch durchforschen. Man könne nicht erwarten, dass sie dabei lückenlos welche von allen Wölfen in der Region aufspüren.
Auch die Zahl der Wolfsreviere steigt. Zuletzt waren es zehn. Zwei liegen von ihrem Schwerpunkt her auf bayerischer Seite, sechs im Nationalpark Šumava und zwei in dem Landschaftsschutzgebiet, das ihn umgibt. Wobei es natürlich an der Tagesordnung ist, dass die Wölfe in der Region zwischen Bayern und Tschechien hin und her wechseln. Der Wolf etwa, der seit Februar in der Gegend bei Haidmühle eine gewisse Aufmerksamkeit in der Bevölkerung erregt, weil er in Ortsnähe einen Hirsch gerissen hat, gehört zu einem Rudel, das hauptsächlich in Tschechien unterwegs ist.

Das andere, ebenfalls zentrale Ergebnis: Die Wölfe sind sehr scheu, sie halten sich grundsätzlich von Menschen fern, auch wenn immer mal wieder welche in der Nähe von Ortschaften auftauchen. Die Mitarbeiter des Nationalparks Šumava statten immer wieder Wölfe mit Sendern aus und vollziehen anhand der Funksignale deren Streifzüge nach. „Dabei zeigt sich, dass unsere Wölfe tagsüber zu einem oder maximal zwei Prozent nahe an eine menschliche Siedlung, eine Straße oder einen Wanderweg herankommen“, sagt Schuster, „den weit überwiegenden Anteil sind sie in Entfernungen von mehr als zwei Kilometern von solchen Strukturen unterwegs.“
Nachts ist das etwas anders, vor allem in Zeiten in denen kaum noch Menschen unterwegs sind. Da kommen die Wölfe durchaus näher an die Siedlungen heran als untertags. „Der Anteil der Streifzüge in einer Entfernung von bis zu 500 Metern zu Ortschaften herumstreifen, steigt dann auf elf bis zwölf Prozent“, sagt Schuster. „Wir haben festgestellt, dass die Tiere nachts auch vermehrt Wanderwege und ähnlich Infrastrukturen nutzen, offenbar weil sie auf ihnen besser vorankommen und weite Strecken schneller zurücklegen können.“
Und natürlich steigt mit der Zahl der Wölfe in der Region die Wahrscheinlichkeit, dass es mal zu einer Begegnung zwischen Mensch und Wolf kommt. „Vor allem im Frühjahr, kurz bevor erst die jungen Rüden und später auch die jungen Weibchen das elterliche Rudel verlassen und sich auf die Suche nach einem eigenen Revier machen“, sagt Schuster. Im Nationalpark Bayerischer Wald haben sie sich deshalb entschieden, Infoabende über ihre Forschungsergebnisse zu veranstalten, um die Bevölkerung aufzuklären.
Und zwar auch darüber, dass sich die Wölfe auf bayerischer Seite bisher sehr unauffällig verhalten, vor allem was die Nutztiere auf den Weiden betrifft. In den zehn Jahren, die Wölfe inzwischen wieder in der Region präsent sind, ist es zu zwei Übergriffen auf Schafe gekommen ist. Der eine ist im November 2025 nahe Bayerisch-Eisenstein passiert. Da hat der Rüde des Rudels im Norden des Nationalparks ein Schaf gerissen. Der andere Übergriff ist Schuster zufolge sieben Jahre her. „Ihm sind 2019 einige Kamerunschafe zum Opfer gefallen“, sagt die Nationalpark-Chefin.
Anders ist das auf tschechischer Seite. Dort passieren Wolfsübergriffe auf Nutztiere häufiger als auf bayerischer Seite. Ein Grund dafür ist nach Schusters Worten die extensive Weidehaltung, die dort betrieben wird. Die Schafe und Rinder sind dort oft wochenlang rund um die Uhr auf den Weiden, die zudem extrem groß sind. Zuletzt gab es auf tschechischer Seite ungefähr 50 Wolfsangriffe auf Nutztiere im Jahr. Dabei wurden etwa 150 Schafe und Kälber getötet oder verletzt.
In aller Regel machen die Wölfe in den Nationalparks und im Landschaftsschutzgebiet Šumava Jagd auf Rotwild, Rehe und – vor allem im Sommer – die Frischlinge von Wildschweinen. Auch das hat das Monitoring bestätigt. Zur Überraschung der Forscher haben sie inzwischen aber auch Biber als Beutetiere für sich entdeckt. Die Wassertiere, die auch an Land leben, galten durch die Jahrhunderte vor allem katholischen Geistlichen als wohlschmeckende Fastenspeise. Heute sind die Tiere streng geschützt. „So ein ausgewachsener Biber wiegt bis zu 30 Kilo“, sagt Nationalpark-Chefin Schuster. „Da ist schon was dran. Da hat ein Wolf schön was zum Fressen.“


