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SZ-Kuckuck im Anflug:In 72 Stunden über die Sahara

Kuckuck

Für einen Kuckuck ist ein 2500-Kilometer-Nonstop-Flug kein Problem, das wissen die LBV-Forscher von den Daten, die die Sender der Vögel liefern.

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Der SZ-Kuckuck hat in 72 Stunden die Sahara und das Mittelmeer überquert.
  • Nach dem 4500-Kilometer-Flug sammelt Käpt'n Kuck nun Kräfte am Gardasee. Er muss noch über die Alpen.
  • Der Vogelschutzbund erwartet den Kuckuck spätestens Mitte kommender Woche wieder in seinem Heimatrevier.

Am Gardasee herrscht gerade Bilderbuch-Aprilwetter: Es ist frühlingshafte 20 Grad mild, der Wind bläst lau, am Himmel wechseln sich dicke Wolken und strahlende Sonne ab, nur ab und an geht ein Schauer nieder. Auch Flora und Fauna sind in bester Frühlingslaune: Alles wächst und blüht üppig und nicht nur Schmetterlinge und andere Insekten schweben in Scharen umher. Am Boden tummeln sich Würmer, Raupen und anderes Krabbelgetier, das ganz oben steht auf der Speisekarte von Zugvögeln auf ihrem Weg nach Norden. "Unter ihnen ist jetzt gewiss auch Käpt'n Kuck", sagt Markus Erlwein vom Vogelschutzbund LBV. "Die Region um den Gardasee ist der optimale Ort für einen Zwischenstopp, Käpt'n Kuck kann sich ein wenig ausruhen und ordentlich Kraft auftanken, bevor er sich zu seiner letzten Etappe über die Alpen aufmacht."

Kuckuck Käpt'n Kuck juckt's im Flügel
SZ-Kuckuck

Käpt'n Kuck juckt's im Flügel

Käpt'n Kuck hat das Reisefieber gepackt. Bis vor Kurzem schwirrte der SZ-Kuckuck in seinem Überwinterungsgebiet am Fluss Kongo herum - nun legte er in wenigen Tagen gut 1700 Kilometer zurück. Und wappnet sich jetzt für die schwierigste Etappe seiner Reise.   Von Christian Sebald

Es ist ein gigantischer Satz, den der SZ-Kuckuck hingelegt hat. Am Montag, das ist gerade mal vier Tage her, da streifte der Vogel noch in Westafrika umher. Techiman heißt die 75 000-Einwohner-Stadt in der ghanaischen Provinz, wo der Regenwald allmählich in eine Savannenlandschaft mit gewaltigen Affenbrotbäumen übergeht und es jetzt bis zu 37 Grad heiß ist. Drei Wochen lang hielt sich Käpt'n Kuck in Ghana auf und beim LBV wurden sie von Tag zu Tag eine Spur nervöser. Denn eigentlich sollte der Vogel längst abgehoben haben zu seinem 2200-Kilometer-Flug über die Sahara hinweg in Richtung Europa. So zumindest dachten sich das der LBV-Mann Erlwein und seine Kollegen. Käpt'n Kuck freilich machte keinerlei Anstalten, das Spiel mitzuspielen.

Überraschung beim Routinecheck

Umso kolossaler war die Verblüffung am Donnerstagmorgen. "Wir sind routinemäßig am PC gesessen und haben die Daten abgerufen, welche die kleinen Sender auf den Rücken unserer Kuckucke per Satellit übermitteln", berichtet Erlwein. "Als die Daten von Käpt'n Kuck eingespielt wurden, waren wir baff, richtig baff." Der SZ-Kuckuck funkte plötzlich vom Golf von Genua aus. Der Golf von Genua ist nicht nur 4500 Kilometer Luftlinie von Techiman entfernt. Zwischen der westafrikanischen Provinzstadt und Ligurien liegen die Sahara mit ungefähr 2500 Kilometer Ausdehnung und das Mittelmeer, das an dieser Stelle beinahe 900 Kilometer breit ist. "All das hat Käpt'n Kuck in nur drei Tagen überwunden", sagt Erlwein. "Auch wenn ich weiß, zu welch erstaunlichen Leistungen Kuckucke fähig sind, ich hätte nie erwartet, dass er das bringt."

Kuckuck Käpt'n Kuck im Raupenparadies
Flug in den Kongo

Käpt'n Kuck im Raupenparadies

Nach 5700 Flugkilometern ist der SZ-Kuckuck jetzt im Kongo-Becken angekommen. Ein guter Ort zum Überwintern, denn Nahrung gibt es ohne Ende. Nicht nur die Nonstop-Flüge des kleinen Vogels haben die Experten vom Landesbund für Vogelschutz beeindruckt.   Von Christian Sebald

Denn eins ist für Erlwein sicher: Die Daten, die Käpt'n Kucks winziger Sender in die LBV-Zentrale im mittelfränkischen Hilpoltstein übermittelt hat, sind korrekt, absolut korrekt. "Natürlich kann es mal passieren, dass nur schlechte oder schwache Daten gesendet werden", sagt der LBV-Mann. "Etwa weil sich der Vogel in einem sehr dichten Waldstück aufhält, das den Kontakt zum Satelliten abschirmt. Oder weil die winzige Solarzelle, die die Energie für den Sender liefert, nicht richtig aufgeladen ist." Aber wenn der Sender Daten schickt, und seien es noch so schlechte oder lückenhafte, dann stimmen sie. "Es ist ausgeschlossen, dass der Sender gleichsam alte Daten übermittelt und der Vogel schon ganz woanders ist", sagt Erlwein.

Der Kuckuck will einfach nur zurück

Außerdem haben die LBV-Leute sofort nachgerechnet, ob ein Kuckuck zu einem so gigantischen Satz überhaupt in der Lage ist. Er ist es! "Wir wissen, dass Kuckucke eine Reisefluggeschwindigkeit von 80 bis 90 Stundenkilometern haben", sagt Erlwein. "Außerdem wissen wir, dass 2500 Kilometer nonstop über die Sahara hinweg kein Problem für sie sind." Rein rechnerisch braucht ein Kuckuck also für eine 4500-Kilometer-Strecke zwischen 50 und 60 Stunden Flugzeit. Die Zeit zwischen Käpt'n Kucks letztem Funkkontakt in Ghana und dem aktuellen im Golf von Genua beträgt aber exakt 72 Stunden. "So gesehen hatte Käpt'n Kuck sogar noch Zeit für die eine oder andere kurze Rast", sagt Erlwein. Die wird er auch dringend benötigt haben. Denn gerade der Flug über die Sahara ist extrem kräftezehrend. Auch wenn die Kuckucke ihn in 3000 Metern Höhe zurücklegen, um der trockenen Hitze und Sandstürmen zu entgehen, und sich möglichst von Nordwinden tragen lassen, um ihre Kräfte zu sparen.

Mehr als der eine oder andere Kurzstopp war aber sicher nicht drin. "Doch mehr will so ein Kuckuck auch gar nicht", sagt Erlwein. "Wenn der einmal den inneren Impuls für den Rückflug bekommen hat, dann will er nur noch zurück, zurück, zurück - bis er in seiner Heimat ist." Deshalb ist sich der LBV-Mann auch ziemlich sicher, dass es Käpt'n Kuck nicht mehr lange in Norditalien hält. "So angenehm das jetzt am Gardasee sein mag, Käpt'n Kucks Flugimpuls wird erst dann nachlassen, wenn er sein Heimatrevier in den Donau-Auen irgendwo zwischen Regensburg und Bogen bezogen hat." Spätestens Mitte nächster Woche, so schätzt Erlwein, dürfte das passieren.

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