Hochschule:Von Kulturen des Alten Orients bis E-Commerce

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Hochschule: Migration, Gruppenzugehörigkeit, E-Commerce, Archäologie - die Themen in den neuen Studiengängen in Bayern sind vielfältig.

Migration, Gruppenzugehörigkeit, E-Commerce, Archäologie - die Themen in den neuen Studiengängen in Bayern sind vielfältig.

(Foto: dpa (3), Projekt Tilla Bulak/JMU Würzburg)

90 neue Studiengänge haben mit diesem Wintersemester an Bayerns Hochschulen begonnen. Viele widmen sich Künstlicher Intelligenz und digitaler Zukunft, aber auch echte Raritäten werden angeboten. Eine Auswahl.

Von Anna Günther

"Mehr ist mehr" heißt traditionell das Ziel an Bayerns 19 Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HaW) und 14 Universitäten. Mehr Spitzenplätze in Ranglisten, mehr Auszeichnungen, mehr hochkarätige Forschung, mehr Studierende. Was die Zahl der jungen Frauen und Männer angeht, die im Freistaat studieren, vermeldete Wissenschaftsminister Markus Blume (CSU) zu Semesterbeginn einen Rekord: 404 800 junge Frauen und Männer sind nun eingeschrieben.

Mit der steigenden Nachfrage wächst das Angebot der Hochschulen: Seit diesem Wintersemester gibt es in Traunstein einen neuen Hochschulstandort, die HaW Augsburg und Schweinfurt/Würzburg sind zu Technischen Hochschulen (TH) umgewidmet und es wurden 90 neue Studiengänge eingeführt. Viele davon sind neu in ihrer Region, einzelne sogar deutschlandweit einzigartig. Eine Auswahl.

Master International Social Work with Refugees and Migrants

Dieser englischsprachige Masterstudiengang International Social Work with Refugees and Migrants an der frisch umbenannten TH Würzburg-Schweinfurt will in drei Semestern Studierende für die Soziale Arbeit mit Geflüchteten und Migranten qualifizieren. Der Fokus der Studenten soll verstärkt auf die Herkunftsländer gerichtet werden und sie können im Rahmen des Masters ein Auslandssemester in Transit- oder Herkunftsregionen verbringen.

Kooperationen bestehen mit den Hochschulen im jordanischen Amman und Palermo in Italien. Die jungen Frauen und Männer lernen interkulturelle, rechtliche, pädagogische und psychologische Kompetenzen und sollen nach ihrem Abschluss sowohl in Deutschland mit Flüchtlingen arbeiten können als auch weltweit für Nicht-Regierungsorganisationen, in Flüchtlingslagern der Vereinten Nationen oder in den Camps der EU zum Beispiel auf Lampedusa. Ziel soll sein, diesen Menschen beim geregelten Zugang zu Asyl zu helfen und ihnen eine Perspektive aufzuzeigen.

Master Identity Design

Laut der ebenfalls frisch gekürten TH Augsburg ist der neue dreisemestrige Master-Studiengang Identity Design einzigartig in Deutschland. Der Inhalt des Masters ist sogar nach Aussage der Dozenten schwer fassbar und darin liegt wohl ein Grund für seine Existenz: Einerseits wirkt die Gesellschaft bei vielen Themen gespalten wie selten zuvor, die Zugehörigkeit zu Gruppen wird immer wichtiger und andererseits wäre zur Lösung vieler gesellschaftlicher Probleme gemeinsames Agieren vonnöten.

Daher lautet eine zentrale Frage dieses Masters, wie das Gefühl von kollektiver Identität und Gruppenzugehörigkeit entsteht, und wie es sich durch Kommunikation entwickeln oder fördern lässt. Angesiedelt an der Fakultät für Gestaltung sollen sich die Studierenden dem Thema Identität von der künstlerischen Seite nähern und können später als Kommunikationsdesigner überall dort arbeiten, wo Gruppen gemeinsame Werte oder eine inhaltliche Basis entwickeln wollen und wo gemeinsame Ziele wieder entdeckt oder gepflegt werden sollen.

Bachelor E-Commerce

Online-Shopping dürfte in den allermeisten Haushalten längst üblich sein. Die Hochschulen widmeten sich bisher dagegen eher am Rande diesem Feld. In Traunstein studieren nun 50 junge Frauen und Männer aus 16 Nationen auf Englisch in sieben Semestern im Bachelorstudiengang alles zum Thema "E-Commerce". Der Bachelor E-Commerce will neben Inhalten zu Betriebswirtschaft und Online-Handel auch digitale Geschäftsmodelle sowie moderne Technologien wie Künstliche Intelligenz, Blockchain oder Virtual/Augmented/Mixed Reality vermitteln.

Der Campus Chiemgau in Traunstein gehört zur 54 Kilometer entfernten TH Rosenheim und soll - wie für Hochschulen für angewandte Wissenschaften üblich - bewusst praxisnah sein. Dieser Ansatz hat System bei der breiten Verteilung der Hochschulstandorte über ganz Bayern: Jede Region soll profitieren, die jungen Leute sollen auch daheim studieren können und die lokale Wirtschaft etwa durch Kooperationen von den neuen Erkenntnissen der Hochschulen profitieren. Davon wiederum verspricht sich die Staatsregierung Innovation, wirtschaftlichen Erfolg und letztlich annähernd gleichwertige Lebensverhältnisse.

Bachelor Vorderasiatische Archäologie

Die milliardenschwere Hightech-Agenda der Staatsregierung für die Hochschulen zeigt, wo die Prioritäten liegen: Künstliche Intelligenz, Quantencomputing, Luft- und Raumfahrt. Das spiegelt auch die Liste der neuen Professuren und Studiengänge wider. Umso überraschender ist die neue Orchidee der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg (JMU) - so werden die kleinen Fächer im Vergleich zu den hippen Technik- oder überlaufenen Massenstudiengängen bezeichnet.

An der JMU beginnt mit diesem Wintersemester der Bachelorstudiengang Vorderasiatische Archäologie, in dem Studierende die materielle Kultur, Siedlungs- und Kunstgeschichte des Alten Orients kennenlernen. Sie beschäftigen sich also mit Siedlungsformen, Architektur, Keramik und Bildern jener Kulturen, die einst auf dem Gebiet des heutigen Irak, Iran, Syriens und der Türkei siedelten. Neben den klassischen Methoden sollen Studierende auch Zugang zu laufenden Forschungsprojekten bekommen und dürfen an Grabungen teilnehmen sowie Keilschriftsprachen studieren.

Aber auch Orchideenfächer sind heute nicht mehr ohne neueste Technik denkbar: Den Studenten wird auch die digitale Erschließung, Strukturierung und Auswertung von Forschungsdaten vermittelt. Ein entsprechender Master soll in Würzburg noch folgen, bisher gibt es den Master Vorderasiatische Archäologie nur an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

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