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Wirtshaussterben:"Wo Bier ausgeschenkt wird, kommen Menschen sich näher"

Zehn Jahre lang stand das Wirtshaus leer, dann fanden sieben Leute aus Altenau am Rand der Alpen, dass das kein Zustand ist.

(Foto: Spiegelberger)

Was wäre eine Welt, in der es keine Wirtshäuser mehr gäbe? Wie ein Gasthaus in Oberbayern nach zehn Jahren der Schließung endlich wieder leuchtet und was sich von seinen Betreibern lernen lässt.

Von Franz Kotteder

Bei uns wird nicht gestorben!" Florian Spiegelberger klingt am Telefon recht entschieden und fast ein bisschen trotzig, als er hört, worum es geht. Wirtshaussterben? Da sei er der falsche Ansprechpartner. Der "Altenauer Dorfwirt" ist ja eine gut gehende Gaststätte, besonders an den Wochenenden ist der 41-jährige gelernte Hotelfachmann und Koch gut beschäftigt. Da brummt der Laden immer.

Spiegelberger steht dann zusammen mit einer Küchenhilfe am Herd, schiebt den Krustenschweinebraten in den Ofen, brät das Wiener Schnitzel oder lässt den Kaiserschmarrn in der Pfanne karamellisieren. Alles wird frisch gemacht, "ich will ja keine Tüten aufreißen". Und wenn der Anglerverein frischen Saibling vorbeibringt, dann kommt der auch auf die Karte. Währenddessen kümmert sich seine Frau Izabella, 35, um die Gäste. Die Fußballer kommen nach dem Training vorbei und haben Durst, hinten am Stammtisch sitzen die Kartenspieler und bestellen eine neue Runde.

Der "Altenauer Dorfwirt" ist also das Gegenbeispiel zu jener gesellschaftlichen Entwicklung, die derzeit wieder Branchenvertreter und Politiker umtreibt. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) in Bayern etwa will die bayerische Wirtshauskultur von der Unesco zum immateriellen Weltkulturerbe erklären lassen. Zumindest aber wollen Politiker ein 60-Millionen-Euro-Programm zur Erhaltung der Dorfwirtschaften.

Tatsächlich vermissen inzwischen viele einen Ort der Einkehr in ihrer Nähe. Der Satiriker Gerhard Polt, ein großer Freund der Institution Wirtshaus, sagt: "Wo Bier ausgeschenkt wird, kommen Menschen ins Gespräch, kommen sich näher und entwickeln interessante Gedanken." Soziologen sprechen von einem "Dritten Ort" neben dem Zuhause und der Arbeit, an dem Austausch zwischen den unterschiedlichsten Gesellschaftsgruppen möglich sei, an dem beinahe jeder aufgenommen werde und Meinungen aufeinandertreffen könnten. Und zwar, anders als im Internet, persönlich und in der Regel gezügelt durch die segensreiche Wirkung der Grundregeln des Anstands.

Doch diese Orte der Zusammenkunft schwinden. In Deutschland geht die Zahl der Schankwirtschaften seit Jahrzehnten zurück; und das ist ein Trend, der nicht nur die Dörfer erfasst. In Berlin kamen 1905, vor mehr als 100 Jahren also, auf jede Gassenschänke noch 157 Einwohner, heute sind es etwa 4000 pro Kneipe im klassischen Sinne. In Hamburg ging die Zahl der Schankwirtschaften zwischen 2002 und 2012 sogar um mehr als 48 Prozent zurück.

Noch gravierender ist die Lage auf dem Land, von Niedersachsen bis ins tiefste Bayern. Etwa ein Viertel aller Gemeinden, so schätzt man, hat heute keine Gaststätte mehr. 1994 gab es in Deutschland noch um die 70 000 Schankwirtschaften, heute sind es nur noch 30 000. Die Landflucht, ein geändertes Freizeitverhalten, die Konkurrenz durch Vereinsheime und andere Anbieter sowie unattraktive Arbeitszeiten gelten als Hauptgründe.

Altenau ist eigentlich ein klassischer Kandidat fürs Wirtshaussterben: Gerade mal 680 Einwohner zählt das Dorf am Rand der Alpen; Murnau, die nächste Stadt im bayerischen Oberland, ist mit dem Auto nur 20 Minuten entfernt. Mit dem Zug ist man in knapp eineinhalb Stunden in München, stündlich fährt einer. Und tatsächlich war es ja schon einmal so weit, 2002 machte das Wirtshaus dicht und stand zehn Jahre lang leer, bis dann sieben Leute aus dem Dorf fanden, dass das kein Zustand sei.

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