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Wirtschaft:"Man braucht schon auch Mut zur Verletzlichkeit"

Die GWÖ ist ein Modell, das uns als Diakonie eine glaubwürdige sozialpolitische Positionierung ermöglicht", sagt Wilfried Knorr, Vorstand der offenen Dorfgemeinschaft. Für ihn sei es politisch richtig, die Finanzbilanz als einzigen Zugang zum Kapitalmarkt zu ergänzen und abzulösen: "Auch stark wettbewerbsorientierte Unternehmen können so beispielsweise Menschen mit Minderleistung beschäftigen - weil ihnen dadurch kein Nachteil entsteht. So werden neue Anreize geschaffen, Kapital stärker in soziale Bereiche einzubringen."

Neben Unternehmen interessieren sich auch bayerische Gemeinden für die Gemeinwohl-Ökonomie. Helmut Dinter, Bürgermeister von Wessobrunn im Landkreis Weilheim-Schongau, sieht dabei schlichtweg die gesetzlichen Vorgaben erfüllt. Denn der rechtliche Überbau, sagt er, sei durch den Schwur jedes Bürgermeisters und Gemeinderat-Mitglieds zum Verhalten getreu der Verfassung des Freistaats bereits gegeben: "Laut Paragraf 151 gilt alles Wirtschaften dem Gemeinwohl.

Von meinem Selbstverständnis her sind wir dem Wohl des Bürgers verpflichtet und nicht allein dem Konto der Gemeinde." Seit er vor fünf Jahren das passende Modell dafür fand, wird bei Ausschreibungen verstärkt darauf geachtet, regionale Firmen zu beauftragen und Bürger möglichst früh in Entscheidungen einzubeziehen. "Wir orientieren uns inzwischen sehr an den GWÖ-Kriterien und merken, dass das positiv ankommt", sagt Dinter. Die erste Bilanz wolle Wessobrunn in zwei Jahren erstellen und sich bis dahin darauf vorbereiten.

Im Gegensatz dazu war die Sparda-Bank München 2011 eines der ersten Unternehmen, das eine Bilanz nach GWÖ-Kriterien erstellt hat. Christian Felber selbst hatte gefragt, ob die Bank nicht mitmachen wolle. Seitdem wurde bereits drei Mal bilanziert, die vierte Analyse soll im Frühjahr 2018 abgeschlossen sein. "Es wäre fatal, nach einem Mal aufzuhören und sich nicht weiterzuentwickeln", sagt Christine Miedl, Sprecherin der Genossenschaftsbank.

"Jedes Mal verändert sich der Fokus, woran man arbeiten muss, ein bisschen und es gibt immer noch etwas, das verbessert werden kann." Sie würde sich wünschen, dass mehr Unternehmen eine GWÖ-Bilanz erstellen - nur würden viele den Aufwand scheuen: "Man braucht schon auch Mut zur Verletzlichkeit, man zeigt ja bei diesem Prozess offen seine Schwachstellen. Aber die Kunden honorieren die Veränderungen."

Für die Gemeinschaft denken und arbeiten

Der Wunsch der GWÖ-Anhänger, dass aus ihnen sehr viele werden, wird in naher Zukunft wohl kaum realisierbar sein. "Auf eine gesamte Volkswirtschaft übertragen, ist das schwer. Es gibt ja einen Grund, warum das Wirtschaftssystem ist, wie es ist: Weil es sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte dazu entwickelt und durchgesetzt hat", sagt der Verhaltensökonom Martin Kocher von der Ludwig-Maximilians-Universität München.

"Märkte sind immer politisch getrieben und Politik wird von Menschen gemacht." So lange es weniger am Gemeinwohl und mehr am eigenen Profit orientierte Menschen mit eigenen Interessen gebe, sei das Konzept der GWÖ kaum global umsetzbar: "Man kann immer dazu anregen, für die Gemeinschaft zu denken und zu arbeiten, aber es wird oft Egoisten geben, die das ausnutzen."

Politische Ansätze existieren jedoch bereits. Seit 2017 sind börsennotierte Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern durch eine EU-Richtlinie verpflichtet, einen Nachhaltigkeitsbericht zu erstellen. Um die Bereitschaft zu vergrößern, könnten Anreize im bestehenden System eine mögliche Lösung sein - steuerliche Vorteile beispielsweise. Bislang aber basiert die GWÖ allein auf dem Umdenken einzelner. Kritiker und Gegner werfen dem Konzept vor, zu bürokratisch, ineffektiv sowie einschränkend zu sein und deswegen nicht weltweit durchsetzbar.

Ein nächster möglicher Schritt aber ist das Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie schon. "Es sind natürlich vor allem die Verfechter einer freien Marktwirtschaft kritisch", sagt Wilfried Knorr von der Herzogsägmühle. "Aber wenn die so gut funktionieren würde, ginge die Schere zwischen Arm und Reich nicht immer weiter auseinander, oder?"

© SZ vom 04.10.2017/amm
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