Wirtschaft Sendeschluss in Kronach

Mit Loewe steht eines der letzten deutschen Unternehmen in der Unterhaltungselektronik vor dem Aus. Wie schon bei Grundig oder Telefunken bleibt vielleicht nur noch der Markenname erhalten

Von Uwe Ritzer, Kronach

Es ist noch nicht so lange her, da schien es, als hätte sich die Firma Loewe wieder gefangen, einigermaßen zumindest. Nach vielen Verlustjahren funkelte in der Bilanz für 2017 ein kleiner Gewinn aus dem laufenden Geschäft - wenn auch vor dem Abzug von Zinsen, Steuern und Abgaben. Aber immerhin - das winzige, buchhalterische Plus suggerierte, dass Loewe sich ein paar Millimeter von jenem Abgrund entfernt haben könnte, an dessen Kante die Firma aus Kronach in Oberfranken seit Jahren entlang taumelt.

Nun stürzt Loewe doch ab, und wenig spricht dafür, dass das Unternehmen überlebt. Am Ende könnte von Loewe, das den Deutschen die erste Rundfunk- und die erste Fernsehübertragung bescherte, nicht mehr übrig bleiben als ein Markenschildchen, das irgendwer irgendwo auf der Welt auf Fernseh-, Radio- und andere Geräte klebt, die irgendwo von irgendwem montiert werden. So, wie es bei Grundig oder Telefunken längst ist. Im besseren Fall könnte Loewe, dieser einstige Technologie-Riese und Massenhersteller, zur Manufaktur für exklusive TV-Geräte schrumpfen.

Loewe geht das Geld aus. Keine 500 000 Euro liegen noch auf Konten rum, das ist nichts für einen Betrieb mit mehr als 400 Beschäftigten. Was an Werten noch da ist, ist längst verpfändet. Um den laufenden Betrieb aufrecht zu erhalten, bräuchte Loewe neun Millionen Euro, mindestens. Einen solchen Kredit aber verweigert der bisherige Hauptgeldgeber, der Finanzinvestor Riverrock. Am 1. Juli sperrt der gerichtlich vom beratenden Sachwalter zum Insolvenzverwalter beförderte Rüdiger Weiß den Laden zu. Maximal ein Dutzend Leute kümmert sich dann noch um die Trümmer der einstigen deutschen Industrie-Ikone. Die anderen werden freigestellt; sie erhalten Arbeitslosengeld.

Wer aber ist an all dem schuld? Als die Brüder David und Siegmund Loewe 1923 in Berlin ihre Radiofrequenz GmbH gründeten, gab es das Berufsbild des Finanzinvestors noch nicht. Von denen kämpfen bei Loewe aktuell mehrere um die Macht. Der frühere SPD-Chef Franz Müntefering nannte Finanzinvestoren einmal "Heuschrecken", was der Spezies aber nur bedingt gerecht wird. Denn es gibt Finanzinvestoren, die (nicht nur) bei kränkelnden Firmen einsteigen, sie mit Kapital versorgen, ihnen beim Gesunden, Wachsen und Gedeihen helfen und am Ende ihr Investment verzinsen, in dem sie ihre Anteile mit Gewinn verkaufen. Und es gibt die anderen, die Müntefering meinte: Sie stürzen sich auf kränkelnde Firmen und schlachten sie aus, wie Schrotthändler das mit alten Autos tun: Was brauchbar ist, wird verscherbelt. Was nicht, landet auf dem Müll.

Der Anfang: In den Dreißigerjahren war das Loewe-Fernsehgerät eine Sensation.

(Foto: Loewe)

Für Loewe war ein Finanzinvestor zunächst die Rettung. Wäre der Münchner Mark Hüsges mit seiner Stargate Capital nicht eingestiegen, wäre der Fernsehgerätehersteller schon 2013 untergegangen. Wie jetzt steckte Loewe auch damals in einem Insolvenzverfahren. Wobei man festhalten muss: Bei Loewe haben sie reichlich Erfahrung mit Krisen und Brüchen.

Am Anfang ging es nur aufwärts. Kurz nach der Firmengründung, am 29. Oktober 1923, übertrugen die Loewe-Brüder aus dem Berliner Vox-Haus unweit des Potsdamer Platzes die erste Radio-Show. Sie engagierten einen Mann, der als Erfinder und Naturwissenschaftler Weltruhm erlangte, nach dem Krieg aber im Westen in politische Ungnade fiel. Weil er der Sowjetunion half, eine Atombombe zu bauen und später als einer der angesehensten Forscher der DDR sogar in deren Volkskammer saß: Manfred von Ardenne.

Den Gebrüdern Loewe - David ein Protestant wie seine Mutter und Siegmund Jude wie beider Vater - ging es schlechter. Kaum hatte sie die ganze Welt bis hin zur Titelseite der New York Times für ihre technischen Innovationen gefeiert, stellten ihnen die Nationalsozialisten nach. David setzte sich über die Schweiz nach Großbritannien ab, sein Bruder kehrte von einer Dienstreise in die USA nicht mehr zurück. Nach dem Krieg bekamen sie ihre Firma zurück, an der sie aber die Freude verloren hatten. 1948 war sie aus Berlin nach Kronach umgezogen. In besten Zeiten arbeiteten dort 3000 Menschen. Immer wieder änderten sich Eigentumsverhältnisse und Firmennamen: Loewe Opta, Loewe AG, aktuell Loewe Technologies. Und oftmals gingen Krisen und der Verlust zahlreicher Arbeitsplätze damit einher.

Nachdem Mark Hüsges 2013 Firma und Geschäftsführung übernahm, schien sich Loewe langsam zu stabilisieren. Doch Hüsges scheiterte. Die Firma verbrauchte mehr Geld, als sie verdiente. Mit Bright Capital und Riverrock holte Hüsges zwei weitere Finanzinvestoren. Ihr dringend benötigtes Geld erkaufte man sich zum Teil mit teuren Zugeständnissen. Auf die Kernfrage aber fand Hüsges ebenso wenig wie seine Vorgänger eine Antwort: Warum sollen Kunden für ein Loewe-Gerät ein Mehrfaches von dem bezahlen, was ein Samsung, Panasonic oder LG kostet?

Gewiss, Design und Technik von Loewe-Geräten werden von Experten stets hochgelobt. Doch Fernseher werden auch in der Breite des Sortiments technisch seit Jahren immer besser und billiger. Mit den Preisen verfiel auch ihr Stellenwert. Wer im alten Nachkriegsdeutschland ein TV-Gerät kaufte, führte es Freunden, Nachbarn und Verwandten stolz vor. Der Fernseher war ein Statussymbol, das Lagerfeuer, um das sich die Familie versammelte. Heute ist er Massenartikel, Wegwerfware.

Das Ende: Heute sind die Geräte Massenware. Loewe hilft das aber nicht.

(Foto: imago)

Diejenigen, die noch immer an die Zukunft von Loewe glauben, argumentieren, es würden schließlich auch Luxusautos gekauft und nicht nur Kleinwagen. Ob das so ohne Weiteres auch für Fernseher gilt? "Ich hoffe auch darauf, aber ich sehe im Moment nicht, wie eine Zukunftslösung bei Loewe aussehen könnte", sagt Johann Horn, Chef der bayerischen IG Metall. "Die Situation ist in jeder Hinsicht vollkommen verfahren." Der Gewerkschaftsführer kritisiert aus seiner Sicht den Kardinalfehler, dass durch die Planinsolvenz ausgerechnet jene Manager am Ruder geblieben seien, "die vorher schon mit ihren Strategien gescheitert sind". Und dann sei da noch die unrühmliche Rolle der Finanzinvestoren, speziell von Riverrock.

Die Beteiligungsfirma hat angeblich 30 Millionen Euro in Loewe investiert - und sich im Gegenzug die Markenrechte gesichert. Sie sind das Wertvollste, was von Loewe übrig ist. Und Riverrock weiß um diese Trumpfkarte. Dem Vernehmen nach liefern sich Riverrock, Bright Capital und die Loewe-Geschäftsführung in wechselnden Fronten seit Monaten heftige Machtkämpfe mit wechselseitigen Klageandrohungen, Hausverboten - der ganzen Palette eben. Die Hoffnung des Managements, im Insolvenzverfahren in Eigenregie die Dinge unter dem Schutzdach des Insolvenzrechtes selbst zu klären, erwies sich als fataler Irrtum.

Nun erwartet nicht nur Bayerns IG-Metall-Chef Johann Horn, dass Riverrock sich aus der regulären Insolvenz die lukrativen Teile der Firma pickt und den Mitarbeitern Verträge mit geringerer Entlohnung und schlechteren Arbeitsbedingungen vorlegt. Wie 2017 beim Küchenhersteller Alno in Baden-Württemberg. "Alno war eine Blaupause für das, was Riverrock jetzt mit Loewe vorhat", glaubt Johann Horn.