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Wirtschaft:Digitales Flaggschiff

Der Datev-IT-Campus an der Fürther Straße in Nürnberg. Vor viereinhalb Jahren zog der Softwareentwickler dort ein.

(Foto: Datev)

Das IT-Unternehmen Datev entwickelt sich in Nürnberg zur Jobmaschine und wandelt sich dabei von der Nischenfirma zum modernen Software-Dienstleister

Das High-Tech-Rednerpult funktioniert nicht, aber Diana Windmeißer lässt sich dadurch nicht aus dem Konzept bringen. Der Bildschirm flimmert, sie kann ihre Rede dort nicht ablesen. Das ist peinlich, schließlich spielt sich die Szene nicht in einer Hinterhof-Bude ab, sondern bei einem öffentlichen Auftritt auf dem IT-Campus des Software-Riesen Datev in Nürnberg. Windmeißer ist dessen Finanzvorständin und soll die wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens präsentieren. Notgedrungen spricht die Managerin frei; wenn schon nicht auf die Technik - auf die schiere Kraft der Zahlen kann sie sich immerhin verlassen.

Diese Zahlen lassen sich so interpretieren: Der Softwareentwickler und IT-Dienstleister Datev wächst scheinbar unaufhaltsam und ist eine Jobmaschine, die für den Ballungsraum Nürnberg immer unverzichtbarer wird. 7760 Menschen arbeiten aktuell für das Softwarehaus; nach 314 neuen Arbeitsplätzen 2018 schuf das Unternehmen allein im ersten Halbjahr 2019 weitere 150 Stellen. Mehr Menschen als die Datev beschäftigen in Mittelfranken nur Siemens und der Auto- und Industriezulieferer Schaeffler aus Herzogenaurach.

2018 erwirtschaftete das 1966 als Genossenschaft gegründete IT-Unternehmen Datev erstmals mehr als eine Milliarde Euro Umsatz und für das laufende Jahr erwartet Windmeißer ein - gemessen an der Branche - überdurchschnittliches Wachstum von gut fünf Prozent. Die Zahl der Kunden stieg binnen zwölf Monaten von gut 301 000 auf knapp 325 000.

Die Datev ist das Flaggschiff einer Entwicklung, im Zuge derer sich die einstige industrielle Krisenregion zum digitalen Top-Standort mausert. In den vergangenen Jahren ist im Städtedreieck Nürnberg-Fürth-Erlangen eine quirlige Start-up-Szene entstanden, die sich gerade beim jährlichen Digital Festival traf und selbst feierte. Im Messezentrum boomen mit der SPS IPC Drives und der it-sa internationale Fachmessen für digitale Automatisierung und IT-Sicherheit. Die Medizintechnikmesse Medtec Live erwies sich bereits bei ihrer ersten Ausgabe Ende Mai als Renner. Noris-Network, Open-Xchange, spezielle Gründerzentren wie der "Zollhof Tech Incubator" - die digitale Transformation läuft in und um Nürnberg auf Hochtouren.

Und vorneweg die Datev. Seit 2016 wird sie geführt von Robert Mayr, dem erst dritten Vorstandschef in der 53-jährigen Firmengeschichte. Er lüftet die lange Zeit ausschließlich auf Software und Dienstleistungen für Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und Rechtsanwälte konzentrierte und stets ein wenig betulich wirkende Datev kräftig durch. Mit Angeboten auch für gemeine Steuerbürger, aber auch strategisch, mit Kooperationen, Übernahmen, Beteiligungen und neuen Formen der Zusammenarbeit.

"Bis vor 15 Jahren waren wir der Meinung, wir machen am besten alles selber", sagt Eckhard Schwarzer, Jahrgang 1956 und im Datev-Vorstand seit elf Jahren. Dann aber habe man erkannt, dass es besser sei, sich zu öffnen. "Wir müssen uns ins digitale Ökosystem begeben", sagt Schwarzer. Also kooperiert das Unternehmen immer eifriger mit anderen IT-Firmen, zum Nutze der eigenen Kundschaft. Etwa mit solchen, die digitale Einkaufs- oder Warenwirtschaftssysteme anbieten, welche über Schnittstellen mit Datev-Software verzahnt werden. Denn deren klassischer Nutzer, der Steuerberater, entwickelt sich immer stärker zum Ganzjahresbegleiter der Unternehmen. Also schuf Datev beispielsweise ein Cloud-Angebot, in dem Firmen ihre Daten hinterlegen und auch der Steuerberater damit arbeiten kann.

"Wir sind heute völlig offen, mit welchen Partnern wir zusammenarbeiten", sagt Schwarzer. Gerade ist man dabei, sich mit 25,9 Prozent am Nürnberger Softwareunternehmen Adorsys zu beteiligen, vorbehaltlich der Zustimmung durch die Kartellbehörden. Adorsys arbeitet bereits mit Datev bei der Entwicklung von Plattformen und Apps zusammen, die Privatkunden für ihre Steuererklärung nutzen sollen. Datev soll nach dem Willen der Verantwortlichen einer der großen Profiteure der Digitalisierung werden, die manchen Menschen Angst macht, während andere sie als Megachance begreifen.

Finanzchefin Diana Windmeißer zufolge kamen 80 Prozent der Umsatzsteigerung im Geschäftsfeld Rechnungswesen zuletzt aus Cloud-Diensten und -Anwendungen. Immer mehr Firmenbilanzen werden via Datev elektronisch an die Steuerbehörden übermittelt, 2018 waren es 1,9 Millionen. Auf den Servern des Nürnberger Unternehmens, das von gut 40 000 Genossenschaftsmitgliedern getragen wird, sind mehr als eine Milliarde digitale Belege gespeichert, Tendenz rasant steigend. Ein Future Lab forscht Vorstandschef Robert Mayr zufolge an Künstlicher Intelligenz und beispielsweise der Frage, "wie Sprachassistenten oder Chatbots helfen können, Daten zu strukturieren und schnell verfügbar zu machen".

Wobei sich die Neuerungen nicht allein auf die Technik beziehen, sondern auch auf die Arbeitsplätze in Nürnberg. Mehr als früher wird bei Datev in interdisziplinären Teams gearbeitet und entsprechend verabschiedet man sich von Büro-Zellen für die einzelnen Mitarbeiter zugunsten offener Zonen. "Ohne großen Aufwand können unsere Mitarbeiter aus einer Vielfalt an Arbeitsplätzen denjenigen auswählen, der ihn am besten bei der Erfüllung seiner Aufgaben unterstützt", sagt Vorstandschef Mayr. Und wenn dann in der neuen, digitalen Arbeitswelt mal ein Rednerpult zickt, sollte sich das auch noch hinkriegen lassen.