„Wilco“ beim Dachauer MusiksommerDas Beste, was die USA derzeit zu bieten haben

Lesezeit: 3 Min.

„Wilco“ (hier Jeff Tweedy) spielten beim Dachauer Musiksommer 30 Songs.
„Wilco“ (hier Jeff Tweedy) spielten beim Dachauer Musiksommer 30 Songs. Toni Heigl

Es ist sind die überraschenden Momente, die das Konzert der US-amerikanischen Band „Wilco“ zu einem Erlebnis machen. Ein Kollektiv der Freiheit aus einem Land, in dem die demokratischen Werte gerade auf dem Spiel stehen.

Kritik von Martin Pfnür, Dachau

Die gute alte Halbzeit ist für gewöhnlich ja eher ein Fußballphänomen. In musikalischen Zusammenhängen kommt man eigentlich nur in der Klassik und im Jazz in ihren Genuss, im Pop und im Rock eigentlich praktisch nie. Doch Wilco aus Chicago funktionieren seit ihrer Gründung vor gut 30 Jahren schon immer nach ihren eigenen Regeln. Sie sind so etwas wie eine Band of the free aus einem Land, in dem die Freiheit leider gerade auf dem absteigenden Ast ist.

Und so kommt also um Punkt 20 Uhr ein Sextett auf die Bühne, das derzeit in einer Art Doppelrolle unterwegs ist, die besonders Frontmann Jeff Tweedy einen diebischen Spaß zu bereiten scheint. „Wir sind Wilco und eröffnen heute diesen Konzertabend“, sagt er. „Nach einer Pause geht es dann weiter mit Wilco.“ Das Schöne an diesem Ulk: Er geht tatsächlich auf.

Bringt die Band um den genialischen Zausel Tweedy doch einen Songkatalog aus dreizehn Alben mit, der stilistisch mindestens so vielfältig ausfällt wie die Sammlung an Gitarren, die allein in Tweedys Händen zum Einsatz kommt. „Alternative Country“, das mag zwar der etwas hilflose Genre-Begriff sein, um den Sound-Kosmos dieser sechs Musiker zwischen Experiment und Tradition halbwegs greifbar zu machen. In Wirklichkeit lautet die Wilco-Devise jedoch auch an diesem wundervollen Sommerabend vielmehr: Alles ist möglich.

„Wilco“ spielten so viele Hits, dass zwei Halbzeiten durchaus sinnvoll waren.
„Wilco“ spielten so viele Hits, dass zwei Halbzeiten durchaus sinnvoll waren. Toni Heigl

Deutlich wird das bereits, als die Vorband Wilco sich zum Start erst mal mit einem kakophonischen Soundgewitter warmmacht und dann mit dem vom Acht-Uhr-Läuten der Kirchenglocke begleiteten „Company in My Back“ oder „Evicted“ von ihrem jüngsten Album „Cousin“ einige ihrer sanft getupften Countryfolk-Schunkler auf die Bühne bringt.

Ergeben die in ihrer sonnenwarmen Melancholie doch einen herrlichen Kontrast zur peu à peu gesteigerten Energie, die sich bald darauf Bahn bricht. Mit dem vortrefflich aufgebauten Groove von Songs wie „Handshake Drugs“, das Gitarrist Nels Cline mit kleinen kratzigen und jubilierenden Ausbrüchen antreibt, und dessen psychedelische Sphären schließlich in ein kathartisches Feedback-Inferno münden. Mit dem erhebenden Powerpop-Uptempo eines strahlenden Liebeslieds wie „Meant To Be“. Oder mit dem im besten Sinne irritierenden Irrsinn, den Schlagzeuger Glenn Kotche anstellt, indem er das gemach tröpfelnde „Via Chicago“ mehrfach mit Soli aufbricht, wie man sie sonst eher auf Free-Jazz- oder Heavy-Metal-Konzerten zu hören bekommt.

Kurzum: Es ist die Unvorhersehbarkeit in ihrer schönsten Form, die dieses Konzert zu einem Erlebnis macht, das gefühlt jeden vor der Bühne in seinen Bann zieht. Wo andere ihre Tourneen nutzen, um die Songs ihres neuen Albums vorzustellen, spielen Wilco derer zwei. Lieber stellen sie mit den sechs Songs von „A Ghost Is Born“ ein Album von 2004 in den Fokus und decken mit ihrem 30-Song-Set zugleich so ziemlich jede ihrer Karrierephasen ab.

Und warum auch nicht. Liegt der Live-Zauber dieser heiß geliebten Indieband doch nicht zuletzt auch darin, dass man bei ihr sehnsüchtig auf diesen oder jenen Großhit wartet, sondern vielmehr darin, dass man sich erfolgreich von ihr überrumpeln lässt. Natürlich ist das toll, wenn sie nach der großzügigen Bier- und Bratwurst-Pause zum Einbruch der Dunkelheit einen Crowdpleaser wie das süß verklingelte „Impossible Germany“ servieren, und Nels Cline dabei mit der zartesten Versuchung aufwartet, seit es mehrminütige Gitarrensoli gibt.

Und doch sind Wilco hier immer dann am besten, wenn sie sich entschieden aus ihrer Komfortzone herausbewegen und sich mit allem, was sie aufzubieten haben, ins Epische aufmachen. Wenn sie also mit der Mehrstimmigkeit eines Songs wie „Bird Without a Tail / Base of My Skull“ ein berückend feines West-Coast-Klanggewebe zusammenflechten, und sich die E-Gitarren von Cline und dem multiinstrumental begabten Keyboarder Pat Sansone aufs Schönste umkreisen. Wenn sie mit „Quiet Amplifier“ eine Post-Rock-artige Grandezza heraufdonnern lassen, die einem tags darauf noch Schauer über den Rücken jagt. Oder wenn sie mit dem repetitiv zirkulierenden „Spiders (Kidsmoke)“ beweisen, dass ihnen auch der Krautrock nicht fremd ist.

Als sie sich am Ende in Form des ebenso uralten wie simplen „I Got You (At the End of the Century)“ mit dem überdrehten Rock’n’Roll-Elan einer Bierzeltband nach der vierten Halben verabschieden, schwingt dabei ein Understatement mit, für das man sie am liebsten im Kollektiv umarmen möchte. Denn auch wenn der Dachauer Musiksommer bald mit akustisch geprägten Konzerten von Christina Stürmer (28. Juni) und dem Berliner Folk-Trio Mighty Oaks (29. Juni) in die nächsten Runden geht – ein derart brillanter Auftakt wie dieser dürfte tatsächlich nur schwer zu toppen sein.

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