Wiederaufnahme im Fall Peggy Chefermittler will Tathergangsszenario nicht gekannt haben

Die Verteidigung hat im Fall Peggy schwere Vorwürfe gegen die Ermittler erhoben, nun sagt der Leiter der Sonderkommission aus. Vom Tathergangsszenario eines Profilers, das zur Wiederaufnahme geführt hat, will der Polizist erst jetzt erfahren haben.

Von Anna Fischhaber, Bayreuth

Tag zwei im Wiederaufnahmeverfahren im Fall Peggy. Es ist der Tag, an dem der Chefermittler Wolfgang Geier der Soko Peggy II in den Zeugenausstand treten muss. Er leitete die Soko, der Ulvi K. den Mord an Peggy gestanden hat und die sein Verteidiger Michael Euler nun scharf kritisiert. Zum Prozessauftakt warf er den Ermittlern Pannen und Foltermethoden bei den Verhören vor. Nun darf sich Geier selbst vor dem Landgericht Bayreuth äußern - und stellt die Dinge etwas anders da.

Man habe sich bemüht, eine angenehme Verhöratmosphäre für Ulvi K. zu schaffen, sagt der Polizist. Den Verdächtigen angeschrien habe nur sein eigener Anwalt. Auch für die fehlende Tonbandaufnahme vom Mordgeständnis hat er eine Erklärung: "Es war ein Spontangeständnis, wir waren nicht darauf vorbereitet." Von dem Tathergangsszenario, das ein Profiler aus München erstellt hat, will er erst kurz vor dem neuen Prozess erfahren haben. "Als diese Hypothese Ende April 2002 angeblich besprochen worden sein soll, hatte ich Urlaub und war nicht im Dienst."

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Landgericht Bayreuth

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Der Gutachter, der das Geständnis des geistig behinderten Ulvi K. vor Gericht für glaubwürdig erklärt hatte, wusste nicht, dass es ein solches Szenario gab. Ulvi K. wurde daraufhin vom Landgericht Hof 2004 als Mörder von Peggy verurteilt, das Urteil stützte sich damals vor allem auf jenes Geständnis. Mehr gab es nicht. Nun wird der Fall neu aufgerollt - und der Gutachter soll die Glaubwürdigkeit erneut beurteilen. Geier erzählt an diesem Dienstagnachmittag, er habe das Schreiben des Profilers selbst erst jetzt in einer Nebenakte entdeckt. Und er bezweifelt, ob es überhaupt eine Tathergangshypothese ist. "Es waren nur Allgemeinheiten", sagt er. "Ein konkretes Szenario lag uns nicht vor."

Der zweite Verhandlungstag vor dem Landgericht Bayreuth zieht sich. Das liegt auch an den Ermittlungsakten, die mehr als 14.000 Seiten umfassen. Der Ton zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung wird immer forscher. Ulvi K.s Anwalt Michael Euler kritisiert die Aktenführung der Polizei, die Staatsanwaltschaft widerspricht und wirft ihm schlechte Vorbereitung und falsche Vorhaltungen vor. Immer wieder muss er nach den richtigen Akten suchen. "So geht es nicht weiter, Herr Euler", sagt irgendwann der Staatsanwalt.

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Eine Geschichte, viele Versionen

Allerdings kommen an diesem zweiten Verhandlungstag auch einige Seltsamkeiten zu Tage. Polizeivideos aus dem Jahr 2002 werden gezeigt, in denen Ulvi K. das Tatgeschehen rekonstruieren soll - und jedes Mal erzählt der geistig zurückgebliebene Mann eine etwas andere Geschichte. Einmal sollen ihm Bekannte geholfen haben, die Leiche zu beseitigen, dann wieder sein Vater. Zu Peggy führte keine seiner Aussagen, von ihr fehlt bis heute jede Spur. An vieles, was er in Vernehmungen gesagt hat, kann sich Ulvi K. in den Filmen plötzlich nicht mehr erinnern. Nicht einmal das Wetter kann der Mann, damals auf dem Stand eines Zehnjährigen, im Nachhinein genau bestimmen.

Der Staatsanwaltschaft erscheint die Belastungszeugin "nicht unproblematisch". Die Frau sagte erst 2002 aus, sie habe "den Ulvi" mit einem Topf auf einer Bank gesehen. Hier soll er schließlich Peggy getroffen haben. 2001 hatte sie noch erklärt, ihr Sohn habe den Mann gesehen. Zudem ist nicht geklärt, wo der besagte Topf geblieben ist. Ihr Sohn, der selbst einmal als Verdächtiger galt, konnte sich an keinen Topf erinnern. "Das widerspricht sich ja im Ergebnis", sagt der Richter.

Doch seltsam erscheinen nicht nur manche Ermittlungsergebnisse der Polizei, sondern auch das Verhalten des ehemaligen Anwalts von Ulvi K. Laut Angaben von Chefermittler Geier war er bei den Tatrekonstruktionen nicht dabei, er habe einen Termin gehabt. Er soll seinen Mandaten aber noch angewiesen haben, der Polizei alles zu sagen und zu zeigen. Schließlich fuhr er in den Urlaub, Einwände gegen weitere Vernehmungen des geistig zurückgeblieben Mandaten in seiner Abwesenheit hatte er offenbar nicht. Der Prozess wird am kommenden Dienstag fortgesetzt.

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