Widerstand der Bayern:Wir sind dagegen

Demonstration in Wackersdorf, 1986

Im Taxöldener Forst kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten. Allein bei der "Pfingstschlacht" im Mai 1986 wurden auf beiden Seiten mehr als 400 Menschen verletzt.

(Foto: dpa)

Egal, ob Autobahn durchs Isental, Beitritt zum Deutschen Reich oder Teilchenbeschleuniger im Ebersberger Forst: Die Bayern zeichneten sich immer auch durch Lust am Widerstand aus. Das Haus der Geschichte hat Paradebeispiele zusammengetragen.

Von Hans Kratzer

Vor vielen Jahren hat der Schriftsteller Carl Amery (1922-2005) in einem Aufsatz klug herausgearbeitet, welch ein fester Strang von Rebellion und von Aufsässigkeit sich durch die bayerische Geschichte zieht. Auf den ersten Blick mag dies kurios erscheinen, denn gerade Bayern wird ja seit jeher von einer konservativen Grundströmung getragen, die zum Beispiel der CSU stets stabile Mehrheiten beschert. Der Autor und Maler Herbert Achternbusch löste diesen vermeintlichen Widerspruch mit seiner folgenden These problemlos auf: "In Bayern gibt es 60 Prozent Anarchisten und die wählen alle CSU."

Dass die bayerischen Anarchisten alle den Christsozialen zujubeln, ist freilich eine steile These. Sie lässt sich auch bei der Lektüre des neuen Hefts der Reihe Edition Bayern nicht erhärten, in dem sich mehr als 30 Autoren mit dem Thema Widerständigkeit und Rebellentum beschäftigen.

Gleichwohl hat die Vergangenheit häufig belegt, dass Regierung und Widerstandsgeist in Bayern durchaus zusammengehören. Sogar in der aktuellen Politik ist dieses Phänomen gut zu beobachten, etwa bei den jüngsten Debatten um Betreuungsgeld und Maut, als die "Schwarzen" aus Bayern ihre politischen Partner wieder einmal unnachgiebig piesackten.

Der BR-Journalist Bernhard Ücker hat 1978 ein ganzes Buch über dieses Dickschädeltum verfasst, das den bezeichnenden Titel "Bayern - der widerspenstige Freistaat" trug. Ückers Reflexionen wurden natürlich noch nicht von der Ausländer-Maut genährt, sondern eher von diversen Kapriolen aus der Nachkriegszeit.

Etwa, als sich die Bayern bei der Abstimmung über das Grundgesetz im Mai 1949 stur stellten. Die Mehrheit der Abgeordneten aus dem Freistaat lehnte das Grundgesetz ab. Natürlich nicht, ohne sich ein Hintertürl offen zu halten und zu demonstrieren, wie man tatsächlich für und gegen die gleiche Sache sein kann. Letztlich akzeptierten die Bayern das Grundgesetz für den Freistaat in einem gesonderten Beschluss.

Galionsfigur des Freiheitskampfs

Ähnlich widerspenstig traten die Bayern anno 1871 auf, als der Landtag um die Frage stritt, ob das Königreich Bayern dem Deutschen Reich beitreten solle. Bei dieser Gelegenheit geißelte Edmund Jörg, der Wortführer der Bayerischen Patriotenpartei, den preußischen Nationalismus messerscharf und vertrat eine explizit europäische Haltung. Jörgs Vision bestand bereits damals aus einem vereinten Europa, in dem die Regionen ihr Gewicht behalten sollten. Er praktizierte eine widerständige Haltung, die ihrer Zeit weit voraus war.

Nicht nur der Fall Jörg zeigt, dass sich Trutz und Protest oft mit konkreten Personen verbinden, die schließlich zu Helden erkoren werden. Ein Paradebeispiel ist der Schmied von Kochel, eine Galionsfigur des Freiheitskampfs von 1705, bei dem sich bayerische Bauernhaufen gegen die österreichischen Besatzer erhoben hatten. Auch wenn der Schmied vermutlich gar nicht existiert hat, bleibt doch das Staunen, dass der Marsch der Rebellen aus dem Oberland gegen die Unterdrücker immer noch als Symbol für das bayerische Nationalgefühl hochstilisiert wird.

Auf ähnliche Weise sind sogar Räuber und Wildschützen in die Heldenverehrung eingegangen, allen voran der Räuber Kneißl und der Wildschütz Jennerwein. Im Grunde genommen stellt der Wilderer den Urtypus des bayerischen Volkshelden dar, vermutlich weil bei ihm Aufbegehren und Volksromantik am klarsten ineinanderlaufen. Es passt gut ins Bild, dass der rebellische Wildschütz oft in hochdramatischen Romanen, Theaterstücken und Filmen stilisiert wurde.

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