Wetter Rekordtemperaturen in Bayern erwartet

Sommer in Hitzingen: In Kitzingen am Main wurden 2015 die bislang höchsten Temperaturen in Bayern gemessen.

(Foto: Dpa/Karl-Josef Hildenbrand)

Schon bevor es richtig heiß wird, überschlagen sich die Temperaturprognosen. In Kitzingen, wo zuletzt Hitzerekorde aufgestellt wurden, sieht man das gelassen.

Von Johann Osel und Olaf Przybilla, Kitzingen/München

Egal, was passiert in den kommenden Tagen, Magdalena Michelsen wird darauf eingestellt sein. Im Garten der 86-Jährigen steht die Wetterstation vom Deutschen Wetterdienst, Außenstelle Kitzingen am Main. Und so schlimm wie im Sommer 2015 wird's schon nicht werden. Wahrscheinlich. Damals sind bei Michelsens im Garten zweimal hintereinander 40,3 Grad Celsius gemessen worden, einmal am 5. Juli und dann noch mal am 7. August. Die höchste jemals in Deutschland gemessene Temperatur seit Beginn der flächendeckenden Wetteraufzeichnungen 1881. Die passenden Vokabeln waren schnell gefunden: Bundeshitzehauptstadt. Oder einfach gleich Hitzingen.

Michelsen hat damals rund um die Uhr Reporter versorgen müssen, alle auf der Suche nach der Antwort auf die Frage: Warum gerade in Hitzekitzingen? Weil die Stadt in einem geschützten Kessel liegt, mindestens das kann man sagen. Der Rest ist Glück oder Pech, wie man es nimmt. Für Michelsen ist es weder das eine, noch das andere. "Mir macht das nichts aus", sagt sie. Droht dieser Tage gar ein neuer Hitzerekord am Main? Ausschließen soll man nichts, sagt die ehrenamtliche Wetterbeobachterin. Wie das halt so ist beim Wetter. Auch die Experten sind aber unsicher.

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Bayern wartet auf die Hitzewelle, die am Mittwoch ein - für Juni - historisches Ausmaß bringen könnte: mit Höchstwerten im Süden des Freistaats von 32 bis 37 Grad und im Tiefland Frankens bis zu 40 Grad. Aus Nordafrika strömt extrem heiße Luft ins Land. Und in Kitzingen, fällt da die Top-Marke? Der Berater vom Dienst beim Deutschen Wetterdienst (DWD) im Regionalbüro in München, Jens Kühne, will sich nicht festlegen, "sehr knapp" werde das in Kitzingen. Er verweist auf verschiedene Modelle, wie sie Meteorologen verwenden, erklärt die Einflüsse von Luftmassen, Wolken oder Saharastaub und kommt zum Ergebnis: Nach jetziger Erkenntnis, Stand Montagnachmittag, wären für Kitzingen am Mittwoch drin: 40,2 Grad - minimal unter dem Rekord in Frau Michelsens Garten.

Unsicherheiten bei der Vorhersage gebe es aber stets und zwangsläufig, laut Kühne sind 38 bis knapp über 40 Grad in Kitzingen "als gegeben anzunehmen, alles darunter wäre überraschend". Sein Rat: "Abwarten". Als "Extremwetterlage" werten Meteorologen aber das Gesamtszenario dieser Tage. Die heißesten Juni-Tage wurden bislang in Kahl am Main (Kreis Aschaffenburg) und Kitzingen mit 37,3 Grad gemessen. Auch die 1947 in Frankfurt/Main gemessene bundesweite Juni-Rekord-Temperatur von 38,2 Grad könnte überboten werden.

Auch in höheren Lagen wird es bis zu 35 Grad heiß

Für die Höchsttemperatur in Kitzingen müssten Randbedingungen wie der Bodenzustand stimmen, so der DWD. 2015 seien die Böden ausgedörrt gewesen, teilweise war das Gras nicht mehr grün; dieses Jahr dürften die Böden feuchter sein. Höchste Temperaturen träten in Unterfranken meist von Mitte Juli bis Mitte August zu den "Hundstagen" auf, es könne aber auch schon früher Ausreißer geben: 2003 zum Beispiel waren es 34 Grad im Mai.

Auch die Temperaturen im Süden Bayerns, am Mittwoch bis zu 37 Grad, sind ungewöhnlich hoch. Beispiel München: 35,2 Grad 2013 und 34,8 Grad 2003 waren laut DWD dort bisher die Juni-Höchstwerte. Auch Bergtäler werden kaum Frische bieten, etwa in Garmisch-Partenkirchen sind nun bis zu 35 Grad vorhergesagt.

Bayern stellt sich ein auf heiße Tage: Das Gesundheitsministerium gibt Tipps, vor allem alte und kranke Bürger sollten genug trinken. Viele Schüler, just aus den Pfingstferien zurück, studieren die Regeln für hitzefrei. Mit der Hitze steigt die Waldbrandgefahr im Freistaat, zum Beispiel die Regierung von Oberfranken plant Luftbeobachtungsflüge, so sollen mögliche Brände früh erkannt werden. Der Landesbund für Vogelschutz empfiehlt Tränken und Badeplätze für Vögel und Eichhörnchen.

Winzer hoffen normalerweise auf Sonne - in diesem Jahr könnte es zu viel sein

Der Winzer Peter Schäffer steht gerade im Steilhang in Escherndorf, Kreis Kitzingen. Natürlich ist es warm, sagt er, momentan aber noch kein Vergleich zu vergangenem Jahr. Da war es über lange Zeit extrem heiß in Escherndorf. Dass dergleichen für den fränkischen Wein ein Segen ist, stimme auch nur noch im Klischee. Es werden dann eben extrem schwere und alkoholhaltige Weine, erklärt Schäffer. Davon trinken und kaufen die Leute weniger. Viel lieber ist den Winzern ein Mix aus heißen und regnerischen Perioden, bislang war 2019 also gar nicht schlecht. Klar, die nächsten Tage werden womöglich brutal heiß im Hang. Aber wenn es danach wieder abkühlt, ist das für die Reben gut und für die Winzer okay, sagt Schäffer. Steht man halt um fünf Uhr auf und beginnt zu arbeiten. Um die Mittagszeit muss man die Arbeit niederlegen.

Privat hat ein Kollege vergangenes Jahr einmal 48 Grad im Hang gemessen. Kein offizieller Wert, damit schafft man es nicht in die Wetteraufzeichnungen. Aber dass es in der Kessellage "Lump", wo die Luft sich staut und die Sonne vom Main reflektiert wird, noch heißer wird als in der Stadt Kitzingen, darüber sind sich in Escherndorf alle im Klaren. Insoweit wäre es auch schon egal, ob jetzt wieder ein Rekord fällt. Wäre ohnehin nur ein relativer.

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