WellnessDie Sauna ist längst kein Ort der Ruhe mehr

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Es könnte so einfach sein: Wasser, Hitze, Schwitzen - fertig ist das Saunaerlebnis.
Es könnte so einfach sein: Wasser, Hitze, Schwitzen - fertig ist das Saunaerlebnis. Manfred Neubauer

In der Schwitzkammer entkommt man dem Lärm einer turbulenten Welt? Schön wär's. Über den Aufguss als Show.

Glosse von Thomas Balbierer

Der Plan für den zweiwöchigen Sommerurlaub war vielversprechend und simpel: Camping am Starnberger See. Fernab von Computern und Eilmeldungen in der Sonne sitzen, Bücher lesen, gelegentlich eine Fischsemmel und Pommes vom Kiosk verputzen. Ein wenig Schwimmen und beim Blick auf die Berge über den Sinn des Lebens grübeln. Keine Fristen, kein Stress. Leichtigkeit, wie schön.

Tja, dann kam der Regen.

Es regnete. Und regnete. Und regnete. Zuerst war die Hoffnung groß, dass es sicher nicht so bleibe im bayerischen Hochsommer. Hitzerekorde und so. Doch es schüttete einfach weiter. Nach einer Woche die Einsicht: Das wird nix mit See, Sonne, Fischsemmel. Ein Notfallplan muss her. Wellness!

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Sauna, Ruhe, Erholung. Was ein verregneter Geist nun mal braucht. Die Wahl fällt auf ein Hotel im Bayerischen Wald, das die Sonne immerhin im Namen trägt. Und wo gibt es mehr Entschleunigung als an der dünn besiedelten Grenze zu Tschechien mit Blick auf den Großen Arber? Fast mystisch, wenn nach einem Regenschauer dichter Dunst aus den Bergwäldern aufsteigt, der aussieht wie weißer Rauch. Habemus Entspannung.

Dann der erste Saunaaufguss. Die Wärme legt sich sofort auf den Körper, Wonne keimt auf. Doch als die Muskeln locker werden, geht plötzlich Musik in der Schwitzkammer an. Deutsche Musik. Schlager, Pop. Helene Fischer und Drafi Deutscher. Marmor, Stein und Eisen bricht. Hilfe!

Die Boombox gehört inzwischen fest zum Sauna-Inventar

Der Saunameister meint es ernst. Er singt leise mit, während er Aromawasser auf den Ofensteinen verdampfen lässt. Der Körper verkrampft. „Ein Hoch auf uns“, singt Andreas Bourani. Der Fluchtreflex wird unterdrückt.

Innerlich brodelt es, nicht nur wegen der Hitze. Ist die Sauna nicht einer der letzten Ruheorte in einer Welt voller Lärm? Wo man ganz bei sich sein kann und den Schweißtropfen nachspürt? Ehrlicherweise stimmt das längst nicht mehr. Die Boombox gehört fest zum Sauna-Inventar, große Thermen veranstalten Sauna-Festivals. Es wird geklatscht und gesungen. Manchmal dreschen Mitarbeiter mit Birkenzweigen lustvoll auf die nackten Körper ein, was als russisches Ritual verkauft wird. Der Aufguss als Show, so ein Schweiß!

Im Hotel erzählt der Saunameister einen Witz, es geht um Weißbier. Er spricht in diesen Tagen oft davon. „Nach dem Aufguss genug trinken“, sagt er immer wieder. „Am besten Weißbier.“ Müdes Lachen. Aus den Lautsprechern singt Rudi Carrell: „Wann wird's mal wieder richtig Sommer?“ Klingt, als hätte er Mitleid.

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SZ PlusVon Philipp von Reinersdorff

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