Schlichte Vitrinen, eine ausgezeichnete Beleuchtung, keine Namen, wenige Texte: Die Exponate dürfen tatsächlich für sich sprechen. Das „Refresh“, so die Bezeichnung für die mehrjährigen Modernisierungsarbeiten, hat dem Internationalen Keramikmuseum (IKM) in Weiden zweifellos gutgetan.
7000 Jahre Keramikgeschichte versammeln sich in dem Barockgebäude, das „Waldsassener Kasten“ genannt wird. „Ich kenne kein Museum in Deutschland, das so eine Breite hat“, sagt Josef Straßer, Hauptkonservator und stellvertretender Direktor der Neuen Sammlung, dem Design-Museum in der Pinakothek der Moderne in München. Und dann schwärmt er ein bisschen von der Weltreise, die der Besucher dank der Exponate hier unternehmen kann.
Tatsächlich beherbergt das Haus Keramik aus Ägypten, Nubien, Mesopotamien und dem Vorderen Orient, aber auch aus Griechenland, Pakistan, Thailand, Peru, Südafrika, Nigeria und dem Kongo. Deutsche Keramik natürlich auch. Alles von erlesener Qualität und Weltrang. „Das ist doch ein Pfund, mit dem man wuchern kann“, findet Straßer.
Eröffnet wurde das Museum im Jahr 1990 als erstes Zweigmuseum der Neuen Sammlung. Als die Planungen in den Achtzigerjahren, also noch vor dem Fall des „Eisernen Vorhangs“, begannen, lag Weiden noch im „Zonenrandgebiet“. Von Anfang an war klar, dass Porzellan und Keramik im Mittelpunkt stehen sollten. Schließlich war Porzellan-Herstellung lange der wichtigste Wirtschaftszweig der Region. Noch heute gibt es mit Seltmann Weiden und Bauscher zwei große aktive Unternehmen am Ort.

Dass die Weidener in ihrem Museum Kunstwerke von Weltrang sehen können, verdankt sich dem Zusammenschluss von sechs staatlichen Museen in München. Unter der Federführung der Neuen Sammlung bespielen im Obergeschoss die Antikensammlung, die Archäologische Staatssammlung, das Museum Fünf Kontinente, das Museum Ägyptischer Kunst und das Bayerische Nationalmuseum je einen Saal. Die Räume im Untergeschoss bestückt die Neue Sammlung. „Die Stadt ist für das Gebäude verantwortlich, wir für den Inhalt“, erläutert Straßer das Konzept.
Er hat die sechs von der Neuen Sammlung bestückten Räume im Erdgeschoss kuratiert und die Exponate ausgesucht. „Das hat sich gelohnt“, findet Johannes Listewnik, der Leiter des Museums. „Wir konnten die Besucherzahlen fast verdoppeln.“ Knapp 5000 haben 2025 den Weg ins Museum gefunden, die meisten erst nach dem „Refresh“. Eine Zahl, die noch weit weg ist von dem, was für das kommunale Auge wirtschaftlich wäre, sagt der 37-jährige Leipziger.

Die Stadt hat in den Jahren vor dem „Refresh“ heiß darüber diskutiert, ob sie sich ein so defizitäres Museum für so wenig Besucher überhaupt leisten kann und will. Im Dezember 2015 stufte der Deutsche Kulturrat das Haus sogar als von der Schließung bedroht ein. Letztlich entschied man sich für das Museum, die Zusammenarbeit zwischen Stadt und Freistaat klappt gut.
Von Listewnik, der vor einem Jahr angetreten ist, erhofft man sich nun eine Belebung des Hauses. Der neue Chef will ein aktives Museum mit Veranstaltungen und Sonderausstellungen schaffen - aktuell läuft gerade „soft touch“ des Berliner Designstudios Jüngerkühn. „Das Schlimmste wäre, wenn Leute denken, es reiche, wenn sie das Museum einmal gesehen haben und sie dann nie wiederkommen“, sagt er.

Eigentlich finden sehr viele Menschen täglich den Weg in den Waldsassener Kasten, ein Gebäude mit einer langen Geschichte. Als „Propstei mit Getreidekasten“ im 18. Jahrhundert im Auftrag des Klosters Waldsassen erbaut, zog nach der Säkularisation das Staatliche Forstamt in das ehemals klösterliche Wirtschaftsgebäude. Von 1857 an residierte das Königliche Bezirksgericht mitsamt Gefängnis in den Hallen. 130 Jahre lang diente der Kasten als Haftanstalt. 1983 kaufte die Stadt dem Staat das Gebäude ab und realisierte im Südflügel das Keramikmuseum. Vier Jahre später, 1994, zog in den Nordtrakt die Regionalbibliothek ein, die täglich laut Literaturportal Bayern knapp 1000 Besucher zählt.
Menschen kommen genug ins Haus; es müsste nur gelingen, mehr davon ins Museum zu locken. Der Besuch lohnt sich auf jeden Fall. Der Rundgang unten startet mit französischem Jugendstil und den ersten freifließenden Glasuren. „Da beginnt die moderne Keramik“, sagt Straßer. Deren Entwicklung vollzieht die Ausstellung in großen Schritten nach. Viele berühmte Keramiker, Designer, Architekten des 20. Jahrhunderts sind hier versammelt, Marguerite Friedlaender-Wildenstein genauso wie Josef Hoffmann oder Richard Riemerschmid.

Vertreten sind auch die wichtigsten Keramik-Schulen, die Wiener Werkstätten, die Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle, die Keramische Fachschule Landshut oder die Kunstgewerbeschule München. Besonders gelungen ist die Präsentation aktueller Positionen. Dort hat sich die Keramik längst von ihrer Funktion befreit, auch wenn Johannes Nagels rätselhafte Skulpturen entfernt noch an Vasen erinnern. Dagegen denkt man bei den Objekten von Beate Kuhn eher an Unterwasserwelten.
In einer anderen Welt landet man im Saal der Antikensammlung, begegnet den Gestalten aus dem Lateinunterricht auf rot- und schwarzfigurigen Vasen und Trinkgefäßen. Die Archäologische Staatssammlung führt vor, dass Tontafeln sich auch zum Schreiben eigneten, stellt Alltagsgegenstände aus. Hier findet sich das älteste Stück des Museums: Einen Topf mit hohem Hals und Noppen aus der Jungsteinzeit, 8000 Jahre alt und gefunden in Hienheim.

Das Museum Fünf Kontinente bietet Keramik aus Thailand, etwa eine Urne in Form eines Wasserbüffels. Aber auch dunkel- und türkisblaue Keramik aus Pakistan, blüten- und sterneverziert. Mit Schmuck oder einem Skarabäus aus einem Mumiennetz fasziniert das Ägyptische Museum, während man im Raum des Nationalmuseums Fayencen, Hafnerware, Steingut, verspielte Putti und Götter aus dem 17. Jahrhundert entdeckt. Aber auch das Abtropfkörbchen für den Käse des Pfälzer Kurfürsten Karl Theodor aus dem Jahr 1759 oder sein dreiteiliges Salzfässchen. Beeindruckend ein Hochzeitskrug mit einer schier endlosen Gebetsinschrift.
Dann taucht man neuerlich in eine ganz andere Ästhetik ein: in die Welt des feinen chinesischen Porzellans aus der Seltmann-Sammlung, die 1994 als Schenkung an das Museum ging. Und spätestens jetzt ist klar, dass Keramik zu den wenigen Dingen gehört, die Menschen wirklich verbinden. Es gibt sie einfach überall.

