Der Tierschutzskandal am Geflügelschlachthof Buckl im mittelfränkischen Wassertrüdingen beschäftigt nicht nur weiter Tierschützer, Kontrollbehörden und Justiz. Sondern außerdem die Legehennen-Branche, und zwar in ganz Süddeutschland. Denn der Schlachtbetrieb bei der Firma Buckl bleibt wegen der mutmaßlichen massiven Tierquälereien in dem Schlachthof bis auf Weiteres untersagt. Die Eier-Produktion – gleich ob in eher kleinen, in den mittleren oder auf den großen Legehennen-Haltungen – ist aber so eng getaktet, dass täglich allein in Bayern und erst recht in Süddeutschland Tausende Althennen zur Schlachtung anfallen. Für die Branche stellt sich die Frage: Wohin mit den Tieren? Zumal offenkundig unabsehbar ist, ob und wann der Schlachthof wieder öffnet.
Zwar haben die meisten Legehennen-Halter kurzfristig Zwischenlösungen finden können, etwa mit Hilfe kleiner Schlachtereien. „Aber wir haben sehr großes Interesse daran, dass der Standort in Wassertrüdingen erhalten bleibt und schnell wieder aufmacht“, sagt Felipe Soto, Geschäftsführer des Landesverbands der bayerischen Geflügelwirtschaft. Die Firma Buckl sei vor allem wichtig für kleinere und mittlere Betriebe in Bayern und Baden-Württemberg, das Unternehmen holt nämlich schon kleine Bestände Schlachthennen ab tausend Tieren ab. Das sind winzige Einheiten in einer Branche, die ihre Bestände in Tausenden Tieren zählt.
Der Schlachthof der Buckl Geflügel GmbH und Co. KG, wie die Firma Buckl offiziell heißt, ist der mit Abstand größte Legehennen- Schlachthof nicht nur in Bayern, sondern in Süddeutschland. In dem von außen unscheinbaren Gewerbekomplex in Wassertrüdingen werden pro Schlachttag durchschnittlich 60 000 Legehennen getötet und als Suppenhühner tiefgefroren. Aufs Jahr gesehen summiert sich die Schlachtkapazität auf ungefähr zwölf Millionen Tiere. In ganz Deutschland gibt es nur noch einen Schlachthof mit einer vergleichbaren Größenordnung. Er liegt in Niedersachsen. Die anderen etwa 20 regionalen und lokalen Hennen-Schlachtereien in Bayern haben eine Kapazität von jeweils maximal tausend Tieren am Tag.
In der Legehennen-Branche gilt der Buckl-Schlachthof deshalb als „systemrelevant“. Damit ist gemeint, dass die Branche insgesamt Probleme bekommt, sollte er länger geschlossen bleiben oder womöglich ganz wegfallen. Bayerns Agrarministerin Michaela Kaniber (CSU) hat deshalb schon bald nach Bekanntwerden der Tierquälereien bei Buckl die Gefahr eines Engpasses bei den Schlachtkapazitäten für Geflügel im Freistaat beschworen. Der Tierschutzskandal hat die Branche völlig überraschend getroffen. Bei der Firma Buckl handelt es sich um ein Familienunternehmen mit ungefähr einhundert Mitarbeitern, das in der Branche tief verwurzelt ist. „Wir haben zumindest einen Mitgliedsbetrieb, der seine Schlachttiere schon seit über 60 Jahren an Buckl liefert“, sagt Geflügelverbands-Geschäftsführer Soto. „Solche Betriebe sind natürlich sehr verunsichert.“
Derzeit ist unklar, ob und wie es mit dem Schlachthof weitergeht. Der Anwalt der Firma Buckl antwortet nicht auf eine entsprechende Anfrage der Süddeutschen Zeitung. Und bei der Bayerischen Kontrollbehörde für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (KBLV) hat man offenkundig keinen Kontakt zu dem Unternehmen. „Seit wir Buckl den Schlachtbetrieb untersagt haben, ist die Firma nicht mehr mit dem Wunsch auf uns zugekommen, die Schlachtungen wiederaufzunehmen“, teilte ein Behördensprecher der SZ am Mittwoch mit. Das ist insofern von Bedeutung, als die KBLV der Firma Buckl nicht nur eine Reihe von Vorgaben für die Wiederaufnahme des Schlachtbetriebs gemacht hat. Sondern außerdem den Schlachtbetrieb in dem Schlachthof erlauben müsste, sollte die Firma Buckl ihn wieder starten wollen.
In der Geflügel-Branche bereitet man sich deshalb darauf vor, dass die Unternehmerfamilie Buckl womöglich nicht mehr gewillt ist, den Schlachthof fortzuführen. „Wir wollen sowohl den Standort, als auch das Personal halten“, sagt Geflügelverbands-Geschäftsführer Soto. „Dazu wollen wir möglichst schnell eine neue Gesellschaft gründen.“ Die neue Gesellschaft, an der sich nach Sotos Worten mehrere größere Legehennen-Halter beteiligen wollen, solle natürlich die Vorgaben der KBLV für die Wiederaufnahme des Schlachtbetriebs erfüllen. Also mit einer neuen, unbelasteten Schlachtmannschaft und mit einem neuen Tierschutzbeauftragten antreten.
Zudem wolle man einen neuen Geschäftsleiter berufen, der bisherige Geschäftsführer werde „nur noch eine Übergangszeit im Hintergrund präsent sein“, wie Soto sagt – „so lange wir auf sein Know-how angewiesen sind“. Zeitdruck und Hürden seien hoch, aber möglichst zur Sommerpause sollen Gesellschaft und Konzept stehen.

Die Tierrechtsorganisation Aninova übt derweil harte Kritik. Sie hat die grausamen Misshandlungen der Legehennen in dem Schlachthof aufgedeckt. Aninova hat vor bald vier Wochen verdeckt aufgenommene Filmsequenzen veröffentlicht, die zeigen, wie Schlachthofmitarbeiter die Hälse und Körper der Tiere verdrehen, sie würgen und in Transportboxen klemmen. Wie sie die Hennen mit Fäusten oder Stangen traktieren, mit Füßen treten und ohne erkennbare Notwendigkeit Eier aus dem Unterleib reißen und anderes Schlimmes mehr antun.
Nun sagt Aninova-Chef Jan Peifer: „Entgegen den Behauptungen der Politik und aus der Branche handelt es sich bei Buckl nicht um einen Schlachthof für die Region Bayern.“ Bei der Recherche zu den Tierquälereien seien auch Lieferscheine von Legehennen-Transporten zu dem Schlachthof entdeckt worden. Sie zeigten, dass in Wassertrüdingen nicht nur Legehennen aus Bayern getötet wurden. Sondern außerdem aus Nordrhein-Westfalen, Hessen, Sachsen, Baden-Württemberg und sogar aus Frankreich. „Von 13 Betrieben, von denen wir nachweisen können, dass sie Hennen an Buckl geliefert haben, stammen sieben nicht aus Bayern“, sagt Peifer.
Die Lieferscheine belegten außerdem, dass die Legehennen, die bei Buckl geschlachtet wurden, sehr lange Transportwege hinter sich gehabt hätten. „So waren die Fahrtzeiten meist deutlich über acht Stunden“, sagt Peifer. „Der Betrieb in Frankreich, von dem Legehennen zum Schlachten nach Wassertrüdingen gingen, liegt sogar mehr als 600 Kilometer vom Schlachthof entfernt.“


