NS-PsychiatriegeschichteWarum Pflegeschüler in der Ausbildung den Obersalzberg besuchen

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Am Lichttisch in der Dauerausstellung der Dokumentation Obersalzberg zeigt Mathias Irlinger im Detail, wie die Hitlers Propagandafotos inszeniert, gestellt, bearbeitet und verfälscht wurden.
Am Lichttisch in der Dauerausstellung der Dokumentation Obersalzberg zeigt Mathias Irlinger im Detail, wie die Hitlers Propagandafotos inszeniert, gestellt, bearbeitet und verfälscht wurden. Foto: Matthias Köpf

In der Dokumentation Obersalzberg in Hitlers ehemaligem „Führersperrgebiet“ gibt es spezielle Workshops für Berufsgruppen. In einem davon erfahren Pflegeschüler, wie Ärzte und ihre Assistenten geholfen haben, vermeintlich „unwertes“ Leben auszulöschen.

Von Matthias Köpf, Berchtesgaden

Das Todesurteil besteht aus zwei Wörtern und vier handschriftlichen Kreuzen, neben jedem davon ein schnelles Kürzel, wie es Ärzte schon vor 85 Jahren auf ihre Formulare gekritzelt haben. Im Feld „Art der Beschäftigung“ ist mit Schreibmaschine das Wort „unbrauchbar“ eingetragen und bei „Diagnose“ das Wort „Schüzephrenie“. Es ist ein Urteil nach Aktenlage, das die medizinischen Gutachter da aus der Ferne verhängt haben, mutmaßlich ohne jedes Mitleid und ohne Klara Barak je selbst gesehen zu haben.

Klara Barak wurde kurz danach aus ihrer Heil- und Pflegeanstalt in Wien geholt und in der Tötungsanstalt Hartheim in Oberösterreich umgebracht. Den jungen Menschen, die in der Dokumentation Obersalzberg vor ihrem „Meldebogen“ für die Krankenmord-Maschinerie der Nationalsozialisten stehen, kann sie nur noch in dieser Form begegnen. Mit der Diagnose Schizophrenie jedoch werden wohl viele von ihnen noch öfter zu tun haben.

Denn wenn sie in zweieinhalb Jahren ihren Abschluss an der Pflegeschule des Inn-Salzach-Klinikums in Wasserburg in der Tasche haben, dann können sie unter anderem in der Psychiatrie des oberbayerischen Bezirkskrankenhauses arbeiten. Jetzt in ihrem ersten Ausbildungsjahr erfahren sie in einem Workshop am Obersalzberg, wie solche Krankenhäuser in der NS-Zeit zu Orten von Mord und Vernichtung wurden.

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Zwei Klassen sind an diesem verregneten Frühlingsvormittag aus dem Bus gestiegen, zusammen ungefähr 50 Schülerinnen und Schüler. Die meisten sind im üblichen Schüleralter, doch es sind auch etliche ältere dabei, die sich neu für die Pflege entschieden haben. Im Vergleich zu den Bundeswehrsoldaten im Flecktarn, die gleichzeitig durch die Dauerausstellung gehen, ist die Gruppe aus Wasserburg deutlich bunter. Manche lesen auch lieber die englischen Texte. Die Schüler selbst oder ihre Eltern kämen sicher aus einem guten Dutzend verschiedener Länder, sagt Roland Hanisch, einer der Lehrer, die sie begleiten.

Er und seine Kollegin Evi Glaser haben sich der Gruppe um Mathias Irlinger angeschlossen. Der promovierte Historiker ist Bildungsreferent in der Dokumentation Obersalzberg oberhalb von Berchtesgaden und hat hier schon als Schüler und später als Student Führungen gegeben. Workshops wie diese können Irlinger und seine inzwischen vier Kolleginnen und Kollegen aber erst seit zweieinhalb Jahren anbieten. Im Herbst 2023 war der Neubau der Dokumentation mit der neuen Ausstellung eröffnet worden. Das alte und längst viel zu kleine Gebäude aus dem Jahr 1999 dient seither der Bildungsarbeit.

Der Neubau der Dokumentation Obersalzberg oberhalb von Berchtesgaden wurde 2023 eröffnet.
Der Neubau der Dokumentation Obersalzberg oberhalb von Berchtesgaden wurde 2023 eröffnet. Foto: Matthias Köpf

Der Workshop „Zwischen Hilfe und Mord: Medizin und Pflege im Nationalsozialismus“ ist bei einigen Kliniken und Pflegeheimen in der Region inzwischen fester Bestandteil der Ausbildung. Ähnliche berufsspezifische Workshops gibt es für Polizisten und Soldaten.

Die Pflegeschüler aus Wasserburg sind die ersten Teilnehmer von dort. Der Bezirk Oberbayern und sein Inn-Salzach-Klinikum bemühen sich seit einigen Jahren verstärkt darum, die Rolle der Psychiatrie in der NS-Zeit aufzuarbeiten. Evi Glaser, die das Thema schon länger in ihrem Unterricht aufgreift, hat dafür den Workshop am Obersalzberg vorgeschlagen.

Mindestens ein gewisses Bewusstsein für die Bedeutung des Themas haben sie und die anderen Lehrer jedenfalls schon geschaffen bei ihren Schülerinnen und Schülern. Ob denn dieser Teil der Geschichte wichtig sei für ihren Beruf, will Irlinger gleich zu Beginn von seiner Gruppe wissen und bittet sie, sich je nach Einschätzung weiter da oder weiter dort im Raum aufzustellen. Die Position, dass es zumindest für die tägliche Arbeit in der Klinik ganz egal wäre, was hier besprochen wird, nimmt niemand ein. Ein paar stehen irgendwo in der Mitte, die meisten am anderen Ende der Skala.

Das gleiche Bild ergibt sich bei der Frage, ob denn die Menschen damals gewusst hätten, dass in all den Lagern und Anstalten Menschen umgebracht wurden. „Die meisten wussten das, aber sie haben sich nicht darum geschert“, sagt zum Beispiel Tobias Westner. Der junge Mann mit den langen Haaren, den schwarz lackierten Fingernägeln und den Nietenarmbändern gehört zu denen, die aktiv etwas wissen wollen über die Nazizeit. Er interessiere sich dafür, schaue sich Videos darüber an und lese Artikel im Netz, sagt er.

Im Workshop geht es genau wie in der Dauerausstellung um große Linien, aber dabei immer auch um einzelne Menschen und konkrete Beispiele. „Krass“, sagt Westner angesichts der Zahl der ermordeten jüdischen Mediziner, „Digga!“, entfährt es einer Mitschülerin. Nach dem eineinhalbstündigen Rundgang durch die Ausstellung geht es jetzt in kleinen Gruppen um einzelne Fragen.

Tobias Westner, Noel Tentoma, Kathrin Schmeller, Matilda Haiplik und Sarah Eichholz (von links) erarbeiten sich Antworten aus der Geschichte.
Tobias Westner, Noel Tentoma, Kathrin Schmeller, Matilda Haiplik und Sarah Eichholz (von links) erarbeiten sich Antworten aus der Geschichte. Foto: Matthias Köpf

Tobias Westner beugt sich mit Noel Tentoma, Kathrin Schmeller, Matilda Haiplik und Sarah Eichholz über die Frage „Was bedeutet der Berufsausschluss jüdischer Ärzte und Ärztinnen?“ Die verlieren zunächst ihre wirtschaftliche Existenz, klar, und sie fehlen bei der Versorgung der Kranken. Aber die fünf kommen auch auf eine Erkenntnis, für die es später ein ausdrückliches Lob von Mathias Irlinger geben wird: Nicht-jüdische Ärzte profitieren von dem Ausschluss, weil sie die Praxen und Patienten übernehmen.

Am Tisch daneben beratschlagen sie, wie sie das Wort „Rasse“ vermeiden können, wenn es um die unterschiedliche Behandlung unterschiedlicher Patienten geht. Am dritten Tisch gibt es noch größere Sprachprobleme. Evi Glaser und Roland Hanisch haben sich mit hierher gesetzt, doch Glaser übersetzt vor allem alte Diagnosen wie „Fallsucht“ und „Veitstanz“ in die heutigen Bezeichnungen Epilepsie und Chorea Huntington. „Das sind unsere Patienten in Gabersee!“, schärft sie den Schülerinnen ein.

Rund 500 Meter der einst ingesamt mehr als sechs Kilometer langen Bunker im Obersalzberg sind von der Dokumentation aus zugänglich. Auf viele Besucher üben sie eine besondere Faszination aus.
Rund 500 Meter der einst ingesamt mehr als sechs Kilometer langen Bunker im Obersalzberg sind von der Dokumentation aus zugänglich. Auf viele Besucher üben sie eine besondere Faszination aus. Foto: Matthias Köpf

Als Gabersee ist das Inn-Salzach-Klinikum immer noch geläufig, benannt nach der Gemeinde, die seit 1978 zur Stadt Wasserburg gehört. Mindestens 637 namentlich bekannte Patienten der einstigen Heil- und Pflegeanstalt Gabersee sind während der NS-Zeit dem „Euthanasie“-Wahn der Nationalsozialisten zum Opfer gefallen. Sie wurden zwangssterilisiert oder in „Hungerhäusern“ getötet. Die meisten wurden in der Tötungsanstalt Hartheim ermordet, so wie Klara Bakak aus Wien. Ihr „Meldebogen“ ist eines der wenigen solchen Dokumente, die nicht bei Kriegsende 1945 gezielt vernichtet worden sind. Wenigstens diesem Formular, das von ihr geblieben ist, werden die Pflegeschüler aus Wasserburg im Herbst wieder begegnen. Dann werden sie in ihrem zweiten Ausbildungsjahr in die Gedenkstätte nach Hartheim fahren.

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