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Euthanasie:Neues Erinnerungsdenkmal in Wasserburg eingeweiht

Wasserburg Nazidenkmal

Das neue Denkmal in der Wasserburger Altstadt nennt nicht nur alle bekannten Namen der Getöteten, sondern erzeugt mit seinen Spiegeln auch Reflexionen der Stadt und der Besucher.

(Foto: Matthias Köpf)
  • Am Montag wurde in Wasserburg ein neues Denkmal für Opfer des Nationalsozialismus eingeweiht.
  • Die Stelen sind nach außen verspiegelt und weitgehend unbeschriftet - weil die Gedenkarbeit noch nicht beendet sein soll.

Am Abend zuvor hatte es noch Pfannkuchen gegeben, vergleichsweise ein Festessen und womöglich das letzte bisschen mitfühlender Menschlichkeit, das Therese Mühlberger erfahren hat. Am nächsten Morgen, es war der 7. November 1940, musste sie zu Fuß zu dem Bahngleis gehen, das noch heute südlich des weitläufigen Klinikgeländes durch ein Waldstück führt. Der Zug brachte 120 Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Gabersee Richtung Linz, von dort fuhren Busse sie nach Hartheim. Aus Hartheim kam später ein Schreiben, in dem von einer Verlegung die Rede war und davon, das Therese Mühlberger an einer Lungenentzündung gestorben sei. Beides war falsch, so wie auch die Asche in der Urne nicht die von Therese Mühlberger gewesen ist. Jetzt, fast 80 Jahre später, ist die Wahrheit dokumentiert. "Therese Mühlberger" steht als einer von 742 Namen auf einer Stele des Denkmals für die Opfer des Nationalsozialismus, das am Montagabend in Wasserburg am Inn eingeweiht worden ist.

Allein 637 der namentlich bekannten Ermordeten waren wie Therese Mühlberger Patienten aus Gabersee, die dem "Euthanasie"-Wahn der Nationalsozialisten zum Opfer gefallen sind. Das Thema wurde im Nachkriegsdeutschland über Jahrzehnte hinweg verdrängt - in Politik und Gesellschaft ebenso wie in der psychiatrischen Medizin oder in den Familien vieler Toter. Die Großmutter sei in einer Anstalt gewesen und früh gestorben - viel mehr hat auch Helene Leitner über Therese Mühlberger früher nicht gehört. Auch das Wort "Irrenanstalt" sei hin und wieder gefallen, sagte Leitner am Montag in Wasserburg, wo sie als Vertreterin der Angehörigen sprach. Die Mutter ihrer Mutter ist 1898 in Reit im Winkl geboren, war erst Hausmädchen im örtlichen Krankenhaus, dann Schwesternschülerin beim Dritten Orden in München und für zwei Jahre Schwester Wilfriede, ehe sie die Nonnentracht ablegte und nach Reit im Winkl zurückkehrte. Dort heiratete sie und arbeitete als Hebamme, bis sie wegen einer demenzartigen Krankheit 1933 in die Heil- und Pflegeanstalt Gabersee eingewiesen wurde, die schon damals ein Krankenhaus des Bezirks Oberbayern war und heute Inn-Salzach-Klinikum heißt. Geblieben ist von Therese Mühlberger eine schmale Krankenakte, "zehn Seiten für sieben Jahre, inklusive Deckblatt", sagt Helene Leitner.

Auch wenn längst nicht alle Opfer bekannt sind: Viele der Namen fanden sich etwa auf Deportationslisten.

(Foto: Matthias Köpf)

Bezirksarchivar Nikolaus Braun hat viele dieser Akten gesichtet, auch weil sich der Bezirk seit Längerem seiner Verantwortung für die Krankenmorde in seinen Kliniken stellen will. In der Stadt Wasserburg, zur der das Gebiet der Klinik erst seit 1978 gehört, hatten die Grünen 2015 einen Antrag auf eine Gedenkstätte für die Euthanasieopfer gestellt. In der Arbeitsgruppe sei dann schnell klar geworden, dass die Stadt aller Opfer des Nationalsozialismus gedenken müsse, sagt Bürgermeister Michael Kölbl (SPD), der das Projekt aufgegriffen und zusammen mit Stadtarchivar Matthias Haupt maßgeblich vorangetrieben hat.

Denn neben den relativ gut dokumentierten Patienten aus Gabersee gibt es noch zahlreiche Bewohner des ehemaligen Klosters im nahen Attel, wo unter dem Dach der "Stiftung Attl" schon damals behinderte Menschen gelebt haben und wo es wie im Bezirkskrankenhaus seit 1994 ein Denkmal für die Opfer gibt. Auch aus Attel ließ das NS-Regime Hunderte Menschen, die sie als "lebensunwert" erachteten, ermorden. Die reichsweite Aktion wurde nach der Zentrale in der Berliner Tiergartenstraße 4 als "T4" bekannt, und dass viele Menschen damals eine Ahnung von den Morden hatten, zeigt sich daran, dass die Aktion wegen Unmuts im Volk 1941 eingestellt wurde.

Stattdessen ging das Morden dezentral weiter: Die Opfer wurden nicht mehr in Hartheim und anderen Anstalten vergast, sondern systematisch durch Unterernährung getötet. Selektiert wurde oft nach Arbeitsfähigkeit. So kamen zahlreiche Menschen aus dem 1941 großteils geschlossenen Gabersee in die Bezirksanstalt Eglfing-Haar, das heutige Isar-Amper-Klinikum München Ost. Viele wurden von dort in "Hungerhäuser" gebracht. Was dort geschah, belegt etwa die Patientenakte des Alfons Loder, die eine Gewichtstabelle mit monatlichen Einträgen enthält. Im Mai 1943 wog Alfons Loder nur noch 38 Kilogramm - es war der Monat seines Todes in einem der Hungerhäuser.

Auch Alfons Loders Name steht auf einer der 62 Stelen, die nun am Heisererplatz in der Altstadt zwischen den beiden Kriegerdenkmalen stehen. Die Stelen - die Jury hat eine Arbeit von Dagmar Korintenberg und Wolf Kipper gewählt - bilden ein begehbares Oval. Nach außen sind sie verspiegelt und fangen Reflexionen der Stadt und der Betrachter ein. Viele Stelen sind unbeschriftet - auch weil die Gedenkarbeit noch nicht beendet sein soll. So muss es nach Ansicht von Bürgermeister Kölbl und Stadtarchivar Haupt etwa noch um die 6000 bis 9000 Zwangsarbeiter gehen, die in der Stadt und ihrer Umgebung leiden mussten, oder um die Rolle des Krankenhauses bei Hunderten Zwangssterilisationen. Was das Denkmal jetzt schon zeigt, ist nach den Worten von Helene Leitner auch das: "Was Menschen anrichten können - was wir anrichten können."

© SZ vom 29.01.2020
DENKMAL FÜR DIE "WASSERBURGER OPFER" DES NATIONALSOZIALISMUS
AM HEISERERPLATZ IN WASSERBURG AM INN
Entwurf: Dagmar Korintenberg und Wolf Kipper

Denkmal in Wasserburg
:"Ort der Erinnerungsarbeit für die ganze Region"

Wasserburg errichtet ein Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus. 700 Menschen kamen dort einst ums Leben, viele Einheimische starben an Euthanasie.

Von Ulrich Pfaffenberger

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