Ein Bürgermeister sitzt abends auf der Couch, postet noch etwas auf Instagram – und ist am nächsten Morgen eine Art internationaler Influencer. Inzwischen kommt das 18-Sekunden-Video von Jens Korn, Bürgermeister im oberfränkischen Städtchen Wallenfels, auf 424 Millionen Zugriffe. Zu sehen ist der Beginn einer Floßfahrt auf der Wilden Rodach. Hinreichender Anlass für Fragen: Wie wird man als Kleinstadt-Bürgermeister weltweit beachteter Multiplikator? Was hat das für Folgen? Und was sagt Markus Söder dazu?
SZ: Herr Korn, klären wir bitte erst mal das Influencer-Setting. Sie sitzen also am 9. Mai 2026 auf Ihrer Couch im oberfränkischen 2400-Einwohner-Städtchen Wallenfels und haben Ihr Mobiltelefon in der Hand. Richtig?
Jens Korn: Genau so. Ich hatte einen anstrengenden Bürgermeister-Tag hinter mir, bei der ersten Floßfahrt der Saison durfte ich die Gäste mit einer kurzen Ansprache begrüßen. Natürlich mit anschließendem Bier im Flößerkeller, gemeinsam mit den Flößern. Kann durchaus sein, dass das zur Ermüdung beigetragen hat.

Auch zur Beschwingtheit?
Nein, Hopfen beruhigt. Man sitzt also auf der heimischen Couch und überlegt sich: Na ja, du musst ja heute noch mal einen Tätigkeitsnachweis abliefern. Was war das Thema des Tages? Logisch: die Flößerei. Das macht hier einen Großteil unserer Identität aus und ist ein bestimmendes Thema.
Ein Tätigkeitsnachweis des Herrn Bürgermeister also.
Ich hab’ die erste Wehrdurchfahrt gepostet, den Abendstunden entsprechend aber eher etwas halbherzig. Keine „Hashtags“, keine Verknüpfungen, kein Schnickschnack, lediglich ein kurzer Kommentar dazu. Und zwar das, was die Flößer tatsächlich selbst sagen, wenn sie durch ein Wehr fahren: „In Gott’s Noma“. Also: in Gottes Namen.
Kleine Stilkritik: „In Gott’s Noma“ als Insta-Kommentar wirkt – mit Blick aufs internationale Publikum – auf den ersten Blick durchaus ausbaufähig.
Gestehe ich zu. Auch was die Rücksichtnahme auf sämtliche Bekenntnisse oder Nicht-Bekenntnisse dieser Welt betrifft, dürfte „In Gott’s Noma“ mutmaßlich suboptimal gewählt gewesen sein. Die erste halbe Stunde nach dem Posting habe ich trotzdem gemerkt: Ein paar Leute mögen das. Danach habe ich mein Handy ausgeschaltet.
Sie gehen also zu Bett. Über welche Uhrzeit sprechen wir da?
Ich bin noch nicht ins Bett. Aber irgendwann muss man halt mal sein Handy ausmachen.
Ah, ein Einfach-mal-Ausmacher. Also so richtig professionell scheint Ihr Influencertum tatsächlich nicht zu sein.
Richtig beobachtet. Kürzlich hat mich ein Wallenfelser mit Influ-Jenser angeredet. Da bleib’ ich doch lieber beim einfachen Jens. Im Ernst: Ich bin hier halt einfach der Bürgermeister. Und poste ab und zu irgendwas. Jedenfalls: Als ich das Ding wieder anschalte, macht es Bling-Bling-Bling, ohne Ende. Am nächsten Vormittag waren die Klicks im zweistelligen Millionenbereich, 24 Stunden danach waren wir bei 121 Millionen „Views“. Und jetzt eben: 424 Millionen, jede Woche kommen so etwa ein bis zwei Millionen hinzu.
Woher – in Gott’s Noma – kommt das denn?
Gute Frage. Es gibt inzwischen, kein Witz, ein Erklär-Reel zum Insta-Phänomen Wallenfels.
Ihr Ernst?
Absolut. Eine Agentur für Online-Marketing hat das Video hergenommen und dessen Erfolgsgeheimnis analysiert.
Die wissen also, was da los ist.
Die sagen: Dieses Video ist deswegen so erfolgreich, weil komplett deutlich wird, dass das gerade kein Social-Media-Ding ist. Sondern aus dem wahren Leben stammt. Ohne Musik. Einfach roh. „Raw“, verstehen Sie: raw.
Raw, klar.
Es gibt aber noch eine weitere Erklärung. In Kronach, gleich bei uns ums Eck, kann man am Lucas-Cranach-Campus ganz hervorragend studieren: autonomes Fahren, Wirtschaftsinformatik, Digital Business.
Ah, der lokale Werbeblock.
Ist aber hier wichtig: Ich hab’ an diesem Tag eine Gruppe Studierende mit Wallenfels vertraut gemacht – und von den zwölf waren zehn Inder. Ich habe die Vermutung, dass die mein Video fleißig geteilt haben. Über 200 Millionen der Views kommen aus Indien.

Das ist ein Ansatz.
Schaut man sich die Kommentare an, wird aber auch klar: Dieses Video zeigt etwas, das für uns Wallenfelser völlig normal ist. Wir wissen ja, wie die Fahrt weitergeht nach dem ersten Wehr. Wer das nicht weiß, denkt offenbar: Oh mein Gott – wohin fahren die denn?
Eine Orkus-Situation.
Sagen Sie mit Bayern-Abitur, genau. Andere formulieren: Das ist eine f***ing death machine. Viele Amerikaner glauben übrigens zu wissen: Das sehe doch jeder, dass das KI ist! Weil: Keine Versicherung der Welt würde das je versichern. Aber auch Deutsche hegen Zweifel: In dem Land, in dem der Technische Überwachungsverein erfunden worden ist, der TÜV, sei so etwas schlicht unmöglich.
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Sie werden sich schon noch überzeugen lassen müssen, Herr Bürgermeister: Ihr Wallenfels ist ein KI-Produkt.
Werde ich nicht. Ein Erfolgsgeheimnis ist sicher auch unser Flößer Chris Hofmann, der vorn unendlich cool auf dem Floß steht, das erst in Position bringt, dann durchs Wehr fährt und dabei für alle sichtbar eine Schachtel Zigaretten in seiner Hemdtasche dabeihat. Er wird unglaublich gefeiert.
Herr Bürgermeister, was haben Sie jetzt so an Followern?
Deutlich mehr. Ich bin von 2500 auf über 80 000 hochgeschnellt. Das Problem: Ein Bürgermeister aus dem Frankenwald hätte halt gern 80 000 Follower aus dem Frankenwald. Ein Großteil ist aber aus Indien und Amerika. Ob die sich für eine Ortsverbindungsstraße zwischen der Vorderen und der Mittleren Schnaid interessieren – komplett sicher bin ich mir da nicht.
Think big. Wenn Sie so ein Thema erst mal setzen in Indien.
Gut meinende Freunde fordern mich schon auf: Wir müssen unseren Ort jetzt mit Großhotels zupflastern – weil sich die Views selbstredend in Besucher materialisieren werden. Mal im Ernst: Wir registrieren ein deutlich gesteigertes Interesse. Unsere Floßfahrten sind für die Saison ausverkauft. Verantwortlich für diese Fahrten ist unsere Flößergemeinschaft, alles im Ehrenamt. Und jetzt diese globale Aufmerksamkeit? Das macht die Menschen extrem stolz. Ist schon schön, dass jetzt die Welt auf uns schaut.

Großes Wort.
Ich schaue gerade auf ein Foto, das hängt hier im Büro, über hundert Jahre alt. Eine Gruppe Flößer mit meinem Flößer-Urgroßvater und meinem Flößer-Ururgroßvater. Harte Burschen. Dass diese Sorte von Kameraden jetzt dafür sorgt, dass wir weltweit wahrgenommen werden – geht schon ans Herz.
Zumal Sie ja ein durchaus ernsthaftes Thema haben in Wallenfels, was das Wasser betrifft.
Leider richtig. Wir kämpfen hier seit Jahren mit dem Klimawandel, der im Frankenwald schwere Spuren hinterlassen hat, Stichwort: Borkenkäfer. Und diese Trockenheit belastet uns auch bei der Flößerei. Wir dürfen erst ab einem gewissen Pegelstand aufstauen. Und sind momentan dabei, ein Konzept zu entwickeln, wie wir zwei Stauteiche schaffen können, die uns wenigstens ein paar Floßfahrten sichern. Der Freistaat unterstützt uns da gerade hervorragend. Ich bin mir sicher, dass er das auch weiterhin tun wird. Wir bieten hier ja etwas Einzigartiges.

Oh, das waren jetzt die ersten Sätze, die an Ihre Vergangenheit denken lassen. Sie waren mal Büroleiter bei Markus Söder, allerdings ist das schon 20 Jahre her.
Ich habe da viel lernen – und auch den Menschen Markus Söder kennenlernen dürfen.
Wie ist er denn, der Mensch?
Er ist, er ist, er ist ein ...
Jetzt kommen Sie etwas ins Schleudern.
Überhaupt nicht. Er ist nur schwierig zu erklären. Er ist tatsächlich Mensch. Unverstellt. Fordernd, natürlich. Aber auch sehr aufmerksam. Und ein treuer Freund, über lange Zeiträume hinweg.
Selbst Markus Söders Spitzenvideos – sogar über Bratwürste in Franken – erreichten einen geradezu lachhaften Bruchteil von dem Ihren. Diesen Klassenunterschied nimmt er jetzt einfach so hin, ohne mit der Wimper zu zucken?

Markus Söder ist ein großer Freund des Frankenwalds. Und das schon allein deshalb, weil ich ihn als Büroleiter vier Jahre lang genervt habe mit Geschichten von dort. Ich spüre da tatsächlich keinen Neid. Er freut sich wirklich.
Fein. Sie sind nun also Insta-mäßig auf Augenhöhe mit Cristiano Ronaldo und, wie heißt gleich die US-Schlagersängerin?
„Die Däiler“, wie wir hier sagen, Taylor Swift. Ganz im Ernst: Das ist schon surreal. Blenden aber lässt sich hier niemand davon. Wir sind einfach froh, dass da jetzt ein Interesse da ist und dass wir das, glaube ich, auch verdienen. Bei allem Respekt vor den Flößerkameraden auf der Isar: Deren Fahrt ist ein gemütlicher Seniorenspaziergang dagegen.
Was machen Ihre Indisch-Kenntnisse?
Wir arbeiten hart daran.
Am Ende ein Geständnis: Wir räumen ein, dass SZ-Beiträge mitunter nicht ganz an die 400 Millionen Zugriffe herankommen. Sie als globaler Influencer schauen da aber jetzt nicht auf uns Altmedien herab, oder?
Gar nicht. Wir wissen hier in Wallenfels einfach, dass wir ein ziemlich cooles Motiv haben. Wenn ich demnächst wieder über das Volleyballturnier der mobilen Jugendarbeit des Landkreises Kronach in unserem Freibad poste, dann schauen sich das 50 Leute an. Das ist halt einfach so. Vermutlich würde ein ausgeschlafener Influencer unter das Flößer-Video den Hashtag #onceinalifetime setzen.

