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Naturschutz:Der Waldrapp ist in Burghausen heimisch geworden

Weltweit fast ausgestorben: Der Waldrapp ist in Burghausen wieder heimisch geworden.

  • Der Waldrapp ist fast ausgestorben - es gibt nur noch eine wild lebende Kolonie in Marokko.
  • Seit einiger Zeit leben auch in Burghausen wieder Waldrappen, eine Vogelart, die hier offenbar schon vor Jahrhunderten heimisch war.
  • Naturschützer in der Stadt kümmern sich liebevoll um die großen, schwarzen Vögel.

Von Gianna Niewel

Vor kurzem hat ein Mann angerufen, ein Hobby-Vogelforscher, er wollte Federn. Oliver Habel musste ihm absagen. Der Waldrapp ist geschützt, und geschützt bedeutet: jedes Körperteil, auch die Federn. Der Mann versuchte es wieder, bitte, nur eine einzige, nur für die Sammlung. Oliver Habel blieb hart.

Die Geschichte der Waldrappe in Oberbayern beginnt mit der Bundesgartenschau 2004 und der Frage, wie man die Touristen länger für Burghausen begeistern könne. Die Menschen sollten kommen wegen der Blumen, und sie sollten bleiben, weil die Stadt mehr zu bieten hat als Begonien und Rosenbüsche. Da ist zum Beispiel die Burg zu Burghausen, die längste der Welt. Da ist die Uferpromenade an der Salzach, der Wöhrsee, idyllisch gelegen. Und da ist dieses Altarbild aus dem 15. Jahrhundert mit einem schwarzen Vogel drauf.

Der Waldrapp ist so groß wie eine Gans und gehört zur Familie der Ibisse. Schwarz glänzendes Gefieder, langer rötlicher Schnabel, bei Gefahr kann er seinen Schopf aufstellen. Schon die Ägypter verehrten ihn, sie glaubten, er bete die Sonne an, sie malten ihn auf Gräber und Halsketten-Anhänger. Heute zählen Waldrappe zu den bedrohtesten Vogelarten weltweit. Es gibt nur noch eine wild lebende Kolonie in Marokko, ansonsten werden die Zugvögel in Zoos gehalten. "Burghausen ist der erste Ort weltweit, an dem seit einiger Zeit wieder eine Population selbständig ziehender Waldrappe lebt", sagt Oliver Habel. Sieben Altvögel sind es in diesem Jahr, dann sechs Jungvögel, jeder bekommt einen Namen. Es könnten mehr sein, sicher, aber es waren jahrhundertelang gar keine, insofern ist der 44-Jährige zufrieden.

Oliver Habel hat in Wien Zoologie studiert und ist dann ins Kunsthandwerk gewechselt, jetzt schließt er seinen Schmuckladen hinter sich zu - unter anderem verkauft er Waldrapp-Anhänger, aus Glas geblasen, 29 Euro - und stapft den Weg von der Altstadt hoch zum Gelände der Tiere. Hier, gegenüber der Burg, neben dem alten Pulverturm, leben sie den Sommer über. In einer Wand aus Kalktuff brüten sie, die Nester sind aus Ästen gebaut und mit Moos gepolstert. Auf einer Wiese vor der Wand steht eine Voliere, darin fangen Oliver Habel und seine Kollegen die Tiere, um sie zu untersuchen. Sie füttern sie, Küken, Rinderherzen, zweimal am Tag. Nachmittags sind die Fütterungen öffentlich, dann kommen Touristen oder Schulklassen, oft melden sich Hobby-Vogelforscher an. Sie schauen zu, wie die Vögel auch nach Mehlwürmern haschen.

Habel ist nicht allein, wenn es darum geht, sich um die Tiere zu kümmern. Etwa zehn Männer und Frauen unterstützen das "Waldrappteam" in Burghausen. Zig weitere Helfer sind es an den anderen Stationen. Denn in Burghausen leben überwiegend geschlechtsreife Tiere. In Wien und Seekirchen, nahe Salzburg, werden junge Waldrappe mit der Hand aufgezogen, mit Ultraleichtflugzeugen begleitet das Team von dort aus deren erste Flüge in das Winterquartier in der Toskana, damit die Jungtiere die Route lernen. Im August fliegen sie los, erst ins Alpenvorland, wo die Vögel auf Mähwiesen fressen. Dann in den Süden. Den Weg zurück nach Burghausen finden die Vögel im nächsten Frühjahr ohne Hilfe.

Jeder Waldrapp hat einen Sender

Füttern, kümmern, beim Fliegen begleiten: Das alles kostet Oliver Habel und seine Kollegen nicht nur Zeit. Es kostet auch Geld. Habel erzählt, dass einige Burghausener für ihr Projekt spendeten, schließlich locken die Waldrappe Touristen her und ohnehin gehörten die Vögel doch mittlerweile zum Ort. Die Stadt helfe, das Umweltamt, der Bund für Naturschutz in Bayern. Und auch die Europäische Union habe Interesse daran, dass die seltenen Vögel in Mitteleuropa wieder heimisch werden.

Vor ein paar Tagen waren zwei Minister aus Brüssel da, sie wollten sich anschauen, wie sich das "Life+" Projekt entwickelt. Damit fördert die EU Umwelt-, Klima- und Naturschutzvorhaben. Bis 2019, erzählt Habel, sei das Ziel, dass 40 Waldrappe in Burghausen heimisch werden. Und das sei machbar, wenn nicht wieder Jäger auf die Idee kämen, die Vögel zu schießen - der Grund, wieso sich der Bestand im 17. Jahrhundert so drastisch reduziert hat.

Das Waldrappteam will verhindern, dass sich diese Geschichte wiederholt. Vorteil dieses Mal: Jeden Jungvogel statten sie mit einem GPS-Sender aus, um die Flugrouten zu verfolgen. Das GPS-Signal zeigt aber auch an, wenn die Vögel plötzlich ihren Flug beenden, wenn sie sich ungewöhnlich bewegen oder gar nicht mehr. In Italien, erzählt Habel, laufe gerade ein Prozess gegen einen Mann, der zwei Waldrappe geschossen habe und vor Gericht aussagte, er habe gedacht, es seien Tauben. Habel lacht. Er breitet die Arme aus, seine Hände sind nun neben der Hüfte. Das, sagt er, ist die Flügelspannweite einer Taube. Er streckt die Arme auseinander. Das, sagt er, ist die Flügelspannweite eines Waldrapps.

© SZ vom 31.08.2016/vewo

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