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Wahlkampf:Klinkenputzen ist noch immer wichtiger Teil des Politikerjobs

Katharine Schulze von den Grünen putzt Klinken.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • "Canvassing" heißt das Klinkenputzen von Politikern im Wahlkampf auf Neudeutsch.
  • Parteimitglieder lassen sich darin schulen, wie sie die Bürger am besten ansprechen.
  • Auch in Zeiten sozialer Medien gilt der persönliche Kontakt noch immer als erfolgversprechend.

Von Wolfgang Wittl

Wenn es um den Wahlerfolg geht, will die CSU nichts dem Zufall überlassen. Nicht einmal bei vermeintlich läppischen Hausbesuchen. Soeben laufen in der Partei Fortbildungskurse an, wie sich Helfer verhalten sollen, wenn ihnen im Wahlkampf die Tür geöffnet wird. CSU-Mitglieder aus ganz Bayern lassen sich unter Anleitung erklären, dass es wohl besser ist, mit Wählern höflich ins Gespräch zu kommen, anstatt unvermittelt den Fuß in den Hauseingang zu rammen. Oder auch dann nicht ins Stottern zu geraten, wenn man versehentlich mal beim Kreisvorsitzenden der Linkspartei geklingelt hat.

"Canvassing" lautet der Fachbegriff, der in Parteizentralen zum Grundwortschatz zählt. Normalbürger kennen ihn eher als "Klinkenputzen" aus Kommunalwahlkämpfen, wenn der Bürgermeisterkandidat mit einer Tüte Gummibärchen um Zustimmung wirbt. Doch mit dem Terminus "Klinkenputzen" kann Sigi Hagl wenig anfangen. "Wir klingeln und stellen uns vor", sagt die Landesvorsitzende der Grünen. Ihre Erfahrung? Wähler empfänden den Besuch als "Aufmerksamkeit".

Die Grünen bauten bereits im Landtagswahlkampf 2013 systematisch auf "Canvassing". Nach amerikanischem und französischem Vorbild zogen sie von Tür zu Tür - insgesamt 100 000 Haushalte - und versuchten, ihre Botschaften flächendeckend anzubringen. Die SPD war im letzten Bundestagswahlkampf sogar millionenfach aktiv. Dennoch: Wenn nicht alles täuscht, werden Bayerns Bürger demnächst noch mehr Besuche bekommen.

Diesen Montag präsentiert die Union in Berlin ihr Wahlprogramm, die SPD hat es bereits getan. Die Grünen feiern am 15. Juli ihren bundesweiten Auftakt, dann biegt der Bundestagswahlkampf in die heiße Phase ein. Zwar setzen alle Parteien mehr und mehr auf moderne Technik - auf herkömmlichen Häuserwahlkampf will trotzdem kaum eine verzichten, wie auch die Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen gezeigt haben. Auch die Linke hat die Erfahrung gemacht, dass ihre "Haustürgespräche" durchaus fruchten. Nur die FDP war zuletzt weniger auf der Straße, dafür mehr in sozialen Medien unterwegs. Doch irgendwie ist das Rezept stets das gleiche: Klinkenputzen mit modernen Mitteln.

Die CSU hat eigens eine Software entwickeln lassen, um ihre Wahlhelfer in die richtigen Viertel zu schicken. Das Programm basiert laut eigenen Angaben auf mehreren Millionen Daten. Mit ihnen lasse sich "zielgruppengenau" erkennen, wo welche Art Wähler sitze, sagt Generalsekretär Andreas Scheuer. Denn auch das ist wichtig: an Türen zu klingeln, hinter denen mögliche Unterstützer wohnen und nicht die Konkurrenz, die sich ohnehin nicht überzeugen lässt.

CSU arbeitet sich in drei Stufen ab

Auch den Grünen ist die Mobilisierung der eigenen Leute wichtig: Sie vertrauen einem "Wahlkampfatlas", um ihr Wählerpotenzial auszuloten. Datenschutzrechtlich sei alles in Ordnung, versichern die Parteien. Über Einzelpersonen sei nichts bekannt, sondern nur, ob ein Straßenzug eher schwarz, rot, grün, gelb, orange oder anderen Farben zugetan sei.

Die CSU arbeitet im Wahlkampf nach einem Drei-Stufen-Modell. Phase eins, die Gespräche mit der CDU, wird diesen Montag abgeschlossen sein. Am 23. Juli präsentiert die CSU ihren sogenannten "Bayernplan" mit einem Fest im Olympiapark. Das Papier wird auch jene Positionen enthalten, die mit der CDU nicht zu machen sind - etwa die Forderung nach einer Obergrenze für Flüchtlinge, nach bundesweiten Plebisziten und dem Ausbau der Mütterrente.

Mit Phase zwei beginnt die interne Mobilisierung auf den Bezirksparteitagen. In Phase drei wird es vor allem auf Innenminister Joachim Herrmann ankommen. Anders als bei der für die CSU missratenen Europawahl 2014, als der Wahlkampf auf Parteichef Horst Seehofer zugeschnitten war, soll diesmal der Spitzenkandidat im Mittelpunkt stehen. Herrmann hat nicht nur angekündigt, jeden der 46 Wahlkreise persönlich zu besuchen. Er wird im August auch die meisten der sogenannten "Klartext"-Veranstaltungen übernehmen. Sie lösen das Format "Seehofer direkt" ab. Seehofer hat sich bereits in den Pfingstferien den Fragen von 200 Bürgern gestellt - ein Test, worauf es im Wahlkampf ankommen wird. Der Abend wurde aufgezeichnet, einzelne Sequenzen sollen je nach Thema in sozialen Medien verwertet werden.

Viele Freiwillige sind im Dienst der Parteien unterwegs

Auch die Wahlhelfer werden dann ausschwärmen, bei der CSU bis zu 1300 Freiwillige. Die Grünen haben Handbücher, die Bundespartei bietet Kurse an, Direktkandidaten lassen sich fleißig unterrichten. Auch Landeschefin Sigi Hagl hatte sich 2013 schulen lassen und zog durchs Land. Anfangs fühle sich das Klingeln ungewohnt an, doch ihre Erfahrungen seien "ausnahmslos positiv" ausgefallen. Kein Wähler sei daran interessiert, sich die Welt erklären zu lassen, "die Menschen setzen die Themen von selbst", sagt Hagl.

Sicher, manche Tür bleibt verschlossen, obwohl jemand zu Hause ist. Schwierig kann es umgekehrt aber auch werden, wenn die Bürger zu freundlich sind. Einladungen zum Kaffee etwa müssen Politiker im Sinn der Wahlkampf-Ökonomie ausschlagen. Die nächste Tür wartet schon.

© SZ vom 03.07.2017/vewo

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