Wahlkampf in Bayern In den Städten geht der Platz aus, auf dem Land die Menschen

Der Wegzug macht sich auch optisch bemerkbar: ein verfallendes Haus in Georgenberg.

(Foto: Isabel Bernstein)

Was kann die Politik gegen die Landflucht tun? Ein Besuch in der Oberpfalz, wo Bewohner nach Jahrzehnten überlegen, ihr Dorf zu verlassen.

Reportage von Isabel Bernstein, Georgenberg

Der Ironie des Lebens begegnet man in der Oberpfalz am Straßenrand. Am Ortseingang von Neuenhammer grinst Ministerpräsident Markus Söder (CSU) dem Besucher von einem Wahlplakat entgegen und hält, umringt von einer Schar junger Menschen, ein Smartphone in der Hand. "Modernes Leben - Schnelles Internet und Mobilfunk für jeden" verspricht er.

Schnelles Internet? In der Gemeinde Georgenberg, zu der Neuenhammer gehört, wären sie schon froh, wenn das Internet überhaupt in jedem Haushalt zuverlässig funktionieren würde. Tut es aber nicht.

Leerstand Rettet die Dörfer!
Landflucht

Rettet die Dörfer!

In Deutschland bluten ganze Regionen aus. Alte Häuser verfallen, die Busse fahren bestenfalls vier Mal pro Tag und der nächste Arzt ist 20 Kilometer weit weg. Das kann so nicht weitergehen.  Kommentar von Susanne Höll

Georgenberg liegt an der tschechischen Grenze in einer Gegend Bayerns, in die sich nicht viele Besucher ohne Grund verirren. Knapp 15 Kilometer sind es über kurvige, enge Straßen bis zur Autobahn, 25 Kilometer bis nach Weiden, der nächstgelegenen Stadt, die einen solchen Namen verdient hat. Die Gemeinde ist umgeben von sanften Hügelketten, Wäldern und grünen Wiesen. Durch das Tal mäandert der Zottbach, in kleinen Teichen schwimmen Forellen, und Wanderwege führen an alten Mühlen vorbei bis über die Grenze. Wer dort einkehrt, zahlt für das Stück Kuchen 1,50 Euro, die Halbe Bier kostet zwei Euro.

Und doch: Für Einwohner hat die Idylle ihren Reiz verloren. Den Tante-Emma-Laden von einst gibt es nicht mehr, die letzte Bankfiliale wurde vor zwei Jahren geschlossen, einen Bäcker, Metzger, eine Apotheke oder einen Hausarzt sucht man hier vergebens. Die Wirtschaft beim Rathaus hat vor kurzem dicht gemacht, weil es keinen Nachfolger gab. Eine Grundschule gibt es noch, aber nur noch mit zwei jahrgangskombinierten Klassen.

Rita Voit wohnt seit 32 Jahren im Gemeindeteil Hinterbrünst, das liegt noch einmal ein Stück hinter dem Hauptort. Sie mag das Leben auf dem Land, vor allem die Stille, die Natur. Die 56-Jährige hat eine Menge auf sich genommen, um hier wohnen bleiben zu können. Jahrelang pendelte sie zwei- bis dreimal pro Woche zu ihrem Arbeitsgeber, dem Versorgungsamt, nach Nürnberg, 135 Kilometer pro Strecke, zwei Stunden einfach teils mit Auto, teils mit Zug. Die restlichen Tage in der Woche arbeitete sie von zu Hause aus. Ob sie darüber nachgedacht hat wegzuziehen? Nein, sagt sie. Ihr Mann, ein gebürtiger Georgenberger, habe nie vom Land wegwollen, "und ich eigentlich auch nicht".

Rita Voit muss inzwischen nur noch 60 Kilometer weit in die Arbeit pendeln.

(Foto: Isabel Bernstein)

Wäre da nicht die Landflucht der Anderen. Seit 15 Jahren spürt Rita Voit einen Abwärtstrend, "man sieht, dass die Gemeinde ausstirbt". Die Arbeitsplätze in der 1300 Einwohner großen Gemeinde werden immer weniger, junge Menschen wollen weg. Auch Voits 31-jährige Tochter und ihren 26-jährigen Sohn hat es nach Nürnberg und München gezogen. Ihre Tochter könne sich vorstellen, wieder auf dem Land zu wohnen, "aber nicht mehr so ländlich". Jede noch so kleine Erledigung muss mit dem Auto gemacht werden. Unter der Woche gibt es drei Busverbindungen nach Vohenstrauß, eine Stadt mit etwas mehr als 7000 Einwohnern, und drei nach Weiden. Einen Zug gibt es nicht.

Es ist bei weitem nicht die einzige Gegend in Bayern, die von Landflucht betroffen ist. Vor allem dem Nordosten des Freistaats werden erhebliche Bevölkerungsrückgänge prognostiziert, Wunsiedel zum Beispiel. Dort rechnet das Landesamt für Statistik bis 2036 mit 15,3 Prozent weniger Bewohnern, knapp jeder Siebte wird den Landkreis also verlassen. Im Kreis Neustadt an der Waldnaab, zu dem Georgenberg gehört, rechnet man im selben Zeitraum mit einer Abnahme von 7,4 Prozent. Dort stehen schon jetzt einzelne Häuser leer und verfallen.

Was muss passieren, um diese Entwicklung zu stoppen? In den Programmen zur Landtagswahl spielt die ländliche Entwicklung eine wichtige Rolle, einige Parteien widmen dem Thema ein eigenes Kapitel. Die Rede ist davon, durch eine Quote oder Prämie mehr Landärzte anzuwerben oder kleine Krankenhäuser und Geburtsstationen zu erhalten. Der öffentliche Nahverkehr soll ausgebaut, Unternehmen finanziell gefördert werden, wenn sie ihre Arbeitsplätze in der Region belassen oder ihren Sitz dorthin verlagern, es werden Konzepte und Sonderprogramme zur Dorfentwicklung vorgeschlagen, die die Einrichtung von Dorfläden unterstützen oder gegen Leerstände vorgehen sollen. Schnelles Internet und flächendeckender Mobilfunk steht auch in jedem Parteiprogramm.