Wahlkampf Grüß Gott,Radlmeier

Der leutselige CSU-Kandidat Thomas Radlmeier hat gute Chancen, neuer Oberbürgermeister von Landshut zu werden.

Von Andreas Glas, Landshut

Helmut Radlmeier verbeugt sich, er verbeugt sich noch mal, diesmal noch tiefer. So gehört sich das, wenn der Parteichef kommt. Mit rechts greift er nach der Hand des Chefs, mit links packt er Horst Seehofer am Oberarm. Helmut Radlmeier ist ein Anfasser. Er schüttelt Hände, klopft Schultern, knufft Oberarme. Er kann nicht anders, er macht das bei jedem. Und weil Wahlkampf ist, schüttelt und klopft und knufft es gewaltig an diesem Montagabend in Landshut.

"So viel Medienauflauf hatten wir schon lang nicht mehr", sagt Radlmeier. Er meint die Fotografen, Kameraleute und Reporter, die sich vorm Bierzelt auf dem Landshuter Festplatz aufgebaut haben. "Nur wegen dir, Helmut, nur wegen dir", sagt Horst Seehofer. Helmut Radlmeier lacht laut. So gehört sich das, wenn der Parteichef einen Witz macht. Denn natürlich sind die Reporter nicht wegen Radlmeier da, sondern wegen Seehofer, der den Reportern allerdings mitteilt, dass er nichts mitzuteilen hat zur Kanzlerkandidatendebatte. Also weiter in Richtung Bierzelt, der Chef voraus, Radlmeier einen Schritt dahinter.

Das Zelt ist voll, Blasmusik setzt ein, es ist Politischer Montag in Landshut, wie jedes Jahr, aber nicht jedes Jahr kommt der Ministerpräsident. Seehofer ist hier, um - wie man sagt - die Wahlkampftrommel zu rühren für Helmut Radlmeier, den CSU-Kandidaten für die Landshuter Oberbürgermeisterwahl am 9. Oktober. Das Rühren klappt am Anfang nur so mittel, weil Seehofer ans Rednerpult tritt und, "lieber Hans Radlmeier", den OB-Kandidaten mit falschem Namen begrüßt. Dann sagt er: "Helmut Radlmeier ist ein Politiker mit einem Stil, wie ich ihn schätze. Er ist erfahren, er ist glaubwürdig, er ist authentisch."

Authentisch. Wer diejenigen fragt, die Radlmeier schätzen, der hört das oft. Der Helmut, heißt es dann, das sei ein Kumpeltyp, ein Politiker zum Anfassen. Mit halb Landshut per Du, Mitglied in gefühlt hundert Vereinen. Natürlich auch im Fußballverein, der SpVgg Landshut, dessen zweiter Vorsitzender er ist. "Wir haben in der Regel 120 Zuschauer, ich kenne fast alle. Ich weiß, wo jeder steht und sitzt", sagt Radlmeier. Jeden kennen, jeden duzen - diese Nähe könnte sich bezahlt machen: Bei einer Umfrage der Landshuter Zeitung kam er im Juli auf fast 49 Prozent - bei immerhin drei Gegenkandidaten.

Ein paar Tage vor dem Seehofer-Besuch sitzt Radlmeier, 49, auf dem Balkon seines Vier-Zimmer-Büros in der Landshuter Altstadt. Er ist, nun ja, bürgernah gekleidet: kein Anzug, nur Hemd, Jeans, Turnschuhe. Neulich, erzählt er, sei die Lokalzeitung bei ihm zu Hause gewesen, für eine Homestory, was bei Radlmeier auf Niederbairisch klingt wie "Houmschdorri". In der Lokalzeitung war zu erfahren, dass er in Landshut geboren und aufgewachsen ist, eine Banklehre gemacht hat, alte Bücher und Landkarten sammelt, Armbrustschütze ist und FC-Bayern-Fan. "Aber ich bin auch Mitglied im Löwen-Fanklub, ich mag alle bayerischen Vereine", sagt Radlmeier.

Er kennt alle, er mag alle. So inszeniert sich Radlmeier und vielleicht ist es wirklich seiner Harmonie-Seligkeit zu verdanken, dass in der Landshuter CSU nach Jahren der Grabenkämpfe wieder etwas Ruhe eingekehrt ist. Der Kampf um Macht und Mandate hatte die Partei so zerrissen, dass vor drei Jahren drei CSU-Stadträte aus der Fraktion austraten und eine eigene Wählergruppe gründeten. Danach unternahm der Chef der JU einen Putschversuch, er wollte Radlmeier als CSU-Kreischef stürzen, er hielt ihn für führungsschwach. Am Ende konnte sich Radlmeier zwar durchsetzen, doch ein Drittel der Delegierten stimmte im Frühjahr 2015 gegen ihn.

Und trotzdem: Seither scheint Burgfrieden zu herrschen in der Landshuter CSU. Dass die Partei Radlmeier im vergangenen Dezember mit 98,2 Prozent zum Oberbürgermeisterkandidaten wählte, war für Landshuter Verhältnisse eine Sensation. Der Schöpfer dieser neuen Harmonie sei Radlmeier selbst, sagt Noch-OB Hans Rampf (CSU), der aus Altersgründen nicht mehr zur Wahl antreten darf. Und auch Radlmeier beansprucht den Parteifrieden für sich: "Durch meinen Kreisvorsitz habe ich die CSU in schwierigen Zeiten zusammengeschweißt." So euphorisch sehen das nicht alle. Ein Parteikollege sagt, Radlmeier sei "der kleinste gemeinsame Nenner".

Zu dem Stadträte-Trio, das damals die CSU-Fraktion im Zorn verlassen hat, gehörte auch Gabriele Goderbauer-Marchner, die für ihre neue Fraktion, die Wählervereinigung Landshuter Mitte, bei der OB-Wahl gegen Radlmeier antreten wollte. Die Hochschulprofessorin hätte ihm gefährlich werden können, gerade weil sie so anders war. Nicht so volkstümlich, nicht so betont herzlich, trotzdem beliebt. Eine begabte Rednerin, eine Intellektuelle. Doch am 1. Juli starb Goderbauer-Marchner an Krebs. Seither ist Radlmeier klarer Favorit. "Ich bedauere das brutal", sagt er über den Tod seiner Gegnerin. "Ich sage das nicht nur so, ich kann das trennen, unabhängig von allen Zwistigkeiten". Das darf man ihm glauben. Er bekommt feuchte Augen, wenn er darüber spricht, wirkt ehrlich berührt.

Ob ihn das nicht ärgere, dieses Image des karlmoikartigen Grüßgott-Onkels? "Ich brauche in meinen Reden halt keine fünf Zitate vom Cicero", sagt Radlmeier, "ich versuche einfach, mit den Leuten gut auszukommen und auf Augenhöhe zu reden. Bürgernähe, das ist schon meins." Er steht auf, verschwindet kurz und kommt auf den Balkon zurück mit seinem Lieblings-Wahlkampfgeschenk: einem Mini-Zinndeckel, den man auf Flaschenköpfe stecken kann, damit das Bier nicht schal wird. Wer den Deckel hochklappt, dem lächelt Radlmeier von einem kleinen, runden Foto entgegen. "Super, oder?"

Sein großes Plus im Wahlkampf sieht Radlmeier in seiner Nähe zu den Mächtigen. Seit drei Jahren ist er Landtagsabgeordneter, ein Hinterbänkler eher, aber "es ist nicht verkehrt, wenn man Kontakte in der CSU hat". Den Weiterbau der vierspurigen B 15 von Regensburg nach Landshut zum Beispiel, den hätte es nicht gegeben, hätte er nicht seine Beziehung zum Parteichef spielen lassen, sagt Radlmeier. Als OB könne er für Landshut "ein Türöffner zu den Ministerien" sein. Sonst hält er sich mit Wahlversprechen zurück. Er weiß, dass Landshut höher verschuldet ist als die meisten vergleichbaren Städte in Bayern. Natürlich wolle er als OB für bezahlbare Wohnungen sorgen und dafür, den Verkehr in der Stadt zu entzerren. "Aber wir können nicht mehr ausgeben, als wir haben. Wenn du jedem alles versprichst und kannst es nicht halten, das ist nicht meine Art", sagt er. So viel Ehrlichkeit erlaubt sich nicht jeder Politiker im Wahlkampf.

Zurück im Bierzelt. Radlmeier steht auf der Bühne, diesmal im Anzug, mit Krawatte, am Revers ein schwarzer Anstecker, auf dem ein weißes Radl abgebildet ist, sein Wahlkampflogo. Er erzählt wieder die Geschichte, als er Seehofer überzeugt habe, die B 15 weiterzubauen. Er sagt noch, wie wichtig ihm die innere Sicherheit sei, und dann, plötzlich, hört er auf zu reden. "Es gäbe noch so viel zu sagen", sagt Radlmeier, aber er will Seehofer keine Zeit stehlen. "Die Bühne gehört dir, lieber Horst." So gehört sich das, wenn der Chef zu Gast ist.