Augsburg Misslungener Waffenhandel nahe der Autobahn

Ort der Auseinandersetzung: die Kapelle St. Salvator in Adelzhausen im schwäbischen Landkreis Aichach-Friedberg.

(Foto: imago)
  • Zwei Männer wollten nahe der A8 bei Adelzhausen ein Waffengeschäft abschließen. Am Ende hat einer von ihnen dem anderen in den Kopf geschossen.
  • Vor dem Landgericht Augsburg sagt der Angeklagte, er habe aus Notwehr gehandelt. Sein Gegenüber habe ihn mit einer Armbrust angegriffen.
  • Das Opfer ist nicht vernehmungsfähig. Der Prozess wird fortgesetzt.
Aus dem Gericht von Florian Fuchs, Augsburg

"Am liebsten wäre es mir", sagt der Angeklagte Alexander L., "ich hätte ihn nie getroffen." Mit "ihn" meint er Benjamin A. (Name geändert), der nach der Begegnung der beiden Männer sein rechtes Augenlicht verloren, eine Gehirnschädigung davon getragen hat und nicht mehr gehen kann: Der Angeklagte soll ihm im Sommer 2017 bei einem geplatzten Waffendeal an der Kapelle St. Salvator in Adelzhausen mit einer Glock 17 in den Kopf geschossen haben - und muss sich nun vor dem Augsburger Landgericht verantworten.

Alexander L. und seine Verteidiger bestreiten nicht den Schuss, plädieren aber auf Notwehr, weil ihn das Opfer zuvor mit einer Armbrust angegriffen haben soll. Die Staatsanwaltschaft sieht das anders: Die Anklage lautet auf gefährliche und schwere Körperverletzung.

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L. war gerade dabei, seinen Hausstand aufzulösen, mit seiner Ehefrau wollte der Unternehmer nach Brasilien auswandern. Weil der heute 41-Jährige im Jahr 2015 einen Jagdschein erworben hatte, besaß er eine Langwaffe, einen Revolver und eben die Tatwaffe, eine Pistole. Die Waffen durfte er nicht legal nach Brasilien mitnehmen, so schildert er es vor Gericht, deshalb habe er sie auf der Plattform "egun" im Internet angeboten - ein digitaler Marktplatz, der ähnlich funktioniert wie "ebay", bloß eben speziell auf die Interessen von Jägern, Schützen und Anglern ausgerichtet ist.

Nun wird die Geschichte ein wenig verworren, was L., wie er vor Gericht deutlich macht, auch selbst bewusst ist. Ein Mann habe ihn über die Plattform kontaktiert, er wolle die Glock kaufen, er solle sie aber bitte an seinen Schwager schicken. Als er diese Bitte abschlug, habe der Interessent doch einem persönlichen Treffen zugestimmt, an jenem Parkplatz vor der Kapelle nahe der Autobahn A 8. Als L. dort gegen 21.30 Uhr ankam, begrüßte ihn jedoch nicht der Interessent, sondern Benjamin A., der eine Armbrust im Kofferraum hatte - und offenbar davon ausging, dass L. diese kaufen wollte. An einer Glock 17 jedenfalls hatte er kein Interesse.

Die beiden Männer prüften laut Aussage des Angeklagten ihren Mail-Verkehr, konnten aber nicht nachvollziehen, wie es zu dieser Verwechslung gekommen war. L. schließlich kündigte A. an, den Vorfall der Plattform "egun" zu melden, und fuhr wieder nach Hause. Schon kurz darauf aber klingelte sein Handy: A. war dran, er könne sein Auto nicht anlassen, ob L. noch einmal umkehren und Starthilfe geben könne.

"Mir war ein wenig mulmig", sagt L. vor Gericht, deshalb habe er Munition in ein Magazin geladen, bevor er zum Parkplatz zurückgefahren sei: Die Glock habe er in seine rechte, das Magazin in die linke Hosentasche gesteckt. Als er neben dem Wagen von A. hielt und ausstieg, habe der kurz darauf die Armbrust in der Hand gehalten und ihn bedroht. Es kam zu einem Handgemenge, laut L. flog ein Pfeil knapp an seinem Kopf vorbei, dann habe A. ihn angesprungen, in den Schwitzkasten genommen und zu Boden gedrückt. "Ich hatte Todesangst."

Also habe er mit Mühe versucht, seine Pistole zu laden: Ein erster Schuss löste sich nicht, ein weiterer Schuss traf A. oberhalb des rechten Auges und trat am Hinterkopf wieder aus. Der junge Mann aus Baden-Württemberg blieb blutend am Boden liegen, L. alarmierte die Polizei. Sanitäter retteten dem Schussopfer das Leben, Ermittler nahmen L. am Tatort fest.

Inzwischen lebt der 41-Jährige in Brasilien, für den Prozess ist er nach Deutschland zurückgekehrt. Das Gericht wird auch mit Hilfe eines Sachverständigen herausfinden müssen, ob L. tatsächlich in Notwehr handelte und was es mit dem mysteriösen, missglückten Waffendeal auf sich hat. Das Opfer kann dazu nicht befragt werden: Benjamin A. ist nicht vernehmungsfähig. Der Prozess wird am 13. Mai fortgesetzt.