Waffenhammer:Alter Ego

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Gerhard Marek ist überzeugt von der historischen Existenz Til Eulenspiegels und bügelt Zweifel mit einem harten Schlag auf den Tisch schlicht nieder. Dem Schelm, der im 14. Jahrhundert durch die Welt gestreift sein soll, errichtete der ehemalige Lehrer eine ganz eigene Welt

Von Katja Auer, Waffenhammer

Es ist ein rauer Ort mit einem wilden Namen, Waffenhammer, wo Thor seinen Hammer in den Fels geworfen haben soll und so die Steinachklamm aus dem Gestein schlug. Dann haben sie dort Waffen geschmiedet für die Burgherren von Wildenstein und zu dieser Zeit soll auch Til Eulenspiegel in Waffenhammer vorbeigekommen sein. So hat es Gerhard Marek in seinem Eulenspiegel-Buch aufgeschrieben, der heute in Waffenhammer lebt und der auch etwas rau wirkt und manchmal sogar wild. Eulenspiegels Schuhe sind jedenfalls aufgetaucht bei der Renovierung des alten Anwesens vor zehn Jahren und so stehen sie heute noch im Haus. Braune Schuhe, recht groß, altmodisch mit nach oben gebogener Spitze, ein bisschen ausgelatscht.

Man mag das gerne glauben an diesem Ort, der selbst so phantastisch wirkt wie die Geschichten von jenem Schelm, der im 14. Jahrhundert durch die Welt gestreift sein soll. Marek ist überzeugt von der historischen Realität Eulenspiegels und das Buch, dessen Erstausgabe 1515 erschien, möchte er nicht als Kinderbuch missverstanden wissen. Sonst kann Marek laut werden, dann haut er mit seiner Faust auf den mächtigen Holztisch in der Küche und brüllt hinüber zum ahnungslosen Gegenüber: "Die Scheiße mit dem Kinderbuch muss aufhören." Damit man verstehe.

Er habe Theologie und Mathematik studiert, erzählt er, war mal Lehrer, aber dann wollte er nicht mehr. Es ist nicht besonders schwer vorstellbar, dass Marek angeeckt sein könnte im staatlichen Dienst. Webmeister war er auch mal, in der ehemaligen Scheune steht noch ein riesiger alter Webstuhl. Dann ist er Künstler geworden, vielleicht war er das schon immer, hat gemalt, mit Holz und Stein gearbeitet und hat Eulenspiegel eine seiner Schaffensphasen gewidmet. Bronzefiguren stehen in Waffenhammer, Dutzende, sie erzählen die Historien über Eulenspiegel nach. Marek hat sie gemacht, die überlebensgroße, zwei Tonnen schwere in der Scheune mit dem Bocksbeutel am Gürtel und die draußen auf dem Felsbrocken vor der Einfahrt ebenso wie die kleinen im Kaminzimmer. Eine für jede Geschichte. 96 Historien gibt es im Buch, bekannte sind darunter, wie jene als Eulenspiegel Bäcker wurde und nur Eulen und Meerkatzen buk. Oder wie er einem Esel das Lesen beibrachte, indem er Hafer zwischen die Seiten eines Buches legte.

Marek hat ein Til-Eulenspiegel-Museum eingerichtet, das einzige in Bayern und Baden-Württemberg, wie er sagt. Wer es besuchen will, muss die kleine Straße finden, die hinunter führt nach Waffenhammer und er darf sich nicht erschrecken lassen von dem Besitzer, der nicht jederzeit offen wirkt für Besucher. Der aber passt zu diesem Ort, der romantisch einsam wirken kann im Sommer, oder unwirtlich abgelegen, wenn es Winter wird im Frankenwald. 20 Jahre hat das Haus leergestanden bis Marek es entdeckt hat, irgendwann, er mag nicht viel erzählen über sich. Er renovierte das Anwesen und machte einen verzauberten Ort daraus.

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In der Küche sitzt Marek auf einem riesigen selbstgezimmerten Stuhl, einem Thron beinahe, in dessen Lehne eine Eule geschnitzt ist. Ab und zu wirft er ein mächtiges Stück Holz in den gemauerten Ofen, die Türstöcke sind massiv wie Säulen und an der Decke hängen Muscheln und Mobile aus Holzstückchen. Marek hat eine Munitionskiste da stehen, darin eine Front-Ausgabe des Til Eulenspiegel. Er liest eine kleinen Auszug vor, als Kritik am Krieg will er das verstanden wissen. "Das ist kein alter Hut", sagt er, allerhand Lebensweisheiten findet er in dem Buch, er spricht über die Euro-Krise in Griechenland genauso wie über den islamischen Terror. Einen Satz im Nachwort des schmalen Bändchens hat er sich angestrichen: "Im Lachen selbst, in der guten Laune zeigt sich der Schutz und das Heilmittel gegen die Unbilden der Welt." Manchmal wirkt Marek selbst wie ein Schelm, dann tänzelt er beinahe durch das alte Haus. Leicht wie seine Figuren, die in einer merkwürdigen Diskrepanz stehen zu der Grobheit, mit der er auf den Tisch hauen kann. Bis Schneeglöckchen hereinkommt, die Katze, und Mareks Stimme leise wird und zärtlich. Wer wieder wegfährt von Waffenhammer, der mag gerne glaube, dass Eulenspiegel dort Station gemacht hat. Vielleicht ist er sogar noch da.

Infos zum Museum im Internet unter www.waffenhammer.com. Wir bedanken uns für diesen Tipp bei Herrn Reinhard Witzgall aus Helmbrechts.

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